lexikon_keyvisual.jpg
Lexikon

Falun Gong / Falun Dafa

Falun Gong / Falun Dafa ist ein spiritueller „Weg zur Vollendung“, der von dem Chinesen Li Hongzhi begründet und 1992 erstmals öffentlich präsentiert wurde. Es versteht sich als „traditionelle chinesische Lehre für Körper und Geist“ (Falun Dafa Newsletter, Oktober 2010) und ist dem buddhistischen Qi Gong zuzurechnen. Mit einer volkstümlich-synkretistischen Mischung aus buddhistischen, daoistischen, konfuzianischen und chinesisch-volksreligiösen Elementen sollen die Menschen und das ganze Universum geläutert und durch hochenergetische Substanzen veredelt werden.

Ziel ist die „Erlösung“ aller Wesen. In China gilt die Falun-Gong-Bewegung als „illegale Organisation“, ihr „Meister“ als Staatsfeind. Im Westen wurde sie bekannt, als im Jahr 1999 rund 10000 Anhänger für ihre Anerkennung und gegen die Unterdrückung durch die Kommunistische Partei Chinas demonstrierten.

Zur Geschichte

Li Hongzhi wurde nach eigenen Angaben am 13.5.1951 (und damit an Buddhas Geburtstag; regierungsamtlich am 7.7.1952) in eine Akademikerfamilie im Nordosten Chinas geboren. Bereits im Kindesalter wurde er von einem buddhistischen Meister unterwiesen und sah sich mit übernatürlichen Kräften ausgestattet. Dies nimmt ebenso wie die weitere spirituelle Vervollkommnung bei über 20 buddhistischen und daoistischen Meistern in der legendenhaft ausgeschmückten Biografie breiten Raum ein. Zunächst in einem staatlichen Beruf tätig, trat Li 1992 mit Falun Gong an die Öffentlichkeit und gründete die „Falun Dafa Research Society“ in Peking. 1996 wurde er aus der offiziellen Qi-Gong-Vereinigung ausgeschlossen, 1998 erfolgte die Übersiedelung in die USA. Von den chinesischen Sicherheitsbehörden war die rasch wachsende Bewegung 1996 als „böse und gefährliche“ Sekte eingestuft worden, was zumal nach dem Verbot im Juli 1999 mit massiven Repressalien inklusive Folter, Verurteilungen, psychiatrischen „Behandlungen“ und unerklärten Todesfällen einherging. Den Verfolgungen durch die Kommunistische Partei Chinas fielen nach Angaben von falungong.de bisher weit über 3000 Praktizierende zum Opfer. Mit den Themen „Brutale Verfolgung – Friedlicher Widerstand“ gehen die Falun-Gong-Anhänger offensiv an die Öffentlichkeit. Entsprechende Bilder und Berichte von Einzelschicksalen machen auf erlittenes Unrecht aufmerksam, erregen zugleich aber auch Betroffenheit, die für die Werbung für die Organisation instrumentalisiert wird. In Deutschland ist der „Deutsche Falun Dafa Verein e.V.“ (Gorxheimertal) seit 1998 eingetragen.

Lehre und Praxis

Der Name Falun Gong setzt sich zusammen aus falun „Rad des Dharma“ (d. h. der Lehre des Buddha) und (qi)gong „Kraft, Energie“. Nach Li Hongzhi ist Falun Gong, das gelegentlich mit „Gebotsrad-Kultivierungsweg“ übersetzt wird, „die Bezeichnung des kosmischen Gesetzes auf der Erde“ (Fa-Erklärung 2010). Falun Dafa wird mit „Großes Gesetz des Gesetzesrades“ wiedergegeben und nahezu synonym gebraucht. (Li spricht seit seinem Wechsel in die USA bevorzugt von Falun Dafa und bezeichnet seine Anhänger als Dafa-Jünger.) Zentrale Praxis sind fünf genau festgelegte Steh- und Meditationsübungen, die mit ihren langsamen, ruhig fließenden Bewegungen ähnlich wie andere Qi-Gong-Übungen ablaufen. Sie können im Selbststudium erlernt und geübt werden (Bücher, Online-Anleitungen), vorzugsweise jedoch gemeinschaftlich in örtlichen Übungsgruppen, die häufig auch im Freien praktizieren.

Die konsequente tägliche Übungspraxis, zu der ausdrücklich auch die beständige Lektüre der Lehren Li Hongzhis gehört, die in seinem Grundlagenwerk „Zhuan Falun“ dargelegt sind, dient zur „Kultivierung“ nach den drei Prinzipien „Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit, Nachsicht“ (Zhen, Shan, Ren). Diese gelten als grundlegendste Eigenschaften des Kosmos und müssen in allen Dingen freigelegt und vervollkommnet werden. Li spricht deshalb von einer Kultivierungsmethode, die sich freilich von anderen (Qi Gong-)Kultivierungswegen dadurch unterscheidet, dass sie viel einfacher zu praktizieren ist und dennoch ungleich effizienter sein soll. Dass diese in kosmischen Dimensionen gedachte Kultivierung auf „sehr hoher Ebene“ ansetzt, verdankt sich den übermenschlichen Fähigkeiten des „Meisters“, der das ursprüngliche Dafa vermittelt und dadurch eine Erlöserrolle einnimmt, vergleichbar dem im Buddhismus erwarteten endzeitlichen Buddha Maitreya.

