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Lexikon

Reiki

Reiki (meist mit „universale/universelle Lebensenergie“ wiedergegeben, japanisch wörtlich: geistige Lebensenergie, Geist-Kraft) ist eine Heilmethode aus den USA (Hawaii). Ursprünglich aus Japan kommend, hat sie sich mit südasiatischem, taoistischem, esoterischem und New-Age-Gedankengut verbunden und wurde zu einer der beliebtesten esoterischen Behandlungsmethoden im Westen. Der Wortbestandteil „Rei“ bezeichnet den allumfassenden, universellen Aspekt der Energie, „Ki“ (Chi/Qi wie in Tai-Chi oder Qi Gong) die Lebenskraft, die in individueller Ausprägung durch jedes Lebewesen fließt. Die Übertragung von Reiki zur Unterstützung individueller Heilungsprozesse und zur Vitalisierung von Körper und Geist geschieht durch Handauflegen, auch als Selbstbehandlung. Die Reiki-Angebote haben sich in den vergangenen Jahren in einem breiten spirituellen Spektrum östlicher bzw. fernöstlicher Herkunft enorm ausdifferenziert.

Geschichte und Organisationen

Über die Entstehung von Reiki zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es widersprüchliche Aussagen, vieles bleibt im Dunkel. Die gängige Legende (die in wichtigen Teilen von Hawayo Takata stammt), wird jetzt auch zunehmend von Reiki-Meistern kritisch betrachtet. Entwickelt wurde das Reiki-Heilungssystem von dem Japaner Mikao Usui (1865 – 1926), der kein katholischer Theologe war – wie die „Reiki-Legende“ behauptet hatte –, sondern wahrscheinlich praktizierender Tendai-Buddhist. Glücklos und beständig auf der Suche soll ihm (1922?) das „Wissen von Reiki“ auf dem Berg Kurama bei Kyoto verbunden mit einer Lichtvision spontan zuteil geworden sein. Bis zu seinem Tod wirkte Usui, der verheiratet war und zwei Kinder hatte, von Tokyo aus als Lehrer und Heiler.

Einer von Usuis Nachfolgern war der Arzt Chujiro Hayashi, der in Tokyo eine Klinik betrieb und die Methode entscheidend weiterentwickelte. Kurz vor seinem Tod 1940 erklärte er seine engste Schülerin Hawayo Takata (1900 – 1980) zu seiner Nachfolgerin. Die japanischstämmige US-Bürgerin aus Hawaii hatte in Hayashis Klinik Heilung gefunden, wurde 1938 Reiki-Meisterin und wirkte nach Hayashis Tod als Reiki-Großmeisterin auf Hawaii. Auch sie prägte die Reiki-Methode mit eigenen Impulsen, darunter die Betonung der täglichen Selbstbehandlung und die Festlegung einer Standardabfolge von Handpositionen bei der Behandlung. Erst seit den 1970er Jahren bildete sie selbst Reiki-Meister aus. In der von Takata gelehrten Form wurde das Usui-System in den USA bekannt, von wo aus es sich weiter nach Europa ausbreitete, seit Mitte der 1980er Jahre auch in Deutschland.

Unter Hawayo Takatas 22 Meisterschülern waren ihre Enkelin Phyllis Lei Furumoto und Barbara Weber Ray, die beide die unmittelbare Nachfolge als Linienhalterin beanspruchten. Noch zu Lebzeiten Takatas gründete Barbara Ray The Reiki Association, die heute nach mehreren Umbenennungen als The Radiance Technique International Association (TRTIA) weiter besteht und den Großmeisterrang Furumotos nicht anerkennt. Reiki wird als authentische Wissenschaft und Technik dargestellt und gelehrt (Die Radiance Technik TRT, „Authentisches Reiki“), die in ihrer vollkommenen Form ausschließlich an Barbara Ray übermittelt worden seien. Charakteristisch für den Radiance-Stil ist die Ausbildung in sieben Graden.

1983 gründete sich in Kanada unter der als Großmeisterin und Trägerin der spirituellen Linie anerkannten Phyllis L. Furumoto (geb. 1948) The Reiki Alliance, der sich die Mehrheit der von Takata eingeweihten Meister anschloss. The Reiki Alliance richtet sich in Praxis und Lehre am „Usui Shiki Ryoho“-System („Usui-Methode der Heilung“) aus, das drei Grade kennt und die spirituelle Dimension sowie die Treue zur Tradition hervorhebt. Dazu gehört die tägliche Selbstbehandlung wie auch die Befolgung der „fünf Lebensregeln“ (s. u.). Seit 1993 bilden Furumoto und Paul D. Mitchell das sogenannte Großmeisteramt (Office of the Grand Master).

