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Materialdienst 1/2018
Gereon Vogel-Sedlmayr

Yuval Noah Harari

Globalhistoriker zwischen philosophischer Anthropologie und Buddhismus

Der israelische Geschichtsprofessor Yuval Noah Harari hat zwei Sachbuch-Bestseller verfasst, die spannend wie Krimis sind: „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ und „Homo Deus“1 Der Stil ist stellenweise ironisch, oft auch aphoristisch zugespitzt wie z. B.: „Einen Affen würden Sie ... nie im Leben dazu bringen, Ihnen eine Banane abzugeben, indem Sie ihm einen Affenhimmel ausmalen und grenzenlose Bananenschätze nach dem Tod versprechen. Auf so einen Handel lassen sich nur Sapiens ein“ (Menschheit, 37). Oder: „Was immer man von Lenin, Hitler oder Mao halten mag, einen Mangel an Vision kann man ihnen nicht vorwerfen“ (Homo Deus, 508). Beide Bücher lesen sich so rasant, dass der Leser leicht an den ernsten Anliegen des Verfassers vorbeigeht.

Yuval Noah Harari, Jahrgang 1976, ist Repräsentant einer jungen intellektuellen Generation. Sie setzt sich deutlich vom Marxismus einerseits und vom Postmodernismus andererseits ab. In der Vergangenheit verfolgten kritische Historiker häufig den Ansatz, das Sein bestimme das Bewusstsein und die menschliche Kultur sei bloß ein „Überbau“ oder ein „Epiphänomen“. Dagegen ist Harari der Überzeugung, dass die Welt kulturell bestimmt ist: „Geschichten bilden die Grundpfeiler menschlicher Gesellschaften“ (Homo Deus, 245). Und im Gegensatz zu den Postmodernen, die „das Ende der großen Erzählungen“ (Jean-François Lyotard, 1979) als gegeben ansehen, geht Harari davon aus, die Weltgeschichte in ihren großen Linien erzählen zu können. So hat er 2011 seine „Kurze Geschichte der Menschheit“ vorgelegt.

Im 2015, deutsch 2017, veröffentlichten zweiten Buch Hararis „Homo Deus“ geht es um die Zukunft der Religion und die weitere Entwicklung der Spezies Homo sapiens. Es fordert Theologie und Ethik heraus, die Thesen kritisch zu diskutieren. Der vorliegende Beitrag macht sich allerdings nicht anheischig, das zu leisten. Im Sinne des Materialdienstes wird das Œuvre Yuval Noah Hararis für künftige Diskussionen geistes- und religionswissenschaftlich eingeordnet, um die Basis für eine anschließende theologische Auseinandersetzung zu schaffen. Kritik an Hararis Auffassungen erfolgt nur, wo sie der genaueren Wahrnehmung seiner Position dient.

Zur philosophischen Anthropologie

Harari bezieht sich als Geisteswissenschaftler auf biologische, das heißt naturwissenschaftliche Fragestellungen. Das verbindet ihn im Ansatz mit Arnold Gehlen und anderen Autoren der philosophischen Anthropologie. Der Titel der englischsprachigen Ausgabe von „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, „Sapiens“, macht deutlich, dass dieses Buch auch als eine Anthropologie zu lesen ist.
 
Nun ist der Mensch für Harari alles andere als die Krone der Schöpfung. Harari ironisiert die vollmundige Selbstbezeichnung „Sapiens“. In seiner Darstellung erscheint der Mensch als eine skurrile, geradezu peinliche Tierart: Beständig wähnt die menschliche Spezies sich auf dem Weg zum besseren Leben, zur Freiheit, ja zu Gott. Mit ihrem Verhalten aber unterläuft sie immer wieder die eigene Absicht, schafft sich neue Zwänge und unterjocht Mitmenschen und Mitgeschöpfe.

Ein Beispiel für die Selbstwidersprüchlichkeit des menschlichen Verhaltens ist nach Harari ausgerechnet die neolithische bzw., wie er sagt, landwirtschaftliche Revolution, begonnen im „fruchtbaren Halbmond“ Vorderasiens vor ca. 12000 Jahren (Menschheit, 101-125). Traditionell hatte man die Sesshaftwerdung in Verbindung mit dem Anbau von Pflanzen und der Domestikation von Tieren als großen kulturgeschichtlichen Fortschritt gepriesen. Im Blick auf neuere Forschungsergebnisse legt sich aber – so Harari – die gegensätzliche Sichtweise nahe: Die Lebensqualität und auch die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen habe sich durch diese „Revolution“ nicht erhöht, sondern vielmehr gesenkt. Zwar gab es zahlenmäßig mehr Menschen, aber die Bevölkerungsexplosion fraß die Gewinne an Lebensmitteln immer wieder auf. Das Leben wurde durch Infektionskrankheiten und Missernten stärker gefährdet. Zudem entwickelte sich aus weitgehend egalitären Gemeinschaften ein die Menschen in der Mehrzahl knechtendes Gesellschaftssystem. Und das ursprünglich erfahrungsreiche Leben wurde öde. Aus individueller menschlicher Sicht, so Harari, war die neolithische Revolution also keine Errungenschaft, sondern „der größte Betrug der Geschichte“.

Harari fügt diesen „Selbstbetrug“ in eine Kette von weiteren weltgeschichtlichen Betrachtungen ein. Sie zeigen, wie die Anläufe des Menschen, sein Dasein zu verbessern, immer wieder das Gegenteil erreichen. Die Zivilisationskritik ist fundamental: Die Gefahr für die Menschheit wird immer größer. Umwelt und Tierwelt geraten in den Strudel einer rastlosen Dynamik, die das Ökosystem des Planeten ruiniert. Wenn die Geschichte unserer Spezies in absehbarer Zeit zu Ende geht, dann wäre das kein Betriebsunfall. Harari adressiert den Schluss seines ersten Buches an die liberale, säkulare Öffentlichkeit: „Wir sind Self-made-Götter, die nur noch den Gesetzen der Physik gehorchen und niemandem Rechenschaft schuldig sind. Und so richten wir unter unseren Mitlebewesen und der Umwelt Chaos und Vernichtung an, interessieren uns nur für unsere eigenen Annehmlichkeiten und unsere Unterhaltung und finden doch nie Zufriedenheit. Gibt es etwas Gefährlicheres als unzufriedene und verantwortungslose Götter, die nicht wissen, was sie wollen?“ (Menschheit, 507f).

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Anmerkungen

1 Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit, aus dem Engl. von Jürgen Neubauer, München 212015, 526 Seiten, zuerst hebräisch 2011, im Folgenden zitiert als „Menschheit“; ders., Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, aus dem Engl. von Andreas Wirthensohn, München 42017, 576 Seiten, zuerst hebräisch 2015, im Folgenden zitiert als „Homo Deus“.

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