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Materialdienst 10/2017
Kai Funkschmidt

Von Sarah Halimi bis Georges Bensoussan

Debatten um Antisemitismus und Islamophobie in Frankreich

1 Ein antisemitischer Mord löst (keine) Diskussionen aus

Am 4. April 2017 wurde im ehemaligen Multikulti-Paradies, dem Einwandererstadtteil Paris-Belleville (11. Arrondissement)1 Sarah Halimi, eine 66-jährige jüdisch-orthodoxe Rentnerin, von ihrem 27-jährigen Nachbarn ermordet. Der aus Mali stammende Täter Kobili Traoré drang über den Balkon einer mit ihm befreundeten Nachbarsfamilie in ihre Wohnung ein, quälte und beschimpfte die verzweifelt schreiende Frau fast eine Stunde lang und warf sie schließlich noch lebend vor den Augen der Nachbarn vom Balkon in den Innenhof. Bewaffnete Polizisten waren zwar schnell vor Ort, warteten aber zu dritt vor der Wohnungstür auf Verstärkung, weil sie einen islamistischen Terroranschlag vermuteten. Denn der Täter schrie immer wieder „Allahu akbar!“ und rezitierte auf Arabisch Koransuren – vom Geschehen existieren minutenlange Handy-Tonaufnahmen eines Nachbarn. Als das Opfer tot im Hof lag und die Polizei schließlich die Wohnung stürmte, fand sie den Mörder betend. Er erklärte: „Ich habe den Sheitan (arab. „Teufel“) getötet.“
 
So ungewöhnlich grausam die Tat war, so sehr reiht sie sich doch in eine Kette antijüdischer Gewaltakte der letzten Jahrzehnte ein, von denen es inzwischen nicht einmal mehr alle tödlichen in die großen Medien schaffen.2 Bemerkenswerterweise nämlich wurde über den Mord zunächst fast nur in der jüdischen Presse berichtet, während er in den großen nationalen, geschweige denn internationalen Druck- und Funkmedien gar nicht oder in einmaligen Kurzmeldungen unter „Verschiedenes“ stattfand.3 Die Nachrichtenagentur AFP etwa meldete recht allgemein den „tödlichen Sturz einer Frau und Verhaftung eines Mannes“. Drei Tage nach der Tat empfing der ermittelnde Staatsanwalt die Leiter von vier geistlichen und zivilen jüdischen Organisationen – ein Vorgehen, das auch bei andere Minderheiten betreffenden Verbrechen vorkommt, aber gar nicht zum laizistischen Staatsverständnis Frankreichs passt; es beleuchtet die zunehmende kommunitaristische Zersplitterung des Landes. Er erklärte ihnen, es gebe wohl keine Hinweise auf einen antisemitischen Hintergrund.

Am darauffolgenden Sonntag nahmen etwa 1000 Menschen an einem Schweigemarsch im Wohnviertel der Tat teil, viele davon als Juden erkennbar. Arabische Jugendliche brüllten ihnen entgegen: „Geht nach Hause!“, „Tod den Juden!“ und „Wir haben Kalaschnikows!“ Es kam daraufhin zu Rangeleien mit jungen Männern der Jewish Defense League.4 Auch diese Demonstration schaffte es nicht aus den sozialen Netzwerken in die großen Medien, was rückblickend damit erklärt wird, niemand habe die anstehende Präsidentschaftswahl (27.4. und 7.5.2017) zugunsten von Marine Le Pen (Front National) beeinflussen wollen.5 Das dürfte tatsächlich teilweise erklären, warum zunächst auch der jüdische Dachverband Crif (Conseil Représentatif des Institutions Juives de France) stillhielt.


1.1 Die große Stille

Nach sieben Wochen medialer Stille gingen am 21. Mai die Angehörigen des Opfers mit ihren Anwälten an die Öffentlichkeit und lösten eine breite Debatte aus. Sie beklagten das allgemeine Desinteresse und den Eindruck, dass die Behörden sich nach Kräften bemühten, den antisemitischen Hintergrund der Tat zu negieren, indem sie sie als unmotivierte Tat eines Geistesgestörten behandelten. Traoré sitzt bis heute in der Psychiatrie. Das Problem mit dieser Lesart: Er hatte zwar viele Vorstrafen, aber keinerlei psychiatrische Vorgeschichte. Hingegen hatten er und seine Familie schon früher das Opfer und seine Familienangehörigen als „dreckige Juden“ beschimpft. Er hatte den Tag vor der Tat in einer nahegelegenen, als extremistisch bekannten Moschee verbracht. Sarah Halimi hatte panische Angst vor ihm und darum bereits seit Längerem einen Umzug in eine andere Sozialwohnung beantragt. Verbittert stellte der Anwalt der Familie fest: „Wenn der Mörder blondes Haar und blaue Augen gehabt hätte, wäre ganz Frankreich auf die Straßen gegangen. Er war aber eingewanderter Moslem“, und dies erkläre das große Schweigen und die behördliche Zurückhaltung beim Feststellen des antisemitischen Charakters der Tat.6

