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Lexikon

Energie (Esoterik)

Energie ist ein zentraler Begriff in der modernen Esoterik und den ihr nahestehenden Bereichen. Ob es zum Beispiel um Wünschelruten, Kraftorte, Pendeln, Bachblüten, Magie, Engel, Reiki, Feng Shui oder Chakren geht, oft steht hinter esoterischen Praktiken und Konzepten die Vorstellung einer zugleich kosmischen und im Menschen wirksamen universalen Kraft, die heutzutage meist Energie genannt wird.

Der Begriff Energie leitet sich aus dem Griechischen energeia ab, das sich aus den Worten „en“ (innen) und „ergon“ (Werk, Tat) zusammensetzt. Energie wird oft im verallgemeinerten Sinne von Wirksamkeit oder Kraft gebraucht. In der Physik ist Energie eine abstrakte Rechengröße, die die Fähigkeit eines Systems beschreibt, Arbeit zu verrichten. Der Begriff Energie etablierte sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts in der Physik und tauchte auch erst dann in der Esoterik und ihr verwandten Feldern auf.

Einzelne Esoteriker beschreiben im Detail durchaus unterschiedlich, was sie unter Energie verstehen. Im Kern teilen esoterische Lehren jedoch in der Regel ein gemeinsames Grundverständnis von Energie. Demnach kann in der modernen Esoterik die ganze Wirklichkeit auf Energie zurückgeführt werden. Alles, was es gibt, ist Energie in unterschiedlichen Schwingungsgraden oder genauer eine Ausformung derselben Urenergie im Sinne nicht nur einer Kraft, sondern eines Urstoffes. Teil dieser monistischen Vorstellung ist es, dass nicht streng zwischen Materie und Geist unterschieden wird. Stattdessen gibt es einen fließenden Übergang von einem grobstofflich-materiellen Bereich und einem Bereich feinstofflich-geistig-seelisch-vitaler Phänomene. Das Feinstoffliche durchwirkt und umhüllt alles Grobstoffliche. Da in allem dieselbe Energie wirkt, ist eine Kommunikation zwischen dem Grobstofflichen und dem Feinstofflichen möglich. Der Mensch ist durch die Energie mit dem ganzen Kosmos verbunden. Nach esoterischer Vorstellung hat er mit mehreren Körpern oder Leibhüllen sowohl Teil an grobstofflichen als auch an feinstofflichen Energieformen. Beispielhaft sei hier die für die moderne Esoterik prägende theosophische Lehre von Helena Blavatsky genannt, in der sie von einer siebenfältigen Natur des Menschen spricht. Sie unterscheidet vier niedere, „tierische“, vergängliche Teile im grobstofflichen Bereich des Menschen (1. physischer Körper, 2. Leben- oder Vitalprinzip, 3. Astralkörper und 4. einen Sitz der tierischen Wünsche und Leidenschaften) und drei höhere, unvergängliche Körper im feinstofflichen Bereich (5. Verstand und Vernunft, 6. spirituelle Seele und 7. Geist).Die Urenergie, aus der alles hervorgeht und die alles durchwirkt, ist ewig und zyklisch fließend. Sie ist das Absolute und Göttliche in einem pantheistischen Sinne. Das heißt, das Göttliche oder Gott ist in der modernen Esoterik nichts Transzendentes jenseits des Kosmos, sondern es ist absolut im Sinne des Ganzen des Kosmos. Je feiner die Energieform ist, umso näher kommt sie dem göttlichen, allumfassenden Sein. Auch der Mensch hat Anteil an dieser göttlichen Urenergie. Durch Übungen und Erkenntnis im Sinne einer intuitiven Schau kann er seine Energie immer weiter verfeinern und dadurch zu immer höheren Energieformen und damit höherem Bewusstsein bis zur Erleuchtung aufsteigen. Die Energie wird auch oft „Licht“ oder „Liebe“ genannt.

