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Materialdienst 11/2017
Andreas Hahn

Enthusiastisches Erleben

Neopentekostale Spiritualität in psychologischer und theologischer Perspektive

Viele Ausprägungen innovativer und revitalisierter Religiosität werden von der Suche nach religiöser Erfahrung, nach spirituellem Erleben geleitet. Das gilt für esoterische Spiritualität mit ihren intuitiven Zugängen ebenso wie für gesellschaftliche Trends, in denen die Grenzen zwischen Wellness, Entspannungstechnik, Therapie und Transzendenzerlebnissen verschwimmen. Sogar Gewalterfahrungen können zu einem emotionalen „Kick“ führen. Erlebnisse scheinen zu einem neuen Narrativ für Religiosität zu werden.

Die christliche Variante dieser neuen Religiosität zeigt sich in den pfingstlich-charismatischen Bewegungen. Hier werden emotionale und enthusiastische Erfahrungen und Begabungen biblisch als sichtbare Manifestationen des Heiligen Geistes gedeutet. Eine deutliche Neuakzentuierung erhielt dieses gemeinsame Merkmal aller Pfingstbewegungen ab den 1980er Jahren durch Personen, Gemeinden und Werke, die sich einer „Third Wave“ (C. Peter Wagner) des Heiligen Geistes zugehörig fühlten und für die sich international der Begriff „neopentecostalism“ eingebürgert hat.1

Wahrnehmungen: „Power evangelism“ und Erweckungssehnsucht

Eine Reihe von Aspekten ist neu gegenüber der klassischen Pfingstbewegung:

• Religiöse Ausdrucksformen werden in hohem Maße individualisiert. Dies führt zu zahlreichen unabhängigen Neugründungen von Gemeinden, Trägerkreisen und Netzwerken. Sie sind zweifellos attraktiv angesichts struktureller Individualisierung auch von Religion, in der sich konfessionelle Milieus auflösen und die Motive für eine Bekenntniszugehörigkeit sozial instabil geworden sind. Sie verstehen sich sehr pragmatisch als Instrumente zur Ausbreitung eines evangelikal-charismatischen Christentums, deren Strukturen auf individuelle Erlebnisbedürfnisse abgestimmt sind. Vor allem in größeren Städten werden nichtsakrale Gebäude zu Gottesdiensträumen umgestaltet, hier suchen vor allem junge Erwachsene und junge Familien nach neuen Ausdrucksformen für ihren Glauben – mit der Tendenz zu einer sehr viel homogeneren Gemeindebildung als in der klassischen Pfingstbewegung.

• Die zentralen Topoi Geistestaufe und Glossolalie treten zurück zugunsten spektakulärer Charismen, einer Pluralität angeblicher Manifestationen des Geistes und deren öffentlicher Proklamation und Demonstration: „Power evangelism“ nannte John Wimber diese Form der Ausbreitung des Evangeliums, die auf der „übernatürlichen“ Macht des Heiligen Geistes gegründet sei. So bietet die auch in Deutschland einflussreiche Bethel Church aus Redding (Kalifornien), die ursprünglich zur Assemblies of God gehörte, einen Studiengang in „supernatural ministries“ an und sieht damit den „style of Jesus“ verwirklicht. In Deutschland laden „Erweckungscamps“ oder die ein- bis dreijährige „Schule der Erweckung“ dazu ein, „übernatürlich“ zu leben, die „königliche Identität“ zu entdecken und zum „Erweckungsträger“ zu werden.2
 
• Heilungen als wichtige Zeichen der Pfingstbewegung werden in der neopentekostalen Bewegung unter dem Stichwort „Befreiungsdienst“ als Exorzismen angeboten. Krankheit wird als Schuldverstrickung gedeutet – auch als „Vorfahrensschuld“. Der zu Heilende müsse befreit werden von der Bindung an finstere Mächte, die oft dort am Werk seien, wo okkulte Praktiken ausgeübt worden seien. Neben spektakulären Heilungsgottesdiensten beten in den „Healing Rooms“ Teams aus Christen für körperliche und seelische Heilung. Der Kranke nehme im Glauben die in Christus bereits gegebene Heilung in Anspruch.