Eine spezifische Wirksamkeit wird dabei dem Falun zugeschrieben (das als Abbild des Universums im farbigen Falun-Gong-Emblem symbolisiert ist). Das Falun „ist ein sich drehendes intelligentes Wesen von hoher energetischer Substanz“, das unter bestimmten Voraussetzungen allein vom „Meister“ im Unterbauchbereich des Kultivierenden eingesetzt wird und ab sofort in pausenloser Drehbewegung Energie aus dem Kosmos sammelt. Bei Drehung nach innen gibt das Falun Energie zur Läuterung ab, die letztlich der eigenen Erlösung dient. Bei Drehung nach außen „erlöst es die anderen Menschen“. Li geht grundsätzlich von der substanzhaften Beschaffenheit von Energie, auch des guten (de) oder schlechten Karmas (yeli) aus, das man durch sein Handeln ansammelt. Die schlechte, schwarze Substanz muss abgebaut und in weiße Substanz umgewandelt werden. Dämonen behindern allerdings die Kultivierung, sie werden mit Krankheiten und mit allerlei störenden Einflüssen (Sex-Dämon) in Verbindung gebracht.

Gegen diese und andere Gefahren umgibt der Meister seine Jünger mit dem Fashen, dem „Gebotskörper“. Auch dieser wird substanzhaft vorgestellt als eine Art lebendiger, intelligenter Schutzschirm, mit dem der Meister den Praktizierenden „bis zur Vollendung“ wirksam schützt. In diesem Zusammenhang wird Schutz vor Krankheit ebenso in Aussicht gestellt wie ein glückliches Leben sowie letztlich die Verwirklichung irdischer Unsterblichkeit, indem man sich „zur Gottheit kultiviert“.

Falun Gong bewirkt eine „Fa-Berichtigung“ im Universum, die von einer hohen Kultivierungsebene aus in ihren kosmischen Ausmaßen geschaut werden kann. Das Werden und Vergehen von Generationen und ihren Zivilisationen und Religionen kommt in den Blick, aber auch die gesamte Götter- und Dämonenwelt. Die Menschheit wurde bereits 81-mal ausgelöscht, hat Li festgestellt; nur wenige Erleuchtete überlebten jeweils und haben immer wieder neue Welten hervorgebracht. Auch jetzt geht es ums Überleben, insofern die Lebewesen auf den niederen Ebenen, zu denen die meisten Menschen gehören, „aussortiert“ werden und damit vor ihrer Vernichtung stehen. In einer eigenwilligen, quasi-heilsgeschichtlichen Deutung kommt den Falun-Gong-Praktizierenden kraft der vom Meister ermöglichten Dafa-Vermittlung eine wesentliche Rolle im kosmischen Erlösungsdrama zu. So kann Li behaupten, alle Menschen warteten darauf, „von euch gerettet zu werden“. „Ganz gleich, wie leidvoll es auch sein mag, die Dafa-Jünger sind dabei, Menschen zu erretten. Alle Projekte dienen diesem Zweck“ (Fa-Erklärung 2010).

Die Religionen gehören dabei wie beispielsweise auch die (bisher) bekannten Qi-Gong-Praktiken auf eine niedere Stufe, während Li Hongzhi die Kultivierung ohne Umwege „direkt auf der hohen Ebene“ propagiert und anbietet.

Zur Organisation

Zu Verbreitung und Mitgliederzahlen der Falun-Gong-Bewegung gibt es keine verlässlichen Angaben. Weltweit praktizieren nach Auskunft von faluninfo.de über 100 Millionen Menschen in mehr als 80 Ländern Falun Gong. In China soll die Bewegung schon 1999 ca. 70 Millionen Anhänger – übrigens bis in höchste Partei- und Regierungsämter – gehabt haben, was indessen auf rund 2 Millionen herunterkorrigiert worden ist. In Deutschland ist die Bewegung seit 1998 vereinsmäßig organisiert. Der Verein gibt an, dass es neben den ca. 30 eingetragenen Vereinsmitgliedern rund 400 aktive Falun-Gong-Praktizierende in Deutschland gibt, die sich auch an gemeinsamen Aktivitäten beteiligen, darüber hinaus ein Umfeld von ungefähr 2000 Anhängern. In der Schweiz bestehen an über 20 Orten Übungsgruppen, in Österreich dürfte die Zahl deutlich darunter liegen.