Energie als Lebensprinzip

Die Energie gilt als ein Lebensprinzip, das alle Dinge vom Stein über Wolken, Tiere und Menschen bis hin zu höheren feinstofflichen Wesensformen belebt und beseelt. Auch positive und negative Zwischenwesen wie Engel, Geister und Dämonen sind in der modernen Esoterik keine Realwesen, sondern symbolhaft vorgestellte feinstoffliche Energieströme. Die alles durchströmende und gestaltende Energie sorgt für eine Entsprechung zwischen Mikro- und Makrokosmos, ein Gedanke, der für das esoterische Denken wesentlich ist. Der gesamte Kosmos als eine lebende Einheit ist von inneren Kräften bewegt wie der Mensch. Durch bestimmte Übungen (z. B. Visualisierung, Meditation, Yoga, Atemübungen) kann die sinnliche Wahrnehmung für diese Energie und damit für feinstoffliche Wesen und Phänomene geschult und die eigene Energie verfeinert werden. Eine Wahrnehmung des Feinstofflichen liegt zum Beispiel bei Hellsichtigkeit vor. Dazu gehören das intuitive Wahrnehmen von Engeln und das Aurasehen. Riten und andere Praktiken ermöglichen die Aktivierung, Intensivierung und Lenkung von Energie (z. B. in der Magie, beim energetischen Heilen, bei Übungen mit Farben, Tönen, Düften, Essenzen, Kristallen, Gesten, Tanz).

Von christlicher Seite hat zuletzt der Theologe Manfred Josuttis im Rückgriff auf Wilhelm Reichs Orgontheorie und Alexander Lowens Bioenergetik die Vorstellung einer universellen Lebensenergie, einer „Vitalkraft“, aufgegriffen. Für ihn ist „das Heilige“ ein segensreiches Kraftfeld, dessen energetische Potenziale im seelsorgerlichen Handeln durch Segnen, Beten, Handauflegen, Fasten, Beichten und Austreiben genutzt werden sollten.

Energetisches Heilen

In einem natürlichen, „gesunden“ Zustand befindet sich die Energie, wenn sie frei fließen kann und klar ist. In diesem Zustand hat sie eine reinigende und belebende Wirkung auf Mensch und Umwelt. Ein gestörter Energiefluss wird als Ursache von Krankheiten angesehen. Entsprechend gibt es einen großen Bereich energetischer Heilmethoden und Techniken, durch die die Energieblockaden gelöst, negative Energie entzogen oder positive Energie übertragen und damit Krankheiten geheilt werden sollen (z. B. Geistheilung, energetische Psychologie und Medizin allgemein und konkret, z. B. Reiki, Bioresonanztherapie, Klopftechniken). Bei der Energiearbeit geht es nicht immer nur um die Lösung von Energieblockaden bei Menschen und Tieren, sondern auch um das energetische Gleichgewicht von Orten (z. B. Geomantie, Feng Shui, auch Lichtarbeit). Darüber hinaus versteht sich Energiearbeit in der Regel als ein Beitrag zur Harmonisierung der Energie im Kosmos. Ein gestörter Energiefluss wird jedoch letztlich auch ohne den Menschen wieder in ein natürliches Gleichgewicht finden. So sorgt zum Beispiel das Karma dafür, dass gehemmte oder negative Energie über immer neue Reinkarnationen ausgeglichen wird.

Energiezentren im Körper

Zum esoterischen Menschenbild gehört die aus dem Hinduismus und Buddhismus übernommene Vorstellung von Chakren („Rad“) als Energiezentren im Körper. Meist wird vereinfacht von sieben hierarchisch angeordneten Chakren gesprochen an der Basis des Rückgrats, im Genitalbereich, am Nabel, am Herzen, an der Kehle, zwischen den Augenbrauen und am Scheitel. Die Chakren sammeln, transformieren und verteilen durchströmende Energie. Durch Yoga und Atem-, Meditations- und Konzentrationsübungen sollen die Chakren aktiviert werden. Nach der traditionellen chinesischen Medizin fließt die Lebensenergie Chi in Bahnen, die Meridiane genannt werden. Auch diese Vorstellung wird von esoterischen Lehren und Praktiken aufgegriffen.

Historische Vorläufer und Einflüsse

Mit ihrer Idee einer Lebensenergie bzw. eines energetischen Urstoffs knüpft die moderne Esoterik an zahlreiche Ideen aus dem asiatischen und abendländischen Kulturraum an. Sie ist aber darüber hinaus auch in vielen anderen Kulturen verbreitet.

