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Lexikon

Magie

Auch in den industrialisierten und technisierten modernen Gesellschaften besteht eine Faszination an Magischem fort. Magie begegnet zum einen in den gegenwärtig so populären Fantasywelten, von denen „Harry Potter“ und „Der Herr der Ringe“ nur die bekanntesten sind. Zum anderen ist der tatsächliche Glaube an magische Wirkungen erstaunlich weit verbreitet. Nach Umfragen halten 20 bis 40 Prozent der Deutschen die Wirksamkeit von Glücksbringern, Wahrsagern, Wunderheilern und Astrologie für wahrscheinlich, wobei Westdeutsche eher bereit sind, an Übernatürliches zu glauben, als Ostdeutsche. 10 bis 15 Prozent der Deutschen können nach einer Umfrage der „Identity Foundation“ aus dem Jahr 2006 als „spirituelle Sinnsucher“ gelten, die unter anderem magische Praktiken nutzen. Die zahlreich angebotenen esoterischen Dienstleistungen z. B. von Heilern und Wahrsagern werden allerdings nach Schätzungen und Umfragen von nicht mehr als zwei Prozent der Bevölkerung in Anspruch genommen.

Zum Begriff 

Magie kann verstanden werden als ein ritualisierter und instrumenteller Zugriff auf übernatürliche Kräfte, die bestimmten Gegenständen oder Handlungen zugeschrieben werden. Zu offiziellen oder individuellen Zwecken der Schadensabwehr, Schadensstiftung, Unheilvermeidung oder Wunschverwirklichung werden Mittel oder Handlungen eingesetzt, von denen man sich eine entsprechende Wirkung erwartet. Das Ausüben magischer Praktiken setzt überlieferte Kenntnisse und besondere Fähigkeiten voraus, über die in der Regel nur Eingeweihte verfügen.

Das Wort Magie bzw. Magier hat seinen Ursprung im lateinischen magia (griechisch mageia, iranisch-altpersisch magus) und bezeichnete ursprünglich das Mitglied einer medischen Priesterkaste, zu deren Aufgaben das Deuten von Vorzeichen gehörte. Verwandt ist das Wort mit dem griechischen mechos, mechane, dem gotischen maths und dem deutschen Macht. Im indogermanischen Verbalstamm magh bedeutet es können, vermögen, helfen.

Zur Magie können sowohl Wahrsagetechniken (Divination, Mantik) als auch Zauberpraktiken gezählt werden. Für Margarethe Ruff, die Alltagsmagie im deutschsprachigen katholischen Raum vom Mittelalter bis zur Gegenwart untersucht hat, gehören zur Wahrsagekunst Weissagungskünste (Totenbefragung, Wahrsagen aus glänzenden Flächen, Kartenlegen u. a.), erfragte Vorzeichen (Orakel, Augurium, Prognostiken, wahrsagende Experimente, Losbräuche) und Zeichen, die ohne Zutun des Menschen erscheinen (Traum, Vor- und Wunderzeichen, Begegnung mit einem bestimmten Lebewesen). Zauberpraktiken teilt Ruff ein in Schadenszauber (Krankheitszauber, Viehbehexung, Gegen- oder Strafzauber u. a.), Heilzauber sowie Hilfszauber zur Wiederbeschaffung gestohlenen Gutes, zum Erwerb von Liebe oder besonderen Fähigkeiten (Unsichtbarkeit, Unverwundbarkeit) und Hilfszauber zum Erwerb von Glück und Wohlstand (Schatzsuche, Wünschelrutengehen, Alraune, Springwurzel u. a.)

Im Blick auf die Wirksamkeit von Magie können zwei Grundtypen unterschieden werden: Eine analogische (auch homöopathische, sympathetische) Magie behauptet eine Wirkung durch Entsprechung. Hierzu gehört auch die imitative Magie, die eine Wirkung durch Nachahmung erzielen möchte. Die kontagiöse Magie beruft sich auf eine Wirksamkeit durch Berührung. Dazu gehört die Objektmagie, bei der ein Teil von einem Wesen oder Gegenstand Macht über diese verleiht oder Kräfte übertragen kann. Gebräuchlich ist die Einteilung in „weiße“ und „schwarze“ Magie je nach beabsichtigter positiver (z. B. heilender) oder negativer (z. B. schädigender) Wirkung.

