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Materialdienst 3/2017
Friedmann Eißler

Extremismus in salafitischen Milieus

Radikalisierung, Deradikalisierung, Prävention

1

Radikalisierungsprozesse im Bereich des islamischen Extremismus finden in salafitischen Milieus statt. Nicht jede salafitisch denkende Person ist automatisch gewaltbereit, aber umgekehrt gilt, dass sich bislang alle bekannten Dschihadisten in salafitischen Milieus radikalisiert haben.2

Der zeitgenössische Salafismus (arab. Salafiyya) ist eine fundamentalistische, radikale und demokratiefeindliche, in Teilen militante Glaubensrichtung des sunnitischen Islam. Gemeinsamer Bezugspunkt ihrer unterschiedlichen Strömungen ist die Grundüberzeugung, dass die ursprüngliche und wahre Religion von Muhammad verkündet und von den ersten drei Generationen der Muslime (as-salaf as-salih, „die rechtschaffenen Vorfahren“, kurz salaf) bewahrt, dann jedoch im Laufe der Zeit durch religiöse Neuerungen (bida’) unzulässig verändert, geschwächt oder gar verdorben worden sei. Deshalb werden spätere Entwicklungen und kulturelle Anpassungen wie auch grundsätzlich der Sufismus (mystischer Islam, Heiligenverehrung etc.) abgelehnt. In der Herauslösung aus dem traditionalen Kontext (starke Fiktion einer übergeordneten umma) und der intensiven Nutzung moderner Technologie, sozialer Netzwerke etc. zeigt sich der moderne Charakter des Salafismus. Notwendig ist in den Augen der Salafiten eine radikale Erneuerung durch die Rückkehr zu der Lehre und der Glaubenspraxis der Frühzeit des Islam. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Einladung zum Islam (da‘wa) an alle Nichtmuslime, aber auch an alle von der Wahrheit abgewichenen Muslime ergehen. In diesem Sinne stellt sich der Salafismus als islamische Reformbewegung dar. Um die gegenwärtige(n) salafitische(n) Ideologie(n) von dem tatsächlich reformorientierten „Modernismus“ seit dem 19. Jahrhundert zu unterscheiden, für den auch der Begriff Salafiyya/Salafismus benutzt wird, sprechen manche heute auch von „Neo-Salafismus“.

Häufig werden drei salafitische Hauptrichtungen unterschieden:3 Auf der einen Seite die puristisch-missionarische Interpretation, die privat einen streng religiösen Wandel vorsieht, die öffentliche Ordnung jedoch nicht infrage stellt (und Politik ablehnt). Auf der anderen Seite die revolutionär-aktivistische Linie, die die Durchsetzung von Glaubensvorstellungen gegen alle Formen des „Unglaubens“ mit gewaltsamen Mitteln bis hin zum militanten Dschihadismus und Terrorismus verlangt. Zwischen diesen zahlenmäßig eher schmalen Rändern bewegen sich die meisten Salafiten im Bereich des „politischen“ Salafismus, der eine religiöse Gesellschaftsordnung anstrebt und ein Spektrum von Gewaltablehnung bis zur theoretischen Legitimierung von Gewalt abdeckt (ohne dazu aufzurufen). Aus einer Außenperspektive beschreiben diese Unterscheidungen nur Nuancen, zumal die Grenzen zwischen den Gruppen fließend sind und Einzelne in kürzester Zeit Radikalisierungsprozesse bis zur Gewaltbereitschaft durchlaufen.

Zur Größenordnung und Struktur salafitischer Milieus

Seit etwa 2006 entwickelt sich die islamistische Extremistenszene besonders dynamisch. Eine vor allem von deutschsprachigen Predigern wie Pierre Vogel, Hassan Dabbagh, Abu Jibriel, Ibrahim Abou-Nagie geprägte Phase wurde ab 2011 seit dem sogenannten „Arabischen Frühling“ von einer internationalen Entwicklung abgelöst. Die Rekrutierung von militanten Aktivisten durch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) in Europa kann als weitere Zäsur und Beginn einer dritten Phase betrachtet werden (die noch einmal unterteilt werden kann durch die verstärkte Anwerbung von Mädchen und jungen Frauen und immer jüngeren Anhängern seit 2015).4

Rund 9700 Personen wurden Anfang 2017 (im April 2016 noch 8650; März 2015: 7000, 2011: 3800) von den Behörden dem salafitischen Spektrum in Deutschland zugeordnet, das entspricht knapp 0,2 Prozent der muslimischen Bevölkerung. 10 Prozent davon seien gewaltbereit, schätzt das Bundeskriminalamt. Zum Dschihadismus bestehen fließende Übergänge, das „islamistisch-terroristische Personenpotenzial“ wird auf über 1200 beziffert, etwa 550 Personen werden als akute „Gefährder“ eingestuft (Anfang 2016: 450; Anfang 2015: 270, Anfang 2011: 130). Die Zahlen sind seit Jahren stets steigend. Mehr als 800 Männer und Frauen aus Deutschland sind nach Angaben von Sicherheitskreisen bereits nach Syrien und in den Irak in den Krieg ausgereist. Dabei handelt es sich überwiegend um in Deutschland geborene männliche Muslime mit Migrationshintergrund, etwa ein Achtel sind Konvertiten, etwa 20 Prozent Frauen. Ein Drittel ist nach Deutschland zurückgekehrt, weit über hundert Personen kamen in den Kampfgebieten ums Leben. Die Personengruppe der Rückkehrer bereitet sicherheitspolitisch besondere Sorge.5
 
Die absoluten Zahlen bewegen sich im Promillebereich, doch das Gewalt- und damit das Gefahrenpotenzial ist hoch. Die Werbestrategien sind professionell und zielgerichtet, wie die systematische Rekrutierung von jungen Frauen und Mädchen seit 2015 erneut zeigt. Das Zugangsalter liegt bei 16 bis 19 Jahren (Mehrheit der Salafiten bis etwa 27), in letzter Zeit werden zunehmend jüngere Jahrgänge angeworben.

