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Materialdienst 2/2018
Mormonen

Thomas S. Monson, Präsident und Prophet der Mormonen, gestorben

(Letzter Bericht: 2/2017, 67f) Am 2. Januar 2018 verstarb der Präsident der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (HLT), Thomas S. Monson, im Alter von 90 Jahren in Salt Lake City (Utah), seiner Heimatstadt, Sitz der weltweiten Leitung der Mormonen.

Für die hierarchisch aufgebaute Gemeinschaft ist der Präsident die oberste kirchliche Autorität, er gilt als „Prophet, Seher und Offenbarer“, kurz „der Prophet“ genannt. Das bedeutet in mormonischer Diktion: Der Prophet lehrt bekannte Wahrheiten, der Seher nimmt verborgene Wahrheiten wahr, der Offenbarer bringt neue Wahrheiten. Seine Verheißungen sind für Gott bindend. In der aktuellen Ausgabe der Mitgliederzeitschrift Liahona wird dazu erklärt: „Propheten und Apostel haben denjenigen, die in den Tempel gehen, konkrete Verheißungen ausgesprochen. Denken Sie daran, dass Gott verpflichtet ist, wenn wir tun, was er sagt; tun wir aber nicht, was er sagt, haben wir keine Verheißung (siehe Lehre und Bündnisse 82,10). Präsident Thomas S. Monson hat verheißen: ‚Wenn wir zum heiligen Haus Gottes gehen und uns der Bündnisse erinnern, die wir darin schließen, werden wir imstande sein, jede Prüfung zu ertragen und jeder Versuchung zu widerstehen“ (Liahona, Januar 2018, 17, Hervorhebung im Original).

Der Präsident bildet mit seinen von ihm berufenen zwei „Ratgebern“ die sogenannte „Erste Präsidentschaft“, die mit seinem Tod bis zur Ernennung des Nachfolgers vorübergehend aufgelöst ist. Unter der Ersten Präsidentschaft stehen zwölf Apostel, die ebenfalls der Präsident beruft. Dieses Gremium wird nun aus seiner Mitte Monsons Nachfolger ernennen.

Monson wurde am 3. Februar 2008 der 16. Präsident seit Gründung der Gemeinschaft durch Joseph Smith 1830. Vorher war er über 22 Jahre lang Ratgeber von insgesamt drei Präsidenten gewesen.

Trotz seiner amtsbedingten Machtfülle und des Anspruchs auf Zugang zu göttlichen Offenbarungen war Monson ein Präsident mit relativ unauffälliger öffentlicher Präsenz in Zeiten, da unter anderem die US-Präsidentschaftskandidatur des Mormonen Mitt Romney 2012 und Auseinandersetzungen über Totentaufen an Holocaustopfern für Medienrummel sorgten. Anhänger seiner Kirche beschreiben ihn als einen der Seelsorge und dem Einzelnen zugewandten Amtsinhaber, dem das Handeln im Glauben wichtiger war als die Lehrinhalte. Die HLT zitieren ihn dazu: „Nehmen Sie ein Problem, das zu lösen ist, nie wichtiger als einen Menschen, der zu lieben ist.“

Unter Monson wuchs die Kirche von 13 auf 16 Millionen Gläubige, außerdem entstanden Dutzende neuer Tempel in der ganzen Welt. Im Oktober 2012 senkte Monson das Mindestalter für Missionare von 19 auf 18 (für Missionarinnen von 21 auf 19) Jahre, was dazu führte, dass es weltweit Zehntausende Missionare mehr gab und die Zahl junger Frauen, die auf Mission gingen, anstieg.

Entsprechend seinen Interessen legte die Gemeinschaft in seiner Amtszeit ein besonderes Gewicht auf die lokale, regionale und internationale sozialdiakonische Arbeit, Katastrophenhilfe usw. Hierbei engagieren sich Mormonen oft auch in interreligiösen Zusammenhängen.

Eine Verjüngung durch den Wechsel im Leitungsamt ist eher unwahrscheinlich, schon weil im derzeitigen Zwölferkollegium der Jüngste 62 Jahre alt ist. Zum Vergleich: Monson war 1963 mit 36 Jahren Apostel geworden und ist damit bis heute der zweitjüngste Apostel seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert lag das Durchschnittsalter bei Apostelberufungen noch bei 33 Jahren und ist seitdem beständig angestiegen. Heute wird nach dem Tod eines Präsidenten in der Regel der dienstälteste Apostel aus dem Zwölferkollegium sein Nachfolger. Diese Regelung beschert der Leitung eher Kontinuität als Flexibilität. Sie stammt aus der Frühzeit: Als nach dem Tod der ersten drei Propheten im 19. Jahrhundert Nachfolgestreitigkeiten zu längeren Vakanzen und kommissarischen Leitungsphasen führten, etablierte sich die Tradition, den dienstältesten Apostel zum neuen Präsidenten zu bestimmen.

Das gesamte System sorgt für eine echte Gerontokratie: Seit dem Zweiten Weltkrieg kamen sechs von neun Präsidenten mit deutlich über 80 ins Amt, und die meisten wurden über 90 Jahre alt – Mormonen leben unter anderem ohne Tabak, Alkohol, Kaffee und Tee.

Der voraussichtliche Nachfolger ist nun der 93-jährige Russel N. Nelson (geb. 1924), ein ehemaliger hoch renommierter Herzchirurg. Auch er kommt aus einer Mormonenfamilie, wurde in Salt Lake City geboren und verbrachte dort den größten Teil seines Lebens. Wie Monson, der 1945 in der Marine diente, ist auch Nelson Kriegsveteran: Er war zwei Jahre als Arzt im Koreakrieg, und ebenfalls wie Monson wurde er in seiner Jugend nicht als Missionar ausgesandt. Die offizielle Ernennung des Nachfolgers geschieht in der Regel nach Abschluss der Trauerfeierlichkeiten für den Vorgänger.

Der Deutsche Dieter F. Uchtdorf ist derzeit der einzige nicht-amerikanische Apostel. Bis auf zwei sind alle anderen sogar im Mormonenstaat Utah geboren. Nach der Ernennung des neuen Präsidenten wird Uchtdorf möglicherweise auch wieder als Ratgeber und damit Mitglied der Ersten Präsidentschaft eingesetzt. Es ist üblich, dass der neue Präsident die Ratgeber seines Vorgängers erneut beruft. Hinsichtlich des Dienstalters allerdings steht Uchtdorf nur an sechster Stelle.

Kai Funkschmidt

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