In den Wissenschaften gibt es keine einheitliche Definition von Magie, oder es wird auf eine solche angesichts eines „Zerfalls der Kategorie Magie“ verzichtet. Magie ist aus dieser Sicht eine vom wissenschaftlichen Beobachter geschaffene „Restkategorie“, die alles Handeln zusammenfasse, das ihm unverständlich bzw. irrational scheint (Kippenberg, Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe). Diskutiert wird in den Wissenschaften vor allem das Verhältnis von Magie und Religion. James George Frazer  sah in der Magie eine primitive Vorstufe zur Religion und zur Wissenschaft. Bronislaw Malinowski unterschied die Religion als Selbstzweck von Magie als Mittel zum Zweck. In der jüngeren Forschung zur Magie besteht weitgehend Einigkeit, dass nicht so einfach zwischen Magie und Religion unterschieden werden kann, ebenso wenig, wie Magie und Wissenschaft sich klar voneinander abgrenzen lassen.

Weltanschauliche Voraussetzungen

Entscheidende weltanschauliche Voraussetzung für die Möglichkeit von Magie ist die Annahme innerweltlicher „übersinnlicher“ (ggf. göttlicher) Kräfte, Gesetze oder Wesen (immanente Transzendenz). Magie setzt dabei nicht unbedingt personale Wirkkräfte voraus. Die moderne Esoterik zum Beispiel geht von einem geistigen bzw. energetischen Prinzip aus, von dem alles Bestehende durchwirkt sei. Zu den weltanschaulichen Voraussetzungen der Magie gehört entsprechend die Vorstellung einer beseelten Natur, die von einer Art Lebensenergie durchströmt ist. Für diese Energie finden sich in der Literatur Bezeichnungen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten, z. B. Magnetismus, Ki, Prana oder einfach Licht. Ein weiteres wichtiges Prinzip ist die Vorstellung der Entsprechung zwischen Phänomenen und Gegenständen aller Art in der Natur, der menschlichen Alltagswelt und dem Kosmos. Esoterischem Denken liegt die in der Antike formulierte Annahme einer Entsprechung zwischen Mikro- und Makrokosmos zugrunde, wonach jede Erscheinungsform das Ganze widerspiegelt und jedes Ding in anderen Dingen seine Entsprechung hat.

Magie in der Bibel

Im Alten Testament werden einerseits magische Praktiken fremder Religionen und Kulturen negativ bewertet und abgelehnt. Andererseits finden sich zahlreiche Belege für Alltagsmagie, die als legitim galt. Zum Beispiel „züchtet“ Jakob gesprenkelte Schafe mithilfe von geschälten Stöcken (Gen 30,37); Samsons Kraft steckt in seinen Haaren (Ri 16,17); Elisa reinigt eine Quelle mit einer neuen Schale und Salz (2 Kön 2,19-22). Zahlreiche Wunder, die Propheten zum Teil im Wettstreit mit fremden Magiern vollbringen, gleichen Zauberei, z. B. die Plagen, die Mose über Ägypten kommen lässt (Ex 7-12). Der entscheidende Unterschied zur verurteilten Magie fremder Völker besteht darin, dass in den Wundern der Propheten Gott wirkt, die Magier hingegen eigenmächtig handeln.

Im Neuen Testament wird Magie im Sinne einer technisierten Bemächtigung religiöser Handlungen abgelehnt (vgl. Apg 8,9-24). In der Konfrontation mit den Jüngern Jesu erweisen sich Magier gegenüber deren Wundern als unterlegen (vgl. Apg 13,6-11). Die Magier in der Weihnachtserzählung (Mt 2,1-12) zeigen die positive Möglichkeit, dass heidnisch-magische Praktiken auf das Evangelium vorbereiten und zu diesem hinführen können. Theologischer Leitgedanke im Blick auf die Magie im Neuen Testament ist „die Überwindung dämonischer Mächte und magischer Bindungen durch Jesus Christus“ (Frenschkowski, RGG4).