Die salafitisch-dschihadistische Szene ist schwer zu greifen, da es kaum feste Strukturen gibt. Bekannte Leitfiguren prägen das Gesamtbild, es gibt Wanderprediger, die in Moscheen und anlässlich größerer Events auftreten. Hauptmedium ist das Internet, über Social Media wird eine fluide Anhängerschaft angesprochen. Es gibt relativ wenige feste Vereinsstrukturen, die von Salafiten flexibel genutzt werden. In jüngster Zeit diversifiziert sich die Szene zunehmend, sie wird regionaler und lokaler und damit unübersichtlicher.

Voraussetzungen für Radikalisierungsprozesse

In der Adoleszenz sind vier riskante Bewältigungsleistungen zu erbringen:6 1. die positive Erfahrung von Selbstwertigkeit, 2. die erfolgreiche Suche nach sozialer Orientierung, 3. die erfolgreiche Organisation sozialen Rückhalts und 4. eine gelingende soziale Integration.
Das Gelingen wird infrage gestellt durch Faktoren, die entsprechend vier Bereichen zugeordnet werden können („riskante Rahmenbedingungen“). Sie sind nicht streng voneinander getrennt und interagieren vielfach.

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1 Dieser Beitrag ist die erheblich erweiterte Fassung eines Statements, das im Rahmen der Fachtagung der kirchlichen Weltanschauungsbeauftragen „Heute glauben in Europa – Zwischen Religionsdistanz und Religionsfanatismus“ (St. Pölten, 5. bis 8. Juni 2016) abgegeben wurde.
2 „Salafitisch“ analog zu sunnitisch, schiitisch, alevitisch. In Presse und Medien hat sich weitgehend „salafistisch“ durchgesetzt. Manche wollen „Salafiten“ als Anhänger der „klassischen“ salafitischen Lehrbildungen von den „Salafisten“ als den Vertretern des politischen und militanten Salafismus unterscheiden, was jedoch begrifflich kaum sauber möglich ist. Bis ca. 2006 wurden Salafiten häufig als „Neofundamentalisten“ bezeichnet. – Vgl. zum Thema Behnam T. Said/Hazim Fouad (Hg.), Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam, Freiburg i. Br. 2014; Thorsten G. Schneiders (Hg.), Salafismus in Deutschland. Ursprünge und Gefahren einer islamistisch-fundamentalistischen Bewegung, Bielefeld 2014; Rauf Ceylan/Benjamin Jokisch (Hg.), Salafismus in Deutschland. Entstehung, Radikalisierung und Prävention, Reihe für Osnabrücker Islamstudien Bd. 17, Frankfurt a. M. 2014.
3 Vgl. Quintan Wiktorowicz, Anatomy of the Salafi Movement, in: Studies in Conflict & Terrorism 29/3 (2006), 207-239. Wiktorowicz bezog sich auf jordanische und saudi-arabische Salafiten, seine Dreiteilung wird gelegentlich im Blick auf andere Kontexte, z. B. Deutschland, modifiziert. Vgl. auch Samir Amghar, Quietisten, Politiker und Revolutionäre: Die Entstehung und Entwicklung des salafistischen Universums in Europa, in: Said/Fouad (Hg.), Salafismus (s. Fußnote 2), 381-410.
4 Vgl. Handlungsempfehlungen zur Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus und Islamfeindlichkeit. Arbeitsergebnisse eines Expertengremiums der Friedrich-Ebert-Stiftung, FES-Forum, Berlin 2015, 40.
5 Alle genannten Zahlen für Deutschland stammen von Verfassungsschutzämtern in Bund und Ländern. Zu Österreich können folgende Zahlen genannt werden: Der muslimische Anteil an der Bevölkerung liegt bei ca. 6,8 % (mehr als eine halbe Million Muslime); im November 2015 wurde die Zahl der Menschen, die aus Österreich nach Syrien in den Krieg zogen, mit 250 beziffert, die der Rückkehrer mit 70, 40 Personen starben (bis 2014: 140 Kämpfer und 60 Rückkehrer, bis 2013: 50 Kämpfer und 9 Rückkehrer). In der Schweiz (330000 – 440000 Muslime, ca. 5,1 % der Bevölkerung) hat der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) rund 400 potenzielle Dschihadisten auf dem Radar, seit 2001 wurden 73 Ausreisen in Kriegsgebiete und 12 Rückkehrer gezählt.
6 Nach Lothar Böhnisch, Sozialpädagogik der Lebensalter, Weinheim 2001, 46ff, zit. nach Rainer Kilb, Religiöse Radikalisierung als Bewältigungsstrategie adoleszenter Widersprüche und gesellschaftlicher Versagungen, in: Interventionen. Zeitschrift für Verantwortungspädagogik, Schwerpunkt Salafismus, 5/2015, 16-23, hier 19.

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