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Materialdienst 6/2017
Anne Richards

Mission und Brexit

Die Motive der "Leave"-Wähler - Anfragen an die Kirche

Vor einem Jahr, am 23. Juni 2016, stimmten 52 % der britischen Wählerinnen und Wähler für den Austritt aus der Europäischen Union. In den Monaten nach dem Referendum wurden zahlreiche Gespräche mit „Leave“-Wählern geführt. Aus der Sicht der Kirche von England berichtet über Gedanken, Ängste und Gefühle und die sich daraus ergebenden Anfragen an die Kirche die Beauftragte für Missionstheologie und neue religiöse Bewegungen, Anne Richards (s. auch MD 2/2014, 44-53).


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Zur Brexit-Entscheidung kam es, weil sich aus inneren und äußeren Faktoren ein perfekter Sturm zusammengebraut hatte, gespeist aus einer verstörenden Mischung besonderer und unvorhersehbarer Ereignisse (einschließlich der Ermordung einer Parlamentsabgeordneten des Pro-EU-Flügels).2

Beim Referendum am 23. Juni 2016 stimmten 52 % für den EU-Austritt. Es gab deutliche regionale (Schottland und London waren insgesamt für den Verbleib) sowie altersmäßige Unterschiede (die meisten der Jüngeren, die abgestimmt haben, stimmten für den Verbleib). Neben weiteren Faktoren spielten Bildungsniveau und Nationalbewusstsein wohl eine Rolle beim Wahlverhalten. In verarmten und vernachlässigten Gegenden sowie in solchen, in denen ein starker und schneller sozialer Wandel stattgefunden hatte, war – insgesamt gesehen – eine Mehrheit für den Ausstieg („Leave“).

Inzwischen wurde gemutmaßt, dass viele Wähler nicht wirklich verstanden hatten, wofür sie da stimmten (bzw. dass es ihnen egal war): Sie haben ihre Stimme genutzt, um gegen die Regierung und die Austeritätspolitik zu protestieren. Viele haben wohl nicht erwartet, dass die Brexit-Fraktion gewinnen würde, und jetzt bereuen sie ihre „Leave“-Stimme. David Cameron wurde dafür kritisiert, dass er das Referendum – vielleicht von einer Entscheidung pro EU ausgehend – initiiert hatte, und den EU-Gegnern wurde vorgeworfen, sie hätten nicht richtig dargelegt, was ein EU-Ausstieg wirklich bedeute. Beiden Seiten wurde vorgeworfen, im Falle eines Neins zur EU gar keinen Plan gehabt zu haben.

Trotz allem: Ein Referendum ist direkte Demokratie, eine Chance für jeden Wahlberechtigten, sich Gehör zu verschaffen und über etwas mitzubestimmen, das ihn direkt betrifft. Was immer man von der Mehrheitsentscheidung halten mag: Sie deckt Dinge auf, die im täglichen Leben vielleicht nicht so offensichtlich sind. Es kann ans Licht kommen, wie Menschen ihr eigenes Leben empfinden, was sie über ihre Zukunft denken und über ihre Nachbarn. Eine Volksabstimmung kann eine Art Erlaubnis sein, Sorgen, Hoffnungen, Befürchtungen und Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Wir mögen das Ergebnis womöglich nicht, es schockiert uns vielleicht sogar, aber wir können nicht selbstzufrieden sein oder so tun, als hätten diese Dinge keine Bedeutung – schon deshalb nicht, weil einiges davon die Kirche betrifft und die Art und Weise, wie sie in der Gesellschaft vorkommt, ebenso ihren missionarischen Auftrag und das, was sie zu tun versucht.
 