Geschichte und Gegenwart

Magische Praktiken sind in allen Kulturkreisen der Vergangenheit und Gegenwart anzutreffen. Die ältesten bekannten magischen Texte reichen ins 26. vorchristliche Jahrhundert zurück. Für Mittelalter und frühe Neuzeit in Mitteleuropa konnte Margarethe Ruff feststellen, dass der Glaube an Zauberei weiter verbreitet war als die tatsächliche Praxis. Die Quellen zeigten z. B., wie mühsam die Suche nach magischen Spezialisten (Hexenbanner, Segenssprecher, Teufelsbeschwörer, Wahrsager, Heiler, Zauberer) gewesen sei. Magisches Wissen sei überwiegend durch Fahrende, Bettler, Soldaten und Abenteurer vermittelt worden. Auch Geistliche traten vereinzelt mit magischen Kenntnissen in Erscheinung, indem sie z. B. Exorzismen gegen alle Art von Schaden vornahmen (Krankheiten, Schädlinge, Unwetter, Gespenster). Männer tauchten in den Akten häufiger als Frauen als magische Spezialisten auf. Eine stärkere Verbreitung fanden magische Vorstellungen erst im Zuge der Hexenprozesse ab dem 16. Jahrhundert. Auslöser für den Vorwurf der Hexerei waren in der Regel nicht magische Praktiken, sondern der verbreitete Glaube, dass Unglücke aller Art auf Hexerei zurückzuführen seien. Nicht zuletzt in schweren Notzeiten wie dem Dreißigjährigen Krieg wurden gehäuft Frauen – aber auch Männer – der Hexerei bezichtigt.

In der jüngeren Geschichte und der Gegenwart in Europa und Nordamerika tritt Magie neben magischen Elementen im volkstümlichen Aberglauben vor allem im Kontext von Spiritismus, Okkultismus und Esoterik in Erscheinung. Wichtige Vertreter der sogenannten „Hohen Magie“ waren im 19. Jahrhundert Eliphas Lévi (1810-1875) und Papus (1865-1916), die magische Wissensbestände aus Alchemie, Kabbala, Tarot und Astrologie zu systematisieren suchten. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stilisierte sich Aleister Crowley (1875-1947) als großer Magier.

Zu einer Neuorientierung kam es mit der Jugendbewegung ab 1968 und einem neuen Interesse dieser Generation an Esoterik. Im Zuge der Strömung des „New Age“ wurden weibliche Prinzipien, ein positives Verhältnis zum Körper, der Einklang des Menschen mit der Natur, antihierarchisches Denken und Gewaltlosigkeit betont (Sawicki). Entsprechend bieten magische Offerten des gegenwärtigen Esoterikmarktes vor allem „sanfte Wege“ zur seelischen und körperlichen Heilung an. In den 1980er Jahren rückte das Thema Magie im Zusammenhang mit dem sogenannten Jugendokkultismus ins öffentliche Interesse. Im Satanismus der Gegenwart spielen magische Praktiken nur eine untergeordnete Rolle.

Magisches Denken ist auch bei Anbietern verschiedener Psychotechniken anzutreffen (Positives Denken, Scientology). Schon Anfang des 20. Jahrhunderts zeichnete sich auf dem Büchermarkt die Entwicklung der Magie zum Massenphänomen ab. Heute sind magische Dienstleistungen, Kultutensilien und Publikationen Teil eines wirtschaftlich starken und wachsenden Esoterikmarktes. Neben dem Internet dienen vor allem „Esoterikmessen“ oder „Engeltage“ dem Verkauf der Waren. Magisches Wissen wird über alle gängigen Medien verbreitet, was den Trend verstärkt, den Unterschied zwischen Experten und Laien einzuebnen. Um Magie zu betreiben, bedarf es nicht länger einer Einweihung. Eigene Rituale können kreiert und unter Gleichgesinnten verbreitet werden.