• Prophetie und hörendes Gebet rücken stärker in den Fokus: Geistbegabten Personen würden übernatürliche Erkenntnisse und Deutungen offenbart. Sie stellen eine zuverlässige Diagnose, eine seelsorgerliche Anweisung oder eine politische Deutung dar. Prophetien geschehen nicht nur verbal, sondern auch visualisiert, z. B. beim „prophetischen Malen“.

• Da die Pfingstbewegung in der Erweckungsbewegung wurzelt, kommt es in dieser „dritten Welle“ zu einer großen Erweckungssehnsucht, getragen von einer selbstbewussten Rhetorik: Wunder könne man erleben und demonstrieren. Jede neue „Welle“ wird als Durchbruch zu einer großen Erweckung begrüßt. Im Juli 2015 erwarteten 25000 Besucher des „Awakening Europe“-Kongresses, dass sich 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus gerade von Nürnberg aus das Evangelium wie ein Feuer über ganz Europa verbreiten werde.3 An den Abenden der „Holy Spirit Night“ wurden 2016 jeweils eine halbe Stunde lang Gottes „creative miracles“ erlebt, mit Aufrufen und Beschwörungen Menschen geheilt und Dämonen ausgetrieben, begleitet von wildem Schreien und begeistertem Applaus.4 Im Hintergrund steht das Konzept der „geistlichen Kriegsführung“ (spiritual warfare), in dem das Konzept des Befreiungsdienstes kosmologisch ausgeweitet wird: Dämonische Mächte herrschen über bestimmte Gebiete und sind die Ursache für viele Glaubenshindernisse. Es gilt deshalb, einen „Raum für Gott einzunehmen“. So werden Gebiete ausgewählt und für sie eine „geistliche Landkarte“ erstellt (spiritual mapping). Durch Prophetien werden diese Mächte identifiziert und lokalisiert, die oft in Verbindung mit einer heidnischen oder nationalsozialistischen Vorgeschichte eines Ortes stehen. Der praktische Gebetskampf in Form von Gebetsmärschen oder Gebetshäusern proklamiert Gottes Macht und bindet Dämonen. Viele Initiativen versprechen auch gesellschaftliche Veränderungen. Teilweise lasse sich dies nur durch stellvertretende Buße erreichen, sodass etwa die Schuld nationalsozialistischer Verbrechen stellvertretend übernommen werde. Die „Märsche des Lebens“ der „TOS Gemeinde Tübingen“ sollen die geistlichen Folgen der Todesmärsche des Holocaust beseitigen. Ähnliche Vorstellungen stehen auch Pate bei den jährlich weltweit in vielen Hauptstädten durchgeführten „Märschen für Jesus“, die angesichts ihrer Größe und der Trägerkreise so etwas wie die „Vollversammlung der charismatischen Bewegung“ darstellen; die Teilnehmenden rekrutieren sich hauptsächlich aus neopentekostalen Gruppen, aber auch aus etablierten Kirchen.

Religiöses Erleben in psychologischer Perspektive

Ist es gerechtfertigt, die erwähnten paranormalen Erlebnisse als Kristallisationspunkte des Geistwirkens zu deuten, wie es im pentekostalen Christentum geschieht?

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Anmerkungen

1 Die Einteilung in drei „Wellen“ wird zunehmend als westlich zentrierte Engführung kritisiert; vgl. die Einführung bei Jörg Haustein/Giovanni Maltese (Hg.): Handbuch pfingstliche und charismatische Theologie, Göttingen 2014, 16-65. Zum Begriff „neopentecostalism“ s. Matthias Pöhlmann/Christine Jahn (Hg.): Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2015, 219.
2 Vgl. www.bssm.net (Abruf: 28.8.2017); in Deutschland z. B. die „Jugendmissionsgemeinschaft Bielefeld“, die regelmäßig dazu einlädt.
3 Vgl. Reinhard Hempelmann: Erweckungsprophetien über Europa („Awakening Europe“), in: MD 9/2015, 350-352.
4 Vgl. Andreas Hahn: Heiliger Geist oder inszenierte Manipulation? Die Tour der „Holy Spirit Night“, in: MD 11/2016, 426-429.

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