„Zuallererst müssen wir hören – und zwar besonders auf das, was in den englischen und walisischen Nazareths gesagt wird, den unscheinbaren, abgehängten Orten, denen der moderne Kapitalismus keinen Wert beimisst.“3 Die östlich von London gelegene Verwaltungseinheit Thurrock4 ist vielleicht eins dieser Nazareths. Dort stimmten 72,3 % für den Brexit (57765 Stimmen, das vierthöchste Ergebnis überhaupt). In den Monaten nach dem Referendum wurden zahlreiche Gespräche mit „Leave“-Wählern geführt.5 Daraus ergab sich eine Reihe von Punkten, aus denen Kirchen, die in Mission und Diakonie engagiert sind, ihre Lehren ziehen können.

„Leave”

Gleich nach dem Referendum tauchte in Thurrock ein Mann auf dem Parkplatz eines Supermarkts auf und begann, Menschen afrikanischer und asiatischer Herkunft anzuschreien, die frühmorgens beim Einkaufen waren. Sie hätten jetzt das Vereinigte Königreich zu verlassen. Gefragt, warum er das tue, gab er zur Antwort, „Leave” hätte gewonnen, und sie sollten schon mal ihren Koffer packen. Als man ihn darauf hinwies, es sei über das Verlassen der EU abgestimmt worden, blieb er trotzdem dabei, dass es darum gegangen sei, „Fremde“ hinauszubekommen. „Ich bin da reingegangen [in das Wahllokal] und habe ein verdammt großes Kreuz bei ‚Leave‘ gemacht, kapiert? Ein verdammt großes Kreuz. So habe ich abgestimmt. Wir kriegen unser Land zurück.“

Die meisten Passanten haben den Mann einfach ignoriert, aber Margaret Swinson, ein prominentes Mitglied sowohl der anglikanischen Kirche als auch der ökumenischen Organisation „Churches Together in Britain and Ireland” schrieb am 26.6.2016 auf Facebook: „Wir fühlen uns verwundbarer denn je, und viele Berichte in den sozialen Medien bestätigen, dass dieses Gefühl berechtigt ist. Ich persönlich habe in den letzten 35 Jahren keine so große Gefährdung gesehen wie jetzt. Die Bestie des Fremdenhasses ist wahrhaftig aus dem Käfig.“ Wenn diese erst einmal losgelassen ist, zerstört sie schnell alles, was Freundlichkeit, Gastfreundschaft, Versöhnung, das Sich-Kümmern um andere erreicht haben. Mit unserer Gesellschaft Unvereinbares, das unterschwellig vor sich hinbrodelt, kann die hauchdünne Schutzschicht der Toleranz durchbrechen und unserer Gesellschaft enormen Schaden zufügen. Es ist, wie wenn Eiterbeulen schlechten Benehmens aufplatzen.

Ungeachtet dessen, was als nächstes passieren wird, ist zu fragen: Was können die christlichen Kirchen, ja, alle gläubigen Menschen tun, um zu verstehen, was sich im Leben der Menschen abspielt und zur Brexit-Entscheidung geführt hat? Und was können sie tun, um diese Probleme anzugehen?

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Anmerkungen

1 Gekürzte Fassung des Originaltextes (aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Liebau).
2 Vgl. Jonathan Chaplin, www.abc.net.au/religion/articles/2016/06/24/4488874.htm (Abruf der angegebenen Internetseiten: 3.5.2017).
3 Angus Ritchie, ebd.
4 Zur Bevölkerungsstatistik vgl. www.thurrock.gov.uk/sites/default/files/assets/documents/jsna-demographics-population-v02.pdf.
5 Alle Namen geändert. Die Gespräche wurden u. a. an folgenden Orten geführt: Läden, Polizeistation, Arztpraxen, Tankstellen, Ämter, Bücherei, Kirchen, Schulen. Angesprochen wurden u. a.: Obdachlose, eine Jugendgruppe, eine Eltern-Kind-Gruppe, Pendler, kirchliche Gruppen, Einkaufsbummler, Ladeninhaber, eine Gruppe Sikhs, Einzelpersonen.

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