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Lexikon

Alawiten / Nusairier

Seit dem Bürgerkrieg in Syrien wird häufiger gefragt, wer die Alawiten sind, eine religiös-ethnische Minderheit von etwa 12 % der syrischen Bevölkerung, die mit dem Assad-Clan seit 1971 den Präsidenten stellt und die die wichtigsten Posten in Polizei, Armee und Geheimdiensten besetzt. Sind die Alawiten zu den Schiiten zu rechnen? Und da die Bezeichnung der Alawiten (arab.) und der anatolischen Aleviten (türk.) gleichermaßen „Ali-Anhänger“ bedeutet: Ist damit dasselbe gemeint? Alawiten und Aleviten haben ihre Wurzeln im schiitischen Islam, sie berufen sich auf Imam Ali und die nachfolgenden elf Imame. Es handelt sich jedoch bis auf wenige religionsgeschichtlich interessante Merkmale um zwei verschiedene religiöse Traditionen.1

Die bei Alawiten bis heute grundsätzlich geltende Geheimhaltung der Religion erschwert Einblicke von außen, die Quellenlage ist dürftig. Im Folgenden werden einige Aspekte dieser nahezu unbekannten Religionsgemeinschaft beleuchtet, die auch in Deutschland mit einigen Zehntausend Personen vertreten ist.

Geschichte

Das Alawitentum ist eine mystische schiitische Religionsgemeinschaft, die sich Ende des 9. Jahrhunderts n. Chr. im heutigen Irak (Basra, Kufa, Bagdad) vom Hauptstrom der Schiiten trennte. Abu Schu‘aib Muhammad ibn Nusair, für seine Anhänger ein charismatischer religiöser Führer mit übernatürlichen Kräften, für seine Gegner ein häretischer Betrüger, trat zur Zeit der letzten schiitischen Imame auf (gest. ca. 864). Er behauptete, ein Prophet, ja der Bab („Tor“ zu Gott) zu sein, der im engsten Kontakt mit den Imamen steht und von ihnen geheime Offenbarungen und göttliche Kräfte erhält. Wie andere extrem-schiitische Kreise – die man „Übertreiber“ (ghulāt) nannte – schrieb Ibn Nusair Ali, dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten Muhammad, und den Imamen Göttlichkeit zu, lehrte die Seelenwanderung und eine spirituelle Deutung des islamischen Gesetzes. Ibn Nusair wurde exkommuniziert, seine Nachfolger, nach ihm Nusairier genannt, begannen, ihre Zusammenkünfte und Lehren zu ihrem Schutz geheim zu halten (taqiyya).

Wichtig für die Konsolidierung der Bewegung waren der einflussreiche Gelehrte al-Husain ibn Hamdan al-Khasībī im 10. Jahrhundert, der das „wahre Schiitentum“ der Nusairier bis nach Syrien trug, und zwei Generationen nach ihm Maimun ibn Qasim at-Tabarani, der einige Klassiker der alawitischen Tradition verfasste. Die ursprünglich urban und intellektuell geprägte Religion erreichte die ländliche tribale Bevölkerung besonders des syrischen Küstengebirges und der kilikischen Ebene, was nicht ohne Folgen blieb für Lehre und Sozialgestalt. Neben äußerem Druck – es gab immer wieder aufflammende Konflikte mit den schiitischen Ismailiten; Fatwas von Ibn Taimiyya (14. Jh.) und später der Osmanen erklärten die Alawiten zu Ungläubigen mit teilweise schlimmen Folgen – führten interne Stammesrivalitäten zu einem Zerfall und einer Verarmung der alawitischen Bevölkerung, die zurückgezogen in den Bergen lebte.

Das Ende des Osmanischen Reiches und die Machtübernahme der Franzosen in der Region bedeuteten einen Wendepunkt in der Geschichte der Alawiten. Gegen sunnitische arabische und türkische Nationalisten wurden die Alawiten gezielt aufgewertet, von 1922 bis 1936 bestand sogar ein Alawitenstaat um die syrische Hafenstadt Latakia, der Versuche zur Vereinheitlichung der alawitischen Führung und eine stärkere Institutionalisierung mit sich brachte. Als Frankreich den Sandschak von Alexandretta (heute Provinz Hatay, Hauptstadt Antakya) 1938/39 endgültig an die Türkei abtrat, war die Aufteilung des Alawitengebietes in einen türkischen und einen syrischen Teil unabwendbar, eine eigene politische Zukunft aussichtslos. Flüchtlingsströme der von Hause aus arabischsprachigen Alawiten erreichten die syrischen Gebiete, verschärft durch die forcierte Türkisierungspolitik auf der türkischen Seite. Die Alawiten-Scheiche betonten nun die Nähe zum Islam und präsentierten sich als Teil der großen schiitischen Gemeinschaft, die Kontakte in die schiitischen Zentren im Irak und Iran wurden verstärkt. Seit dieser Zeit verdrängte die Bezeichnung „Alawiten“ den Begriff „Nusairier“, der heute von vielen Alawiten als abwertend empfunden wird.