Beide Meistervereinigungen haben weltweit mehrere Hundert Mitglieder. Daneben entstand eine unabhängige freie Reiki-Szene mit zahlreichen neuen Stilen und Richtungen. Die Lehre wurde abgewandelt, die Einweihungsabfolgen beschleunigt, was wie ein Schneeballsystem wirkte, es kam zu Problemen mit Preisdumping sowie Nachweihungen.

Aufbauend auf der Usui-Methode entwickelten sich Systeme wie „Rainbow Reiki“ (Walter Lübeck), „Rei-Ki-Balancing“ (Gerda E. Drescher/Edwin Zimmerli), „Osho Neo-Reiki“ (Himani H. Gerber), „Reiki Jin Kei Do“ (Ranga Premaratna) oder „Karuna Reiki“ (William Lee Rand). Gründungen wie die Reiki Association International (R.A.I.) von Eckard Strohm (1990) oder bunte Angebote wie „Alchemia Reiki“, „Mahatma Reiki“ oder „Angelic RayKey“ ergänzen das Spektrum. Inzwischen ist die Bandbreite von Behandlungsformen und -Schulen nahezu unüberschaubar, sie reicht von stark esoterisch orientierten Angeboten bis hin zu mehr „säkularisierten“ oder „christlich“ adaptierten Versionen, die die Behandlung auf reines Handauflegen beschränken.

Die Bemühungen um Qualitätssicherung und -kontrolle, um einen Ethikkodex sowie um einen wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit von Reiki haben mittlerweile zur weiteren Institutionalisierung beigetragen. So wurde 2005 der Reiki-Verband-Deutschland e. V. (RVD) gegründet, 2006 der Österreichische Berufsverband der Diplomierten Reiki-TherapeutInnen (ÖBRT), 2011 ProReiki – der Berufsverband e. V. für professionelle Reiki-Praktizierende aller „Reiki-Fakultäten“.

Seit den 1990er Jahren wird dem historischen Hintergrund in Japan und japanischen Formen (Jikiden Reiki, Gendai Reiki Ho) größere Aufmerksamkeit gewidmet, das auf Takata basierende Usui-System wurde in Japan „reimportiert“.

In den USA soll es laut „American Hospital Association“ begleitende Reiki-Behandlungen in etwa 15 Prozent der Krankenhäuser geben. Im Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) werden inzwischen durch fest angestellte Entspannungstherapeuten vor allem im Bereich der Schmerztherapie jährlich rund 4000 Reiki-Behandlungen durchgeführt.

Lehre und Praxis

Ki bzw. Reiki wird wie in anderen Ki-Bewegungen als universale, kosmische Energie erklärt, die in vielen Kulturen bekannt sei und zahlreiche Ausdruckformen kenne. Parallelen seien im hinduistischen Prana, im ägyptischen Ka, im kabbalistischen Jesod, in der Heilkraft der Natur bei Hippokrates oder im christlichen Heiligen Geist zu finden. Diese „reine geistige Kraft“ sei immer und überall vorhanden und stehe jederzeit „für verschiedene Zwecke“ zur Verfügung. Sie wird durch die Hände weitergeleitet, entweder durch sanftes Auflegen der Hände oder indem diese in einem Abstand von wenigen Zentimetern gehalten werden. Dazu bedarf es einer einmaligen Initiation (Einweihung/Einstimmung). „Ist ein Mensch einmal als ‚Reiki-Kanal’ geöffnet worden, so fließt die universale Lebensenergie spontan und in konzentrierter Form aus seinen Händen, und diese Fähigkeit bleibt sein ganzes Leben lang erhalten“ (Baginski/Sharamon). Da die behandelnde Person als Kanal fungiere, gebe sie keine eigene Energie ab, sodass keine Erschöpfung eintrete („Reiki-Effekt“). Praktizierende gehen davon aus, dass Reiki bei der Behandlung genau in der zuträglichen Menge dorthin fließt, wo es benötigt wird. Eine Diagnose sei deshalb für die Behandlung nicht erforderlich. Die Behandlung stellt auch keine Diagnose, sie ersetzt weder den Arzt noch Medikamente oder verordnete Therapien.