Dazu gehört das Mana der Maori in Neuseeland, das die Wirkmacht des Heiligen bezeichnet. Auch die Aborigines in Australien kennen die Idee einer gestaltlosen kosmischen Substanz, aus der alles hervorgegangen ist. In der chinesischen Philosophie gilt das Tao als unerschaffenes Prinzip, das alles schafft, was ist, und das Chi (auch Qi oder Ki; „Luft“, „Atem“, „Stärke“) als Lebensenergie, das unter anderem durch Atem- und Körperübungen in der Medizin nutzbar gemacht wird. Aus der hinduistischen Tradition ist das Brahman als kosmischer Urgrund und oberstes göttliches Prinzip bekannt und das Prana („Atem“) als Lebenskraft. Dazu gehört die Idee von Kundalini als schlangenförmig aufgerollter Shakti-Kraft im Menschen, die es zu wecken gilt und die durch die Chakren aufsteigen soll. In der Bibel ist die Idee des göttlichen Geistes (Ruach) mit der Idee einer Lebenskraft verwandt.

In der westlichen Antike gingen die ersten Philosophen von einer präexistenten, unzerstörbaren Ursubstanz aus. Bei Anaximander war dies das Pneuma („Luft“, „Atem“), bei Thales von Milet das Wasser und bei Heraklit das Feuer. Aristoteles vertrat die Vorstellung, dass die vier Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde alle aus dem fünften und wesentlichen Element Äther hervorgegangen seien. Äther ist einer der ältesten Begriffe der Naturphilosophie mit unterschiedlichen Bedeutungsnuancen. Man erkannte in ihm eine ewige, lebendige, intelligente und damit göttliche Substanz. Er galt als Lebenskraft in der Körperwelt und als Weltseele des Kosmos mit einer feurigen Natur, die sowohl im Sonnenlicht als auch im Atem enthalten sei. Das Pneuma als Lebenskraft war ein wichtiger Begriff in der griechischen Medizin. Die Stoiker erkannten im Pneuma die Substanz des Göttlichen und der menschlichen Seele. Es galt ihnen als schöpferisches Feuer, das den Kosmos durchwirke und aus dem alles entstanden sei. In der hermetischen Literatur wurde das Pneuma als Fluidum verstanden, ein wallender und fließender Stoff im feinstofflichen Sinne, der die Grundlage für Magie und mystische Erkenntnis darstellte. Andere Ideen der Antike, die in diesen Zusammenhang gehören, sind die Physis als Wachstums- und Werdeprozess der Natur und die Säftelehre (zuerst bei Hippokrates), wonach der Körper des Menschen Säfte enthalte, die seine Gesundheit beeinflussen.

Diese antiken Ideen spielen in der Ideengeschichte des Abendlandes vom Mittelalter bis zur Gegenwart eine Rolle. Mit dem fünften Element als prima materia beschäftigten sich zum Beispiel die Alchemisten. Paracelsus (1493-1541) verfolgte im Mittelalter eine von den antiken Vorstellungen des Äther und der Physis beeinflusste Vorstellung, dass im belebten Universum eine göttliche Urkraft wirke, die er Archäus und Spiritus Vitae nannte. Diese sorge für die Lebendigkeit aller Dinge und bilde im Menschen einen spirituellen Körper, der als Aura sichtbar werde. Schon früh wurden die geheimnisvollen Kräfte der Elektrizität und des Magnetismus mit den Ideen einer universellen (Lebens-)Kraft in Verbindung gebracht. Das verstärkte sich mit der Erforschung dieser Phänomene in der Neuzeit. Der Jesuit Athanasius Kirchner (1602-1680) trug sämtliche Erkenntnisse seiner Zeit über den Magnetismus zusammen und prägte den Begriff des „animalischen Magnetismus“, den später Franz Anton Mesmer (1734-1815) im Zuge des „Mesmerismus“ allgemein bekannt machte. Bei Kirchner zeigt sich die Tendenz, dass die personale Gottesvorstellung durch die unpersönliche Vorstellung von Gott als einer alles durchdringenden, belebenden und gestaltenden Kraft ersetzt wird (Benz). Eine weitere Tendenz in dieser Zeit war, dass die zunächst zumeist feinstofflich-metaphysisch verstandenen Urkräfte und Urstoffe im Zuge der empirischen Erforschung zunehmend grobstofflich-materiell verstanden und mit entsprechenden nachweisbaren Phänomenen identifiziert wurden. Ein Beispiel dafür sind die „elektrischen Theologen“ (Benz) Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782), Johann Ludwig Fricker (1729-1766) aus dem pietistischen Württemberg und der Prämonstratensermönch Prokop Divisch (1696-1765) aus Mähren, die sich intensiv als Naturforscher betätigten und sich dabei vor allem für die Elektrizität interessierten. Sie identifizierten die Elektrizität mit dem ersten Licht, das Gott dem ersten Schöpfungsbericht gemäß vor aller übrigen Schöpfung schuf. Dieses elektrische Feuer sei in allen Dingen verborgen, das allergemeinste, erste Phänomen der Natur und Lebensprinzip. Oetinger war überzeugt, dass damit auch das Zentralgeheimnis der wahren Magie gefunden sei.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die modernen Naturwissenschaften auf der einen Seite und Para- bzw. Pseudowissenschaften auf der anderen Seite auseinander. Gelehrte, die sich weiterhin mit Ideen einer Lebensenergie bzw. eines energetischen Urstoffes beschäftigten, wurden von den übrigen Wissenschaftlern nicht mehr ernst genommen. Zwei prominente Vertreter einer parawissenschaftlichen Lebensenergie-Lehre waren Karl Freiherr von Reichenbach (1788-1869), der von der Od-Kraft sprach, und Wilhelm Reich (1897-1957), der aus der Freud’schen Libido-Theorie seine Theorie von der Lebensenergie Orgon entwickelte. Pseudowissenschaftliche Energie-Theorien der Gegenwart beschäftigen sich u. a. mit der Energetisierung von Wasser („Wasserbelebung“), der Radiästhesie (Ruten- und Pendelkunde) und der Geomantie (Erd-Strahlungen, Kraftorte).