Gemeinsame Übungen sind grundsätzlich kostenlos, alle nötigen Informationen sind auch im Internet kostenlos zugänglich. Nur der „Meister“ Li darf für seine Kurse Geld nehmen. Li Hongzhi steht mit der Autorität des Meisters an der Spitze der Bewegung, die Anhänger folgen ihm mit Hingabe und Opferbereitschaft. Er verlangt die präzise Befolgung seiner Anweisungen in den Lehrvorträgen und warnt vor Abweichungen bzw. vor Vermischung mit anderen Lehren und Methoden.

Die Verbreitung der Falun-Gong-Ideale geschieht auf unterschiedliche Weise. Die Kulturgala „Shen Yun“ verpackt sie in eine farbenfrohe Präsentation „traditioneller chinesischer Kultur“, Ausstellungen in öffentlichen Gebäuden (etwa durch den Verein „Ars Honesta – Deutscher Verein für Kunst und Menschenrechte e.V.“) machen mit Kunstwerken oder zum Thema Menschenrechte auf sich aufmerksam und verweisen immer wieder explizit oder implizit auf Falun Gong und seine Prinzipien. Bei Stadtfesten oder anderen öffentlichkeitswirksamen Anlässen werden Stände aufgebaut und Handzettel verteilt. In Universitäten und Supermärkten werden Schriften ausgelegt. Der von Falun-Gong-Anhängern gegründete Sender NTDTV (New Tang Dynasty Television) gehört zu einer wachsenden Gruppe von Medienorganisationen im Umfeld der Bewegung. Dazu zählen auch Radiostationen sowie die Zeitung „Epoch Times“, die in 17 Sprachen, darunter auch Deutsch, erscheint.

Die Bewegung sieht sich weder als Religion noch als politische Organisation. Die rasche und effektive Durchführung koordinierter Aktivitäten spricht jedoch dafür, dass zumindest ein gut organisierter harter Kern besteht.

Stellungnahme

Falun Gong ist eine synkretistische Heilslehre und Praxis mit umfassendem und exklusivem Anspruch. Sie präsentiert sich als ein methodisierter Heilsweg unter der Autorität des Meisters Li Hongzhi. Dabei mischt sich auf der Grundlage chinesischer Religiosität und Kosmologie die buddhistisch grundierte Vorstellung der Erlösung durch (Selbst-)Kultivierung mit animistischen Aspekten und modernen naturwissenschaftlichen Elementen.

Schon die Rede vom Meister und seinen Jüngern verweist auf ein religiöses Grundverständnis. Der Anspruch, die Jünger anders als in anderen „Kultivierungsschulen“ innerhalb kürzester Zeit auf eine hohe Ebene und damit zu Glück und Erfolg zu bringen, wirkt attraktiv. Die in Lis Hauptwerk „Zhuan Falun“ propagierte elitäre und zugleich unkritische Grundhaltung kann je nach Konstellation in der Familie oder im sozialen Umfeld zu Problemen führen (so auch Li selbst im Blick auf die konsequente Kultivierung). Dass Falun Gong mehr ist als eine (reine) spirituelle Meditationsbewegung – so das Selbstverständnis – zeigen ferner die politischen Aktivitäten der Anhänger. Die offizielle chinesische Beurteilung als gefähr-liche Sekte ist politisch motiviert, sie ist weder in China noch in Europa durch schwerwiegende Vorkommnisse gedeckt. Der Protest gegen – nicht nur für Falun-Gong-Anhänger prekäre! – Menschenrechtsverletzungen in China sollte jedoch von der Werbung für Falun Gong klar unterscheidbar bleiben. Die propagandistische Vermengung von Politik und „Spiritualität“ in konzertierten Aktionen der Bewegung etwa in Rathäusern und Stadthallen, teils über das Thema Kunst, teils über das Thema Menschenrechte, ist kritisch einzuschätzen.

Quellen

Li Hongzhi, Zhuan Falun (deutsche Version), Bad Pyrmont 1998
Li Hongzhi, Falun Gong – Der Weg zur Vollendung, München 1998
Li Hongzhi, Fa-Erklärung auf der Fa-Konferenz in New York 2010 vom 5. September 2010 (Änderung am 27. Oktober 2010)

Falun Dafa Newsletter, Ausgabe Oktober 2010, hg. vom Falun Dafa Informationszentrum Deutschland, Gorxheimertal

www.falundafa.de
www.falungong.de www.faluninfo.de
www.epochtimes.de
http://english.ntdtv.com (German)

Literatur

Dehn, Ulrich, Ki-Bewegungen und ihr Hintergrund, in: MD 3/1998, 66-76
Dehn, Ulrich, Falun Gong – eine neue Dimension unter den Ki-Bewegungen?, in: MD 1/2000, 14-19
Dehn, Ulrich, Falun Gong, in: Reinhard Hempelmann u. a. (Hg.), Panorama der neuen Religiosität, Gütersloh 22005, 393-397
Lamprecht, Harald, Mission mit Märtyrern. Falun Gong benutzt die Verfolgung in China exzessiv als Werbeargument, in: Confessio 4/2007, 5

Dr. Friedmann Eißler, Januar 2011