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Materialdienst 6/2017
Haringke Fugmann

Der Film "Winna - Weg der Seelen"

Anomalistische Phänomene rund um Tod und Sterben

Der Film „Winna – Weg der Seelen“ (2014, 83 Min., Regie: Fabienne Mathier1) will ein Film sein „über ein Stück ursprüngliches, mysteriöses, faszinierendes Wallis, über Sagen und Mythen zum Thema Seelenwanderungen und über Menschen, die Verstorbenen begegnet sind“2. Aus dem Begleittext zum Film erfährt man außerdem, dass sich der Film als Dokumentation versteht: „Dieses alte und verborgene Wissen gerät immer mehr in Vergessenheit. Mit dem Film wurde ein wichtiges Zeitdokument geschaffen. Die alten Traditionen werden aufgespürt, es kommen Sagenerzähler und Sagensammler zu Wort.“3 Interessant ist vielleicht noch der Hinweis, dass der Film teilweise über Crowdfunding finanziert wurde.4

Die Regisseurin Fabienne Mathier, promovierte Psychologin, hat nach ihrer Selbstauskunft zehn Jahre als Psychologin und Psychotherapeutin gearbeitet. Im Jahr 2009 begann sie, sich in Theaterpädagogik, Filmregie, Filmschnitt und Drehbuchschreiben weiterzubilden. Außerdem entwickelte sie ein starkes Interesse für das Thema Spiritualität und absolvierte zahlreiche Kurse bei verschiedenen spirituellen Lehrern und Lehrerinnen.5

Inhalt des Films

Der Film wird von einer einfachen narrativen Grundstruktur getragen: Eine Schülerin namens Sarina Zimmermann aus Visperterminen im Kanton Wallis in der Schweiz hört im Unterricht von alten Sagen über den „Gratzug“. Als Hausaufgabe soll sie sich in ihrem sozialen Umfeld nach alten Erzählungen zu diesem Thema umhören. Im Verlauf des Films sehen wir sie dann etwa bei einem Erzählabend mit dem bekannten Sagenerzähler Andreas Weissen6 aus Brig oder bei einer Begehung des Aletschgletschers zusammen mit Martin Nellen aus Riederalp, der dort eine Bergsteigerschule betreibt.7 Immer wieder werden im Film auch beeindruckende, ruhige, von meditativer Musik unterlegte Landschaftsaufnahmen gezeigt.

Am Anfang des Films stehen also Sagen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum sogenannten „Gratzug“ im Mittelpunkt. Dabei handelt es sich um Geschichten, die davon erzählen, dass die „armen Seelen“ aus dem Fegefeuer, nur mit Leichentüchern bekleidet, des Nachts und in der eisigen Kälte einer mehrstündigen Prozession entlang einer eindeutig bestimmbaren Route im Kanton Wallis folgen, um auf diese Weise zu büßen, bis sie schließlich in den Spalten des Aletschgletschers verschwinden. Die erst kürzlich Verstorbenen oder in Kürze Sterbenden sollen am Schluss des Zugs gehen. Es handelt sich also um stark durch die römisch-katholische Volksfrömmigkeit dieser Gegend geprägte Sagen aus dem letzten Jahrhundert.

„Winna“ (der Begriff, der dem Film seinen Namen gegeben hat), nach Auskunft der Regisseurin8 gleichbedeutend mit dem Wort „Gratzug“, wird im Film als eine besondere Art von Wiedergänger-Phänomen beschrieben: Wie u. a. der Lokalhistoriker Rainer Brigger (der das Pfarreibuch über die Dreifaltigkeitspfarrei von Staldenried verfasst hat9) im Film erklärt, wurde die Redewendung „in eine Winna kommen“ verwendet, wenn eine Person Blasen oder Schwellungen im Gesicht hatte. Man erklärte sich dieses Phänomen so, dass die oder der Betroffene nachts von einer „armen Seele“ aus dem Gratzug geküsst oder berührt worden war oder dass diese ihm etwas ins Gesicht geworfen hatte. Meist sei das Phänomen im November aufgetreten, im „Allerseelenmonat“. In den schlimmsten Fällen von „Winna“ sei die oder der Betroffene einige Zeit später verstorben.

Danach werden im Film zeitgenössische, jeweils sehr unterschiedliche anomalistische (also von alltäglichen Erfahrungen abweichende) Erlebnisberichte rund um Sterben und Tod nach- und nebeneinander präsentiert: Lina Heinzmann aus Visperterminen berichtet von synchronistischen Phänomenen beim Tod nahestehender Menschen; so habe es bei ihr als Teenager an der Tür geklopft, als ihr Vater im Krankenhaus gestorben sei. Inhaltlich passt dazu ein (später im Film gezeigter) Bericht von Mathilde Burgener aus Visperterminen: Sie habe genau im Augenblick des Todes ihres Sohnes Mike (der als Bergführer am Berg verunglückte) einen starken Schmerz „auf der Schulter“ verspürt.

Maria Salzmann aus Ritzingen erzählt von einem Spuk mit Klopfgeräuschen in ihrem Haus, den sie vorsichtig mit ihrem verstorbenen Mann in Verbindung bringt. Inhaltlich dazu passend berichtet Mathilde Burgener (wieder später im Film), dass immer wieder nachts eine Lampe mit Berührungssensor bis zu viermal von selbst angegangen sei; sie führt dies auf die Anwesenheit ihres verstorbenen Sohnes zurück.