Einschätzung

Der nicht selten technische Sprachgebrauch und der Einsatz technisch anmutender energiemedizinischer Geräte zeigen an, dass die Energie in der Esoterik heute „physikalistisch“ verstanden wird (Wolf). Die esoterische Idee der Lebensenergie steht damit in der Gefahr, seelische Vorgänge physikalisch verzerrt zu verstehen. Wichtig ist eine genaue Unterscheidung zwischen den Energiebegriffen der Physik und der Esoterik. Physikalische Sätze zur Energie lassen sich nicht auf geistige Phänomene übertragen. Mit einer christlichen Vorstellung von Gott als einem personalen Gegenüber zu Mensch und Schöpfung unvereinbar ist die Vorstellung einer unpersönlichen göttlichen Urkraft, die mit der Schöpfung identisch ist. Ebenso widerspricht die Vorstellung, dass der Mensch über spirituelle und magische Übungen seine Energie bis zur göttlichen Erleuchtung verfeinern kann, der christlichen Vorstellung vom Menschen und seiner Erlösungsbedürftigkeit.

Quellen

Bischof, Marco, Tachyonen, Orgonenergie, Skalarwellen. Feinstoffliche Felder zwischen Mythos und Wissenschaft, Aarau 2002
Blavatsky, Helena Petrovna, Der Schlüssel zur Theosophie, Graz 1969
Josuttis, Manfred, Segenskräfte. Potentiale einer energetischen Seelsorge, Gütersloh 2000
Wiesendanger, Harald, Das Große Buch vom geistigen Heilen, Bern/München/Wien 1994

Wissenschaftliche Literatur

Benz, Ernst, Theologie der Elektrizität. Zur Begegnung und Auseinandersetzung von Theologie und Naturwissenschaft im 17. und 18. Jahrhundert, Mainz 1971
Goodrick-Clarke, Nicholas, The Esoteric Uses of Electricity: Theologies of Electricity from Swabian Pietism to Ariosophy, in: Aries 4, 1/2004, 69-90
Ritter, Werner H./Wolf, Bernhard, (Hg.), Heilung – Energie – Geist. Heilung zwischen Wissenschaft, Religion und Geschäft, Göttingen 2005
Runggaldier, Edmund, Philosophie der Esoterik, Stuttgart 1996
Schäfer, Gerhard, Verschiedene Sprachkulturen rund um Energie, in: Renn, Jürgen/Schlögl, Robert/Zenner, Hans-Peter (Hg.), Herausforderung Energie, www.edition-open-access.de/proceedings/1/index.html

Dipl.-Theol. Claudia Knepper, September 2012