Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen - Materialdienst - Apologetische Arbeit im Wandel
publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 1/2018
Jan Badewien

Apologetische Arbeit im Wandel

Glaubensverantwortung im weltanschaulichen Pluralismus

1

Zum gesellschaftlichen Umfeld heutiger Apologetik

Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich das Verhältnis der Gesellschaft zum Thema Religion spürbar verändert. Und damit hat sich auch das Verhältnis der Gesellschaft zu den Kirchen verwandelt. Einerseits erleben wir einen großen religiös-weltanschaulichen Pluralismus, andererseits eine große Indifferenz gegenüber konfessionellen Belangen. Als Mitarbeitende in einem sensiblen Bereich der Kirchen müssen Weltanschauungsbeauftragte diese Wandlungen besonders intensiv wahrnehmen und überlegen, wie darauf zu reagieren ist: Gibt es neue Fragestellungen, die wir aufnehmen müssen? Ist es nur ein stures Beharren auf veralteten Privilegien, auf einem überhöhten großkirchlichen Selbstverständnis, das nicht mehr von der derzeitigen Realität abgedeckt wird, wenn bestimmte Kriterien für ökumenisch akzeptierbare christliche Positionen als Voraussetzung für ein Miteinander eingefordert werden?

Es sind Fragen, die sich auf jedem kirchlichen Arbeitsfeld stellen – aber ganz besonders in der apologetischen Arbeit. Denn diese Arbeit geschieht an der Außenlinie zwischen Kirche und gesellschaftlichen Kräften verschiedenster Art, und die Fragen betreffen Grundsätzliches: Von welcher Position aus können kirchliche Beauftragte Ratsuchenden Antworten geben? Mit welcher Legitimität kann versucht werden, Orientierung zu vermitteln? Gibt es einen objektiven Standpunkt, der Beurteilungen anderer Weltanschauungen oder religiöser Bewegungen ermöglicht? Für die Beantwortung dieser Fragen gibt es unterschiedliche Modelle, die im Folgenden zur Sprache kommen sollen.

Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen: Überlegungen zu den Aufgaben, Zielen und Themen der kirchlichen Apologetik sind immer nur Momentaufnahmen, geprägt vom jeweiligen eigenen Standpunkt, von eigenen Erfahrungen und von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.2
 
Bis in die 1990er Jahre konnte man von einer weithin akzeptierten Hegemonie der traditionellen großen Kirchen im religiösen Bereich der Gesellschaft reden. Den Kirchen – und damit auch den Sektenbeauftragten, wie die Apologeten damals noch weithin hießen – wurde die Kompetenz zugestanden, über religiöse Fragen zu urteilen, objektive, wissenschaftlich recherchierte Expertisen zu geben nicht nur für kirchliche Zwecke, nicht nur für die Seelsorge oder die Information von Gemeinden, sondern auch für Kommunalpolitiker (Anfragen von Bürgermeistern: Können wir einer Einladung der Gemeinde X folgen?), für Jugendämter (Können wir Kinder in eine Pflegefamilie geben, die der Gemeinschaft Y angehört, oder ist das Kindswohl gefährdet?), im Rahmen von Beratung im großen politischen Raum (Enquete-Kommission des Bundestags) usw.

Es wurde auch seitens der säkularen Gesellschaft weithin die Kompetenz zugestanden, die Grenzlinien von Glauben, Aberglauben und Unglauben, von Kirche, Freikirche und Sekte zu bestimmen. Der Sprachgebrauch „Sekte“ war noch möglich – auch wenn immer klar war, dass dieser Begriff eine pejorative Konnotation hat: Keine Gemeinschaft spricht von sich selbst als Sekte.