Einschätzung

Die heutige Magiefaszination verdankt sich nicht zuletzt dem Wunsch nach Wiederverzauberung in einer durch Rationalität und Technik entzauberten Welt. Der Glaube an Magie steht einerseits in der Gefahr der Irrationalität, andererseits erinnert Magie in einer rationalistischen Gesellschaft an ein „Mehr“ zwischen Himmel und Erde, das rational nicht einzuholen ist. Magieglaube und -praxis reagieren auf die Unberechenbarkeit des Lebens und werden als ein Angebot der Lebenshilfe wahrgenommen. Bei den Angeboten auf dem Esoterikmarkt handelt es sich dabei meist um profane, nichtreligiöse Magie. Unabhängig vom kulturellen Kontext ist Magie meist der Versuch, Alltagsschwierigkeiten zu bewältigen, entweder weil es an geeigneten anderen Mitteln mangelt oder weil Magie eine schnellere und umfassendere Lösung verspricht. Magie kann dazu dienen, Unglück und Unheil zu erklären. Magie kann die Funktion der Lebens- und Krisenbewältigung übernehmen, es können aber auch im Gegenteil durch Magie Verunsicherungen und Ängste ausgelöst und verstärkt werden, vor allem wenn sich Menschen der Wirkung von Magie ausgeliefert fühlen.

Magie ist ähnlich wie Naturwissenschaft und Technik mit dem Versuch verbunden, Kontrolle und Macht zu gewinnen. Dieser Wille zur Macht kann Menschen zur Selbstüberschätzung und zum Machtmissbrauch verleiten. Aus theologischer Sicht problematisch wird dies vor allem im Bereich der Religion, wenn sich Magie Göttliches technisch verfügbar machen will und dabei gegen das erste Gebot verstößt. Magie wird dann zu einem illegitimen Eingriff in die absolute Freiheit Gottes. Zur Aufgabe christlicher Theologie gehört die Magiekritik in der eigenen christlichen Praxis (z. B. magisches Missverständnis der Sakramente als Schutzzauber, christlicher Symbole als Talismane, von Bibelversen als Orakel). Gebete können im Versuch, von Gott Heilung zu erzwingen, als eine „magische Heilstechnologie“ (Ruppert) missbraucht werden. In der pfingstlich geprägten „Wort- und Glaubensbewegung“ macht sich der Einfluss des „Positiven Denkens“ in einem magisch verstandenen Glauben bemerkbar, durch den Krankheit und Armut überwunden werden sollen. Die vor allem in evangelikalen und fundamentalistischen Kreisen verbreitete Theorie der „okkulten Behaftung“, wonach Menschen, die mit dem Okkulten Kontakt hatten, nicht mehr von den dämonischen Wirkungen befreit werden können, gesteht der Magie eine größere Macht zu als Gottes Handeln. Zum christlichen Glauben gehört die Einsicht in die Begrenztheit und Brüchigkeit des eigenen Lebens. Ein Leben im Vertrauen auf Gott kann gerade auch Kontroll- und Machtverzicht bedeuten.

Quellen

Crowley, Aleister, Confessions. Die Bekenntnisse des Aleister Crowley, Bergen/Dumme 1993
Cunningham, Scott, Wicca. Eine Einführung in weiße Magie, München 2001
Steinbacher, Dorothea, Abrakadabra und toi, toi, toi... Abergläubische Sprüche und Bräuche – und was dahinter steckt, München 2007

Wissenschaftlich-kritische Literatur

Assmann, Jan / Strohm, Harald (Hg.), Magie und Religion, München 2010
Göttert, Karl-Heinz, Magie. Zur Geschichte des Streits um die magischen Künste unter Philosophen, Theologen, Medizinern, Juristen und Naturwissenschaftlern von der Antike bis zur Aufklärung, München 2001
Ruff, Margarethe, Zauberpraktiken als Lebenshilfe. Magie im Alltag vom Mittelalter bis heute, Frankfurt a. M. 2003
Ruppert, Hans-Jürgen, Suche nach Erkenntnis und Erleuchtung – moderne esoterische Religiosität, in: Hempelmann, Reinhard u. a. (Hg.), Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Gütersloh 22005, 201-303
Sawicki, Diethard, Magie, Frankfurt a. M. 2003
Resch, Andreas, Art. Magie, in: Baer, Harald / Gasper, Hans / Sinabell, Johannes / Müller, Joachim (Hg.), Lexikon nichtchristlicher Religionsgemeinschaften, Freiburg i. Br. 2009, 148-151
 
Dipl.-Theol. Claudia Knepper, September 2011 

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