Politisches Gewicht gewannen die Alawiten, die zunehmend säkular und sozialistisch eingestellt waren, durch den Putsch der nationalistisch-sozialistischen Baath-Partei 1963, da ein großer Teil der neuen Machthaber in Partei und Armee Alawiten waren. 1971 wurde Hafiz al-Assad Präsident, Alawit wie sein Sohn, der amtierende Präsident Baschar al-Assad. Die syrische Führung hat allerdings energische Versuche unternommen, Assoziationen mit dem Alawitentum aus allen offiziellen Kontexten zu verbannen. Man zeigt sich gerne als Muslim in der Moschee oder beim Gebet. Obwohl die Alawiten nie unisono das Regime unterstützten, werden sie von den meisten Syrern damit in Verbindung gebracht. So bleibt ihnen im jetzigen Krieg kaum etwas anderes übrig, als loyal zur Regierung zu sein, zumal nach deren Sturz die sunnitischen Animositäten gegenüber Alawiten in massive Verfolgung umschlagen könnten.

In den türkischen Alawitengebieten ist, vor allem in der jüngeren Generation, die arabische Sprache durch das Türkische verdrängt worden, was sich auf die Kenntnis der eigenen Tradition auswirkt, etwa der alawitischen liturgischen Schriften.

Lehre

Selbstbezeichnungen der Alawiten lauten „Einheitsbekenner“ (muwahhidun) oder „Monotheisten“ (ahl at-tauhid). Dem alawitischen Monotheismus liegt ein gnostisches Denksystem zugrunde, das stark von neuplatonischen Vorstellungen geprägt ist (darin ähnlich den Ismailiten), aber auch zoroastrische und christliche Einflüsse aufgenommen hat. Der irdische Ali b. Abi Talib, für die Schiiten der erste Imam, wird als eine Manifestation des höchsten, ewigen Gottes verehrt, der völlig transzendent und abstrakt gedacht ist, jedoch durch Emanation alle Wesen und den gesamten Kosmos aus seinem schattenlos ewigen Licht hervorbringt, wie Wärme und Licht ewig aus der Sonne hervorgehen. Dieser ewige Gott ist der Sinn oder der Eigentliche (al-ma‘na). Er erscheint seinen Geschöpfen siebenmal in wechselnder Gestalt, in jedem Himmelsäon einmal. Bei jedem Erscheinen wird er von zwei Wesen begleitet: von der ersten Emanation, die ihm als Name (ism) dient und mit einer anderen Bezeichnung Himmelsvorhang (hidschab) genannt wird, weil sie das eigentliche göttliche Wesen nennbar macht und zugleich verbirgt, sowie von dem daraus hervorgehenden Tor (bab), das den Zutritt zu Gott denen gewährt, die das geheime Wissen haben – den Alawiten. Gott und seine beiden Hypostasen bilden die göttliche Dreiheit („alawitische Trinität“). Eine ihrer vielen irdischen Erscheinungsformen, in diesem Fall die letzte und entscheidende, sind Ali (ma‘na), Muhammad (ism) und ein Weggefährte des Propheten, Salman al-Farisi (bab). Aus dieser Dreiheit gehen wiederum die fünf Einzigartigen hervor (wörtl. Waisen), die die Erde auf Geheiß Gottes geschaffen haben sollen.

Der alawitische Kosmos unterscheidet zwischen der „großen Lichterwelt“ und der irdischen Welt, die jeweils in eine höchst komplexe und mit hoch symbolischen Zahlen versehene hierarchische Ordnung gestaffelter Ebenen gegliedert sind. Je weiter „entfernt“ die Wesen vom ursprünglichen Licht sind, desto niedriger und unvollkommener sind sie. Alle Seelen waren uranfänglich leuchtende Sterne, die jedoch durch Zweifel und Stolz, zwei Hauptsünden, stürzten und auf die Erde fielen. Ihre Schatten wurden in menschliche „Gehäuse“ aus Fleisch und Blut eingekerkert. Mit jeder Sünde wird das Licht schwächer, und aus den Sünden der Gläubigen entstehen böse Kreaturen wie der Teufel und andere böse Geister, ein paralleler Kosmos der Schatten. Die sterblichen Körper aber bewahren einen Rest des göttlichen Lichts.

