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Materialdienst 7/2017
Andreas Fincke

Kirche und Konfessionslosigkeit in West- und Ostdeutschland

Im Sommer der Wiedervereinigung, also 1990, haben wir uns bisweilen gefragt, welches Erbe die Ostdeutschen in das geeinte Deutschland einbringen. Genannt wurden damals das Sandmännchen, der Berliner „Palast der Republik“, die fünf Nationalparks auf ostdeutschem Gebiet oder Sekt der Marke „Rotkäppchen“. Je nach Geschmack mag man das eine oder andere wertschätzen – was die Ostdeutschen jedoch als folgenreichstes Mitbringsel einbrachten, war die Konfessionslosigkeit.

Zwar gab es auch vor 1989 im ehemaligen Westteil Deutschlands eine benennbare Quote an Konfessionslosigkeit, sie lag 1987 bei etwa 15,5 %, aber mit der Wiedervereinigung wurde die Konfessionslosigkeit erstmals zu einem Massenphänomen. Heute ist bundesweit etwa jeder Dritte konfessionslos; in einigen ostdeutschen Städten liegt die Quote bei über 90 %.

Die Wiedervereinigung hat damit die religiöse Lage in Deutschland grundlegend verändert. Es ist jedoch nicht zuerst die hohe Konfessionslosenquote, welche unsere Kultur verändert – es ist die soziale Akzeptanz der Kirchen- und Religionsferne, die weitreichende Folgen hat. Immer häufiger ist, nicht nur im Osten, die Entscheidung für die Taufe eines Kindes im Freundeskreis begründungspflichtig und ruft eine kirchliche Trauung Erstaunen hervor. Folgerichtig konstatierte die EKD-Mitgliedschaftsuntersuchung von 2014 erstmals für Gesamtdeutschland einen „Normalzustand Konfessionslosigkeit“1. Das wollen viele, zumal in kirchennahen Kreisen, nicht wahrhaben. Trotzig zitieren sie Karl Rahner und tönen: Die Konfessionslosen haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.

Doch solche Konstrukte helfen nicht. Denn der „normale Konfessionslose“ lebt ohne Gott ein gutes Leben, hat einen moralischen Kompass und ist nicht ausländerfeindlicher als Kirchenmitglieder. Mehr noch: Der „normale Konfessionslose“ scheint rechten, populistischen Bewegungen distanzierter gegenüberzustehen, als ich das in vielen thüringischen Kirchengemeinden erlebe. Er hat nicht Gott vergessen – er braucht ihn nicht, kennt ihn nicht, sucht ihn nicht. Hierin sehe ich die eigentliche Dramatik und Herausforderung für die Kirchen, die – zumindest in Ostdeutschland – erstmals in ihrer Geschichte nicht mit anderen Religionen oder Weltdeutungen konkurrieren, sondern religiösem Analphabetismus begegnen. Das häufig bemühte Bild, Ostdeutsche seien „religiös unmusikalisch“ (Max Weber), trifft es recht genau. Es fehlt ihnen zumeist jeglicher Sinn fürs Religiöse. Doch wie will man einen Blinden den Unterschied zwischen Rot und Schwarz lehren?

Die Autorin Rita Kuczynski hat das wie folgt beschrieben: „Konfessionslose brauchen für ihre persönliche Sinnfindung keinen Gott, brauchen nichts Übersinnliches, nichts Transzendentes. Sie leben im Hier und Jetzt und sehen am Himmel nur Vögel, Flugzeuge und Wolken. Und: Ihnen fehlt nichts!“2

Charakteristisch für die Wahrnehmung von Konfessionslosigkeit als sozialen Normalfall ist auch die inzwischen vielfach zitierte Äußerung von Jugendlichen bei einer Befragung auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Auf die Frage, ob sie sich „eher christlich oder eher atheistisch“ verstehen, haben einige geantwortet: „Weder noch, normal halt.“3
 
Das „normal halt“ vom Leipziger Hauptbahnhof ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Es bestätigt nicht nur die Alltäglichkeit der Religionslosigkeit, sondern auch, dass atheistische Einstellungen zumindest in Ostdeutschland nicht wirklich mehrheitsfähig sind. Atheismus ist für die befragten Jugendlichen auch – nicht normal. Dieser auf den ersten Blick für die Kirchen erfreuliche Befund hat jedoch seine eigenen Untiefen. Man „reibt“ sich nicht an den Kirchen und ihren Glaubenspositionen. Warum sollte man sich atheistisch profilieren?