Die etwa halbstündige tägliche Selbstbehandlung wie auch die vollständige Ganzkörperbehandlung (ca. 60 bis 90 Minuten) wird jeweils mit einer festgelegten Abfolge von Handpositionen durchgeführt. Bereits Absolventen des 1. Grades können die Energie übertragen, ab dem 2. Grad auch durch Fernbehandlung („Fernreiki“). Reiki wird von einigen in Kombination mit anderen esoterischen Methoden praktiziert, z. B. „Reiki und Bach-Blüten“, „Reiki und Auro-Soma“, aber auch mit Chakrenarbeit, Channeling, schamanischen Techniken u. Ä.

Zu den Hauptzielen gehören die (körperliche, geistige und seelische) Gesundheitsvorsorge und die Unterstützung der physischen und psychischen Selbstheilungskräfte, etwa durch die Lösung von „Energieblockaden“. Geheilt und mit universaler Energie durchströmt werden können jedoch nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Lebensmittel, Pflanzen und Gegenstände aller Art, die dann entgiftet, erfrischt, repariert oder sonst wie energetisiert werden.

Zur Erklärung wird von einigen auf den ganzheitlichen theoretischen Ansatz der „Energiemedizin“ hingewiesen, dem zufolge die Funktionsweise mutmaßlich auf dem Phänomen der Schwingungsänderung beruhe. Krankheiten sind in diesem Verständnis auf Fehlhaltungen des Geistes bzw. der Seele zurückzuführen, auf „Unordnung auf der geistigen, emotionalen und spirituellen Ebene“. Letztendlich gehe es um die Harmonisierung der Körperschwingungen (etwa durch „hochfrequente Energie“), die im Wesentlichen durch psychosomatische Mechanismen durcheinandergeraten könnten. Das hier zugrunde liegende Verständnis von Energie sei der modernen (westlichen) Wissenschaft verloren gegangen.

Initiationsgrade und Lebensregeln

Das auf Takata basierende Usui-System kennt drei Grade. Der 1. Grad wird auf einem Wochenendseminar erworben (Kosten um 200 Euro). In vier Einweihungen erhalten die Teilnehmenden die Befähigung, die Reiki-Energie auf sich selbst und andere zu übertragen. Der 2. Grad (mindestens sechs Monate später, mehrtägig) befähigt zur Verstärkung der Reiki-Kraft, auch zur Mentalheilung und Fernheilung; es werden die drei von Usui geschaffenen, ursprünglich geheimen Symbole gelehrt (Kosten: mehrere Hundert Euro). Der 3. Grad ist der „Meistergrad“, der eine längere Ausbildungszeit bei dem einweihenden Meister voraussetzt und bis zu 10000 Euro kostet. Es erfolgt die Einweihung, die zur Lehre und zur Ausbildung anderer berechtigt, mithilfe eines sogenannten Meistersymbols, das aus sinojapanischen Schriftzeichen besteht.

Die Radiance-Technik nach Barbara Ray ist siebenstufig. Hier wird ab dem 3. Grad zusätzlich unterteilt in A- (für das persönliche Wachstum) und B-Linie (zusätzliche Einweihung und Lehrbefähigung). So enthält 3B zum Beispiel die Befähigung, den 1. und 2. Grad zu lehren usw.

Die „Fünf Lebensregeln“ sollen in der frühesten Praxis Kern der Usui-Methode gewesen sein und werden als spirituelle und praktische Richtschnur verstanden: „1. Gerade heute ärgere dich nicht. 2. Gerade heute sorge dich nicht. 3. Gerade heute sei dankbar für alle Segnungen. 4. Gerade heute verdiene dein Brot ehrlich. 5. Gerade heute sei liebevoll zu allen Lebewesen.“

Einschätzung

Die Wirksamkeit von Reiki konnte bisher wissenschaftlich nicht überzeugend nachgewiesen werden. In seltenen Fällen kann die Bezuschussung eines Grundkurses durch eine Krankenkasse erreicht werden (als „Entspannungstechnik“; über Kooperationen im Krankenhausbereich, s. o.). Neben den positiven Erfahrungsberichten sind Berichte über negative Wirkungen von Reiki-Behandlungen (die kaum mit „Erstverschlimmerung“ erklärt werden können) bzw. über negative Erfahrungen mit unseriös agierenden „Reiki-Meistern“ nicht zu verschweigen. Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2004 sind Reikianwendungen durch geistig-spirituelle Heiler/Geistheiler möglich, sofern sie keine Diagnose stellen, keine Medikamente verordnen und darauf hinweisen, dass ihre Behandlung den Besuch beim Arzt oder Heilpraktiker nicht ersetzt (vgl. BVerfG, 1 BvR 784/03, 2.3.2004). Damit soll auch einer Überbetonung psychosomatischer Diagnosen und überzogenen Therapieversprechungen entgegengewirkt werden.