Das Medium Conny Giammarresi aus Brig spricht davon, seit wann und wie sie die Verstorbenen sehen kann (sie hat als Medium in der Vergangenheit 100 SFr für eine 60-minütige Sitzung verlangt10 und hat seit dem 1.9.2016 eine eigene Sendung mit dem Titel „Fräg Doch Misses Poppins“ auf „TV Oberwallis“ rund um anomalistische Phänomene moderiert11). Dazu passt inhaltlich, wenn Mathilde Burgener (wiederum später im Film) von einem Kontakt zu ihrem verstorbenen Sohn Mike im Rahmen einer spiritistischen Sitzung mit einem Medium erzählt.

Dann spricht wiederum Lina Heinzmann von selbst erlebten Präkognitionen: Sie „höre“, bevor jemand sterbe. Xaveria Furrer aus Naters berichtet, dass sie ihren verstorbenen Mann um sich wisse und auch eine kurze Erscheinung ihres verstorbenen Ehemanns im Garten bei den Rosen gehabt habe. Und Rainer Brigger erzählt von den Sterbebett-Visionen seiner Schwiegermutter und seiner Mutter.

Filmkritik

Vordergründig scheint der Film in neutraler, zumindest zurückhaltender Weise über anomalistische Phänomene rund um das Thema Tod und Sterben zu berichten: Es kommen Menschen zu Wort, die selbst anomalistische Erfahrungen gemacht haben oder die sich im Rahmen ihrer lokalhistorischen Recherchen damit befasst haben. Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass der Film eine deutliche Sympathie für die sogenannte „spiritistische“ Deutung dieser verschiedenen anomalistischen Phänomene hegt. Mit der spiritistischen (von lat. spiritus für „Geist“) Deutung ist die Vorstellung gemeint, dass sich die Seele eines Menschen im Tod von seinem Körper trenne, weiter existieren und mit der Welt der Lebenden interagieren könne.

Diese Sympathie zeigt sich zunächst darin, dass der Film inhaltlich sehr disparate zeitgenössische anomalistische Phänomene unterschiedslos neben- und nacheinander präsentiert; ihr verbindendes Motiv haben alle diese sehr unterschiedlichen Phänomene (synchronistische Phänomene im Todesaugenblick, Spukfälle, spiritistische Erfahrungen, Präkognitionen, Erscheinungen von Verstorbenen und Sterbebett-Visionen) im Grunde einzig in ihrer spiritistischen Deutung durch die Personen, die zu Wort kommen.

Zudem hat die Regisseurin darauf verzichtet, solche Berichte zu zeigen und solche Personen zu Wort kommen zu lassen, die andere Deutungen propagieren würden. Was hätte z. B. eine literaturwissenschaftliche, eine volkskundliche, eine parapsychologische oder eine theologische Perspektive zu sagen gehabt? Wie lassen sich diese anomalistischen Phänomene in die komplexen sozioökonomisch-kulturellen Veränderungsprozesse im Wallis im Laufe der letzten 100 Jahre einzeichnen? Wie stehen sie in Relation zur Geschichte des Spiritismus in der Schweiz? Inwiefern erfahren wir aus den Berichten eher etwas über die Welt der Lebenden als über die der Toten?

Schließlich ist im Film m. E. ein deutliches weltanschauliches Bewertungsgefälle festzustellen: Die Sagen über den Gratzug und über Winna aus vergangenen Zeiten, die stark vom römischen Volkskatholizismus dieser Gegend geprägt sind, werden eher am Anfang des Films und eher als beängstigend dargestellt und dementsprechend von dramatischer Musik unterlegt. Die zeitgenössischen anomalistischen Erfahrungen, die durchgehend spiritistisch gedeutet werden, werden danach und überwiegend als tröstlich präsentiert; selbst der Humor hat dort einen Platz.

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Anmerkungen

1 Gemeinsam mit der Regisseurin wurde vom Cineplex Bayreuth in Kooperation mit dem Evangelischen Bildungswerk Bayreuth am 21.12.2016 eine Vorführung des Films mit anschließendem Filmgespräch durchgeführt. Meine Teilnahme als Gesprächspartner war Anlass für meine Recherchen zu dem Film.
2 http://winna.ch/?page_id=51 (Abruf: 14.12.2016).
3 Ebd.
4 Vgl. https://wemakeit.com/projects/winna-weg-der-seelen (Abruf: 21.12.2016).
5 Vgl. die Internetseite der Regisseurin: www.fabiennemathier.ch.
6 Vgl. www.andreas-weissen.ch/site/sagen.html (Abruf: 20.12.2016).
7 Vgl. www.suedlenz.ch (Abruf: 20.12.2016).
8 Beim Filmgespräch in Bayreuth (s. Fußnote 1).
9 Vgl. www.staldenried.ch/dorfleben/pfarrei/pfarreibuch.php (Abruf: 20.12.2016).
10 Vgl. www.deinmedium.ch/details.html?cf_id=13 (Abruf: 20.12.2016). Nach Auskunft der Regisseurin Fabienne Mathier beim Filmgespräch im Dezember 2016 (s. Fußnote 1) war Conny Giammarresi zu diesem Zeitpunkt nicht als Medium zu kontaktieren.
11  Vgl. http://tvoberwallis.tv/fraeg-doch-misses-poppins-s1-e1-2 (Abruf: 20.12.2016).

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