Konfessionslosigkeit West – Konfessionslosigkeit Ost

An dieser Stelle müssen wir zwischen der Konfessionslosigkeit West und Ost unterscheiden. Denn wir finden in Deutschland zwei Typen von Konfessionslosigkeit. In Ostdeutschland sind viele gewohnheitsmäßig konfessionslos; sie würden sagen, man sei „ganz normal“ nicht in der Kirche. So waren schon die Eltern und Großeltern nicht in der Kirche – man ist folglich nicht getauft und zieht die Taufe der eigenen Kinder gar nicht in Erwägung. Mitunter wird dieses Phänomen als „Atheismus in der dritten Generation“ bezeichnet. Das ist jedoch ungenau. Denn es handelt sich hierbei nicht um eine atheistische Gesinnung, sondern um eine moderne Form religiöser Indifferenz. Es hat bei den Konfessionslosen in Ostdeutschland zumeist keinen bewussten Ablösungsprozess von einer Kirche gegeben.

In den alten Bundesländern ist die Lage anders. Wer sich hier von der Kirche trennt, tut dies größtenteils nach einem ausdrücklichen Entscheidungsprozess. Häufig spielen dabei negative Erfahrungen mit den Kirchen eine entscheidende Rolle. Die Mehrheit der Konfessionslosen West ist damit bewusst kirchen- und religionsfern. Etwa 90 % der Konfessionslosen – so liest man in der Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD von 2014 – haben sich in einem „Normalzustand Konfessionslosigkeit“ eingerichtet. Weiter heißt es: „Die eigene Konfessionslosigkeit wird als individuelle Entscheidung angesehen.“4 Das gilt in besonderer Weise für die eben erwähnten Konfessionslosen West.
 
Die Konfessionslosen Ost hingegen haben eine solche Entscheidung meist nicht getroffen. Ihre Haltung ist diffus. Wir wissen erstaunlich wenig über jene, die bereits seit mehreren Generationen konfessionslos sind. Der Pastoraltheologe Udo Schmälzle hat das wie folgt formuliert: „Während wir über die Mentalitäten … der ‚Konfessionslosen der ersten Generation‘, die alle noch getauft wurden, einiges wissen, verfügen wir über die Gruppe der ‚schon immer Konfessionslosen‘ kaum über Kenntnisse. Zu dieser Gruppe gehören … im Osten Menschen, die bereits über Generationen in diesen Zustand der Konfessionslosigkeit hereingeboren wurden. Die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe unterscheidet sich fundamental in den alten und neuen Bundesländern.“5
 
Bei der Betrachtung der Konfessionslosigkeit Ost wird unterschätzt, dass diese gerade nicht die um einige Jahre verlängerte Konfessionslosigkeit West in den Farben Ostdeutschlands ist. Der fundamentale Unterschied besteht darin, dass die Konfessionslosen West wenigstens noch wissen, warum sie mit Kirche, Religion und Gott nichts zu tun haben wollen, während die Konfessionslosen in Ostdeutschland keine blasse Ahnung davon haben, worum es sich handeln könnte. (Es gibt in Erfurt Studierende der Religionswissenschaft, die noch nie einen christlichen Gottesdienst besucht haben.) Diese völlige Leere erschwert jede Anknüpfung.

Man muss also sehr genau unterscheiden, über welche Konfessionslosigkeit man spricht.

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Anmerkungen

1 EKD (Hg.): Engagement und Indifferenz. V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2014, 81.
2 Rita Kuczynski: Was glaubst du eigentlich? Weltsicht ohne Religion, Berlin 2013, 13.
3 Monika Wohlrab-Sahr: Religionslosigkeit als Thema der Religionssoziologie, Pastoraltheologie 90 (2000), 152.
4 EKD (Hg.): Engagement und Indifferenz (s. Fußnote 1), 81.
5 Udo Schmälzle: Was fehlt den Konfessionslosen?, in: Herder Korrespondenz 70/1 (2016), 32-35, 33.

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