Im Laufe der 1990er Jahre wurden dann aus den Sektenbeauftragten „Weltanschauungsbeauftragte“ – eine Veränderung in der Terminologie, die eine Veränderung in der gesellschaftlichen und auch in der kirchlichen Haltung dem Phänomen des religiösen Pluralismus gegenüber anzeigte. Es kam die Rede vom „Markt der religiösen Möglichkeiten“ auf – ein Begriff, der von hegemonialen Vorstellungen abwich und auf die Konkurrenz im Bereich religiös-weltanschaulicher Sinnbildung hindeutete, der sich auch die großen Kirchen zu stellen hatten: Auf dem Markt gibt es unterschiedliche Angebote, man kann sich verschiedene Antworten aus diversen Traditionen oder auch Neuentwicklungen anschauen, sie vielleicht sogar kombinieren. „Patchwork-Religion“ wurde ein häufig verwendeter Begriff.

Vielfältige Angebote im spirituell-religiösen Bereich verunsicherten die Öffentlichkeit und fanden viel mediale Beachtung. Sie wurden teils mit Sorgen, teils mit Euphorie betrachtet. Ich denke an die Phänomene, die zunächst als „Jugendsekten“, dann als „Jugendreligionen“ zusammengefasst wurden: Gemeinschaften, die oftmals ihre Wurzeln in asiatischen Traditionen hatten und als spirituelle Globalisierung zu uns kamen: Hare Krishna, Moonies, Kinder Gottes, Bhagwan – um nur einige zu nennen –, dazu viele hinduistisch und buddhistisch orientierte Richtungen, Schulen, Meditationsformen mit ihren Ausstrahlungen in die Bereiche von Ernährung und Gesundheit, ebenso die vielfältigen Formen von Esoterik und „New Age“. Mit großer Sorge wurde das Auftreten von Scientology und anderer Psychogruppen beobachtet. Auch zahlreiche neue christliche Gemeinden entstanden – evangelikal, vor allem aber pentekostal bzw. charismatisch geprägt.

So unterschiedlich diese Phänomene auch waren – sie trugen dazu bei, dass Religion in der Gesellschaft wieder sichtbar wurde. Man sprach von der „Rückkehr der Religion“. Das war ein anderes Bild, als von Soziologen und Gesellschaftsanalytikern zuvor prophezeit worden war, ging man dort doch davon aus, dass sich Religion in einem kontinuierlichen Prozess der Selbstauflösung, zumindest der Marginalisierung befinde.

Es stellt sich heute angesichts dieser offenen Situation immer drängender die Frage für uns selbst: Von welchem Standpunkt aus stellen wir als Apologeten unsere Expertise? Natürlich – als kirchliche Theologen vom Standpunkt unserer christlichen Kirchen aus. Ist damit aber nicht eine Parteilichkeit verbunden, wie immer wieder von Gemeinschaften formuliert wird, über die in apologetischen Kontexten gehandelt wird? Vertreten wir eine Rationalität bzw. eine Wahrheit, die über den Wahrheiten und Rationalitäten der anderen steht? Haben wir einen Standort, der es uns erlaubt, im Blick auf andere von Irrationalitäten zu sprechen, oder ist das Anmaßung? Dieser Anspruch wird uns heute in der Gesellschaft nicht mehr zugestanden.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.


Anmerkungen

1 Der Text beruht auf einem Vortrag, der beim Abschluss des EZW-Curriculums Religions- und Weltanschauungsfragen II gehalten wurde (Hildesheim, 23.6.2017).
2 Das zeigt die Literatur zum Thema: Matthias Petzoldt/Michael Nüchtern/Reinhard Hempelmann: Beiträge zu einer christlichen Apologetik, EZW-Texte 148, Berlin 1999; Jan Badewien: Aufgaben und Themen heutiger Apologetik, in: MD 6/2009, 205-213; Jan Badewien: Die Vielfalt von Rationalitäten und die Kritik des Irrationalen, in: Reinhard Hempelmann (Hg.): Die Faszination des Irrationalen und die Vernunft des Glaubens, EZW-Texte 241, Berlin 2016, 61-73; Matthias Pöhlmann, Warum Apologetik nötig ist. Plädoyer für ein kirchliches Profil im weltanschaulich-religiösen Pluralismus, in: MD 3/2016, 100-103.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!