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Materialdienst 6/2018

Manifest gegen den neuen Antisemitismus in Frankreich

In Frankreich hat – noch stärker als in anderen europäischen Staaten – in den vergangenen Jahrzehnten der Antisemitismus immer mehr zugenommen. Neben dem „traditionellen“ rechtsextremen wuchsen der linke „antizionistische“ und der muslimische Judenhass. Insbesondere Gewalttaten, die vom Bedrängen in der Schule bis zu Mord reichen, gehen fast ausschließlich auf das Konto junger Muslime. Seit 2006 sind elf Juden ermordet worden, auch der Terroranschlag auf die Konzerthalle Bataclan 2015 hatte einen antisemitischen Hintergrund (vgl. MD 1/2016, 26-28; 2/2016, 43-53; 10/2017, 363-372). Am 22. April 2018 veröffentlichte die Zeitung „Le Parisien“ ein Manifest zum Antisemitismus, das maßgeblich von Philippe Val, dem ehemaligen Chefredakteur von Charlie Hebdo und langjährigen Leiter des Radiosenders France Inter, verfasst und von etwa 300 Personen unterzeichnet wurde. Darunter sind drei ehemalige Premierminister, der frühere Präsident Nicolas Sarkozy und zahlreiche bekannte Intellektuelle und Künstler, z. B. das Akademiemitglied Alain Finkielkraut, der gegen Antisemitismus engagierte Imam Hassen Chalghoumi und der algerische Schriftsteller Boualem Sansal. Auch Frankreichs Oberrabbiner Haim Korsia unterschrieb, während der frühere Präsident des französischen Islamrats, Anouar Kbibech, als er gefragt wurde, seine Unterschrift verweigerte. Das Dokument kritisiert den allfälligen „Islamophobie“-Einwand und fordert vom Islam in Frankreich eine Reform seines Schriftverständnisses. Das Manifest wird vom Erscheinen eines neuen Buches zum Thema begleitet: Elisabeth de Fontenay et al.: Le Nouvel Antisémitisme en France, Paris 2018.


Manifest gegen den neuen Antisemitismus in Frankreich1


„Dieser Terror breitet sich aus“

Der Antisemitismus ist nicht eine Angelegenheit der Juden, er ist eine Angelegenheit, die alle angeht. Die Franzosen, deren demokratische Reife sich nach jedem islamistischen Anschlag erwiesen hat, leben in einem tragischen Paradox. Ihr Land ist zum Schauplatz eines mörderischen Antisemitismus geworden. Dieser Terror breitet sich aus und ruft zugleich eine Verurteilung im Volk und ein Schweigen der Medien hervor. Der kürzliche „weiße Marsch“2 trägt dazu bei, dieses Schweigen zu brechen.

Wenn ein Premierminister auf dem Podium der Nationalversammlung unter dem Beifall des ganzen Landes erklärt, dass „Frankreich ohne seine Juden nicht mehr Frankreich“ sei, dann ist das keine hohle Phrase des Trostes, sondern eine ernste Warnung: Unsere europäische Geschichte und in einzigartiger Weise die französische, ist aus geografischen, religiösen, philosophischen und juristischen Gründen eng mit verschiedenen Kulturen verwoben, unter denen die jüdische eine bestimmende Stellung einnimmt. In unserer jüngsten Geschichte wurden elf Juden ermordet – und einige gefoltert – weil sie Juden waren, und zwar durch islamistische Radikale.


„Eine stille ethnische Säuberung“

Aber jetzt verschleiert der Vorwurf der „Islamophobie“ – nicht zu verwechseln mit dem bekämpfenswerten antiarabischen Rassismus – die Zahlen des Innenministeriums: Französische Juden werden 25-mal häufiger angegriffen als ihre muslimischen Mitbürger. Zehn Prozent der jüdischen Bürger im Großraum Paris, i. e. 50000 Menschen, waren in jüngerer Zeit gezwungen umzuziehen, weil sie in bestimmten Stadtteilen nicht mehr sicher waren und weil ihre Kinder nicht mehr die öffentlichen Schulen besuchen konnten. Wir haben hier eine stille ethnische Säuberung im Lande Émile Zolas und Georges Clemenceaus vor uns.3

Woher dieses Schweigen? Weil die islamistische Radikalisierung – und der Antisemitismus, den sie mit sich bringt – von Teilen der französischen Eliten ausschließlich als Ausdruck einer sozialen Revolte gedeutet wird, obwohl das gleiche Phänomen in so unterschiedlichen Gesellschaften wie Dänemark, Afghanistan, Mali und Deutschland zu beobachten ist. Weil sich zum alten Antisemitismus der extremen Rechten der Antisemitismus eines Teils der radikalen Linken gesellt hat. Dieser hat im Antizionismus ein Deckmäntelchen gefunden, um die Henker der Juden in Opfer der Gesellschaft zu verwandeln. Und schließlich weil wahltaktische Niedertracht darauf zählt, dass es zehnmal so viele muslimische wie jüdische Wählerstimmen gibt.


„Wir erwarten vom Islam in Frankreich, dass er den Weg öffnet“

Im Übrigen nahmen an dem weißen Marsch für Mireille Knoll auch Imame teil. Diese sind sich bewusst, dass der muslimische Antisemitismus die größte Bedrohung des Islam des 21. Jahrhunderts und der Welt des Friedens und der Freiheit, in der zu leben sie gewählt haben, darstellt. Diese Imame leben größtenteils unter Polizeischutz, was viel darüber sagt, welches Terrorregime die Islamisten über die Muslime in Frankreich ausüben.

Darum fordern wir, dass die Verse des Korans, die zu Mord und Bestrafung der Juden, der Christen und der Ungläubigen aufrufen, von den theologischen Autoritäten als überholt verworfen werden, so wie es mit den Widersprüchen der Bibel und dem katholischen Antisemitismus geschah, der im Zweiten Vatikanischen Konzil verworfen wurde, damit sich künftig kein Gläubiger auf heilige Texte stützen könne, um seine Verbrechen zu begründen.

Wir erwarten vom Islam in Frankreich, dass er den Weg öffnet. Wir fordern, dass das demokratische Versagen, welches der Antisemitismus darstellt, zur nationalen Angelegenheit erklärt wird, bevor es zu spät ist. Bevor Frankreich nicht mehr Frankreich ist.


Anmerkungen

1 Übersetzung aus dem Französischen durch Kai Funkschmidt, Quelle: Manifeste „contre le nouvel antisémitisme“, www.leparisien.fr/societe/manifeste-contre-le-nouvel-antisemitisme-21-04-2018-7676787.php; Bericht: Franziska Broich: Rabbiner, Imame und Politiker diskutieren über ein Manifest. Ein „neuer Antisemitismus“ in Frankreich?, 28.4.2018, www.domradio.de/themen/judentum/2018-04-28/rabbiner-imame-und-politiker-diskutieren-ueber-ein-manifest; Kommentar: Elisabeth Lévy: Antisémitisme: ils en ont parlé! Enfin presque…, in: Le Causeur, 30.4.2018, https://tinyurl.com/y8uxerwk.
2 Marche blanche = Schweigemarsch nach der Ermordung Mireille Knolls am 23.3.2018 (Anm. d. Ü.)
3 Der Dichter Zola und der Politiker Clemenceau setzten sich um 1900 für den antisemitisch verfolgten Offizier Alfred Dreyfus ein (Anm. d. Ü).

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