Größere Aufmerksamkeit gab es dann erstmals, als Anfang Juni siebzehn Intellektuelle aus unterschiedlichen politischen Lagern, darunter die hoch prominenten Elisabeth Badinter, Alain Finkielkraut und Michel Onfray, in der größten Tageszeitung „Le Figaro“ mit einem offenen Brief unter der Überschrift „Die Wahrheit muss gesagt werden“ von den Behörden Aufklärung verlangten: „Alles deutet darauf hin, dass die Leugnung der Realität wieder einmal zugeschlagen hat … Die Regierenden müssen sich endlich bewusst werden, was in unserem Land passiert.“7

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Anmerkungen

1 Die amerikanische Journalistin Geraldine Smith, die 1995 mit ihrer Familie in diesen trendig-bunten Vorzeige-Stadtteil gezogen war, beschrieb 2016 in einem Buch den Niedergang des multikulturellen Traums. Seit ca. 2000 übernehmen dort zunehmend die „Bärtigen“, also strenggläubige Muslime, die Macht und den öffentlichen Raum (Geraldine Smith: Rue Jean-Pierre Timbaud. Une vie de famille entre barbus et bobos, Paris 2016). Rassismus richtet sich dabei nicht allein gegen Juden. Eine Berberin, die mit Sarah Halimi befreundet war und ebenso wie diese seit Jahrzehnten in Belleville lebt, berichtet, dass ihre Kinder wegen ihrer hellen Hautfarbe und blauen Augen seit einigen Jahren von afrikanischen Einwanderern regelmäßig beschimpft wurden. In Belleville gehen religiöse, soziale und rassische Motivationen für den Hass zusammen und durcheinander. Noémie Halioua: Sarah Halimi: une histoire française, 15.6.2017, www.causeur.fr/sarah-halimi-antisemitisme-islam-144823 (die in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten wurden zuletzt am 11.9.2017 abgerufen).
2 Von vielen kleineren Vorfällen erfährt man, zumal in Deutschland, nur bei aktiver Suche zum Thema. „Kleinere“ Vorfälle schließt dabei verprügelte Rabbis und Messerangriffe von Schülern auf jüdische Lehrer ein.
3 In Deutschland brachte die Druckausgabe der FAZ eine Meldung: Michaela Wiegel: Die Jüdin des Blocks, in: FAZ 18.7.2017, 2.
4 Die „Ligue pour la défense juive“ stößt gelegentlich mit muslimischen Jugendlichen zusammen, ist aber zahlenmäßig unbedeutend. Anders als Pro-Palästina-Demonstrationen, die gezielt jüdische Einrichtungen aufsuchen und gelegentlich angreifen, gehen die seltenen Demonstrationen gegen Antisemitismus nie zu den Botschaften jener arabischen Länder oder zu den Moscheen, die den neuen Antisemitismus verbreiten und predigen. Man kann dem französischen Judentum in keiner Weise vorwerfen, den Konflikt irgendwie zu befeuern.
5 Vgl. Pierre Lurçat: L’étrange silence autour de la mort de Sarah Halimi, 14.4.2017, www.causeur.fr/lucie-halimi-medias-silence-143782.
6 Gilles-William Goldnadel: „Le meurtrier aurait été blond aux yeux bleus toute la France serait descendue dans la rue“, 24.5.2017, www.bvoltaire.fr/meurtrier-aurait-ete-blond-aux-yeux-bleus-toute-france-serait-descendue-rue.
7 „Que la vérité soit dite sur le meurtre de Sarah Halimi“, 6.6.2017, www.lefigaro.fr/vox/societe/2017/06/01/31003-20170601ARTFIG00316-l-appel-de-16-intellectuels-que-la-verite-soit-dite-sur-le-meurtre-de-sarah-halimi.php; vgl. Hervé Gardette: Y a-t-il un déni d‘antisémitisme en France?, 8.6.2017, www.franceculture.fr/emissions/du-grain-moudre/y-t-il-un-deni-dantisemitisme-en-france.


 

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