Die Weitergabe und Wirkung von Reiki sei unabhängig von Religion und Glauben, wird häufig betont. Nicht selten wird Reiki als ausschließlich säkulare Behandlungsmethode angeboten. Der weltanschauliche Hintergrund ist allerdings erheblich. Es herrschen esoterische Annahmen zum Energiemodell vor, ein kosmisch-energetisches Gottesverständnis und ein entsprechendes Menschenbild (z. B. grobstofflicher und feinstofflicher Körper, Energieflussmodelle/Chakrenlehre); Einweihungsrituale, Mantren und Symbole sind wichtige Elemente. Oliver Klatt nennt das Usui-System des Reiki einen spirituellen Weg mit Transzendenzbezug, ein „esoterisch geprägtes System“, dessen zentraler Vorgang der Einweihung sich kaum anders als mit der Existenz übernatürlicher Mächte erklären lasse. Es sei „ein in sich vollständiges System der Energieheilung“, das als „energetische Heilmethode und spirituelle Disziplin“ nicht nur auf körperliche und geistige Heilung, sondern auch auf die spirituelle Entwicklung des Praktizierenden ziele. Die Reiki-Praxis schaffe überdies eine mystische Gemeinschaft.

Das Bemühen um kranke und leidende Mitmenschen wie auch das Wissen um die Heilkraft des Glaubens gehören für Christinnen und Christen zur Praxis des Glaubens, die Handauflegung, Krankengebet und Salbung einschließt. Allerdings muss nicht jede Heilung Wirkung des Heiligen Geistes sein. Ein christliches Fürbittegebet ist keine Energieübertragung („Fernbehandlung“). Der christliche Glaube bekennt, dass der Geist Gottes „weht, wo er will“ (Joh 3,8). Zurückhaltung gegenüber suggestiven Praktiken und einer dem Menschen verfügbaren Methode („Handauflegen genügt, und die Energie fließt“) ist deshalb geboten. Ausgehend vom biblischen Menschenbild besteht weder die Notwendigkeit noch die Möglichkeit einer „Einweihung“ durch einen Meister zur „Öffnung“, etwa der Energiekanäle. Der Zugang zu Gott als einem ansprechbaren und personalen Gegenüber in Jesus Christus durch den Heiligen Geist steht „allein aus Glauben“ für jeden Menschen offen (Rechtfertigung). Eine Deckungsgleichheit zwischen dem biblischen Pneuma und dem asiatischen Konzept der kosmischen Ki-Energie oder dem Prana besteht nicht.

Literatur

Bodo J. Baginski/Shalila Sharamon, Reiki. Universale Lebensenergie zur ganzheitlichen Selbstheilung, Patientenbehandlung, Fernheilung von Körper, Geist und Seele, Essen 262004
Andreas Dalberg, Der Weg zum wahren Reiki-Meister. Mit den Symbolen, Mantren und Einweihungsritualen aller Reiki-Grade, München 2000
Ulrich Dehn, Reiki, in: Panorama der neuen Religiosität, hg. von Reinhard Hempelmann u. a. im Auftrag der EZW, Gütersloh 22005, 381-387
Oliver Klatt, Die Reiki-Systeme der Welt. Reiki im Überblick – mit praktischen Übungen, Aitrang 2005
Oliver Klatt/Norbert Lindner, Reiki und Schulmedizin. Wie Energiemedizin und Klassische Medizin zusammenkommen, Aitrang 2006
Walter Lübeck/Frank Arjava Petter/William Lee Rand, Das Reiki-Kompendium. Ein umfassendes Handbuch über das Reiki-System, Oberstdorf 22002
Frank A. Petter, Das Reiki Feuer – Neues über den Ursprung der Reiki-Kraft. Das komplette Lehr- und Arbeitsbuch, Oberstdorf 52000
Barbara Ray, Der Reiki-Faktor, München 1997 (Erstausgabe 1983)

Internet

www.reiki-magazin.de (Printausgabe vierteljährlich, seit 1997)www.trtia.orgwww.usuishikiryohoreiki.comwww.proreiki.de

Dr. Friedmann Eißler, April 2014

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