publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 2/2018
Markus Schmidt

Die neue Leipziger Universitätskirche St. Pauli

Ein Neubau an den Grenzen von Gottes- und Weltwirklichkeit in Ostdeutschland

Am 3. Dezember 2017 ist die neue Leipziger Universitätskirche St. Pauli mit einem Festgottesdienst eingeweiht worden.1 Damit ist nicht nur eine zwölfjährige Bauzeit, sondern auch ein weiteres Kapitel der Diskussionen und des Streites um diesen Bau zum Abschluss gekommen, aber mit Sicherheit noch nicht das Ende der Geschichte erreicht. Gleichwohl gibt die Historie des Neubaus bis zu seiner Einweihung Einblicke in die derzeitige weltanschauliche Situation der sog. neuen Bundesländer, die zwischen den Polen des postsozialistischen Erbes (atheistische Normalkultur; Erbe einer Diktatur inkl. der Wiedergutmachungsaufgaben), des bundesdeutschen Staat-Kirche-Verhältnisses und der postmodernen Pluralismen ausgespannt ist. Dass der Freistaat Sachsen als Bauherr und Geldgeber den Neubau einer Universitätskirche plante und durchführte, hatte die Gemüter von Befürwortern wie Gegnern des Baus erhitzt.

Sprengung der Universitätskirche 1968 und Einweihung des Paulinums 2017

Am 30. Mai 1968 hatte das DDR-Regime (inkl. Stadt und Universität Leipzig) die alte Universitätskirche St. Pauli gesprengt und samt ihrer Ausstattung und der Grablegen barbarisch vernichtet.2 Die Paulinerkirche, Kirche des Dominikanerklosters von 1240, seit 1543 im Besitz der Leipziger Universität und 1545 von Martin Luther als Universitätskirche eingeweiht, hatte alle Kriege nahezu unbeschadet überstanden. Als historischer Ort der Universitätsgottesdienste, der Kirchenmusik (eine der Wirkungsstätten Johann Sebastian Bachs) sowie akademischer und staatlicher Festivitäten diente sie der Universität als Kirche und als solche auch als Aula. Der DDR war die gotische Kirche ein Dorn im Auge, sodass sie am neu benannten Karl-Marx-Platz einem funktionalen Campus-Neubau, der ebenfalls neu benannten Karl-Marx-Universität, weichen musste.

Nach der Wiedervereinigung wurden Rufe nach einem Wiederaufbau der Paulinerkirche laut (der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche trug sicher dazu bei).3 Pläne, zum 600-jährigen Universitätsjubiläum im Jahr 2009 einen neuen Campus am Augustusplatz entstehen zu lassen, entfachten einen Streit über das Wie der Gestaltungen am Ort der gesprengten Kirche, der im Jahr 2003 sogar bis zum Rücktritt des Rektors und der Prorektoren führte.4 Der schließlich akzeptierte und nun mit Verspätung verwirklichte Entwurf des niederländischen Architekten Erick van Egeraat schuf an der Stelle der vormaligen Kirche einen Neubau, dem alten Grundriss nahezu entsprechend. Die neue Innen- und Außengestaltung nimmt markante Elemente des gotischen Vorgängerbaus auf, dabei hält die Asymmetrie der Fassade und des Daches eine Momentaufnahme der in sich zusammenstürzenden gesprengten Kirche baulich fest, und zugleich bilden mehrere Etagen ein universitäres Hochhaus. Damit sind in dem nun nutzbaren Gebäude die drei Funktionen eines Neubaus, eines Wiederaufbaus und eines Mahnmals vereint, was zweifellos einen weiten Spagat darstellt. Dieser Neubau bildet gemäß der Konzeption „das wieder erstandene geistige und geistliche Zentrum der Universität Leipzig. Architektonisch an die 1968 gesprengte Universitätskirche erinnernd, beherbergt es zahlreiche vor der Vernichtung gerettete Kunstschätze. Das Paulinum ist als Ort für akademische Veranstaltungen, Universitätsgottesdienste, Konzerte der Universitätsmusik und Veranstaltungen mit Kooperationspartnern eine lebendige Begegnungsstätte.“5

Lesen Sie weiter im Materialdienst.


Anmerkungen

1 Vgl. z.B. www.evlks.de/aktuelles/alle-nachrichten/nachricht/news/detail/News/universitaetskirche-st-pauli-in-dienst-genommen; www.lvz.de/Leipzig/Lokales/Universitaetsprediger-Zimmerling-bezeichnet-neue-Kirche-als-Wunder-von-Leipzig (Abruf aller Internetseiten: 7.12.2017).
2 Zur Historie der alten Universitätskirche und darüber hinaus zu den Bedeutungen des Neubaus vgl. diverse Beiträge in: Peter Zimmerling (Hg.), Universitätskirche St. Pauli. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Leipzig 2017.
3 Es gründete sich beispielsweise 1992 der „Paulinerverein – Bürgerinitiative zum Wiederaufbau von Universitätskirche und Augusteum in Leipzig e. V.“, vgl. www.paulinerverein.de; www.paulinerverein-dokumente.de.
4 Zu chronologischen Details vgl. die Darstellungen unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Paulinerkirche_(Leipzig); https://de.wikipedia.org/wiki/Paulinum_(Universität_Leipzig).
5 www.campus-augustusplatz.de/paulinum.


 

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!