Die zentrale Verheißung liegt in der Botschaft der Erlösung vom irdischen Dasein durch die Möglichkeit des Wiederaufstiegs in die göttliche Welt des Lichts. Dies ist allerdings ein langer und mühevoller Weg, der mehrere Erdenleben dauert. Die Vorstellung der Seelenwanderung (Metempsychose, tanasukh) ist für einige schiitische Sekten kennzeichnend, neben den Alawiten auch für Ismailiten und Drusen. Gnosis, die wahre Erkenntnis der göttlichen Geheimnisse, ist der einzige Weg zurück zur Lichterwelt. Bosheit und Sünde dagegen lassen die Menschenseelen tiefer fallen, sie können als Tiere wiedergeboren werden oder schließlich als leblose Materie enden, von der es keine Wiederkehr gibt. Frauen sind übrigens von der Möglichkeit des Wiederaufstiegs ausgeschlossen, sie werden nicht in das geheime Wissen eingeweiht, da ihre Seelen aus den Sünden der Teufel entstanden sind (eine Vorstellung, die dem Glauben an die teuflische Natur von Körperlichkeit und Sexualität entspringt; so wird auch die Geschlechtlichkeit der Propheten und Imame geleugnet).

Nach alawitischer Vorstellung überragt Alis Rolle diejenige Muhammads bei Weitem, da Ali als direkte „Quelle des göttlichen Willens“ verstanden wird, während Muhammad als Gottes Sprachrohr erscheint. Das Wesen Imam Alis und seiner Familie (ahl al-bait) zu verstehen, öffnet den Weg zum göttlichen Licht.

Sozialformen, Strukturen

Das religiöse Leben wird von den Scheichen als den höchsten religiösen Würdenträgern bestimmt und organisiert. Das Amt, das einer speziellen und anspruchsvollen Ausbildung bedarf, wird an die Söhne vererbt. Wichtige Aufgaben sind die Leitung der Gebetszusammenkunft und von Feierlichkeiten, die Bewahrung der Tradition (auch der geheimen Schriften); sie beraten aber auch in persönlichen Angelegenheiten, berechnen astrologisch günstige Daten oder werden zur Krankenheilung herangezogen. Scheichfamilien sind hoch respektiert, sie heiraten nur untereinander und sind meist relativ wohlhabend, da sie von den Gläubigen die Zakat und Entgelte für ihre Dienste erhalten. Ein Gegenüber zum religiösen Amt des Scheichs ist das lokalpolitische Amt des Dorfvorstehers (türk. Muhtar), ebenfalls mit bestimmten gesellschaftlichen Funktionen.

Ein grundlegendes Ordnungsprinzip der alawitischen Gesellschaft ist die Unterscheidung von Initiierten und Nichtinitiierten. Eingeweiht werden alawitische Männer, zur Gruppe der Nicht-Eingeweihten gehören nichtinitiierte Jungen, Mädchen, Frauen sowie alle Nicht-Alawiten. Eine weitere duale Struktur ergibt sich durch die Spaltung in zwei religiöse Untergruppen (Haidari und Kilazi), die auf Konkurrenzen früherer Jahrhunderte zurückgehen.

Praxis, Verbreitung

Man wird Alawit durch Geburt, es ist nicht möglich, zum Alawitentum zu konvertieren. Jungen werden durch ein Initiationsritual in die Gemeinschaft der Eingeweihten aufgenommen, Voraussetzung dafür ist die Pubertät bzw. die persönliche Reife. In einer neunmonatigen Phase wird der Adept von seinem Initiations-„Paten“ in die Geheimnisse und Rituale der Religion eingewiesen, was gleichsam eine rituelle „Schwangerschaft“ zur Geburt einer erleuchteten Lichtseele abbildet. Der Jugendliche muss viele Traditionstexte memorieren und schwören, dass er das Geheimwissen unter keinen Umständen an Außenstehende (auch nicht an Frauen) weitergibt. Da Frauen nicht initiiert werden, nehmen sie auch nicht an religiösen Handlungen teil. Die religiöse Minderstellung bedeutet aber nicht zwingend gesellschaftliche Zurücksetzung im Alltag. Alawitische Frauen werden mit großem Respekt behandelt. Sie pflegen ihre Religiosität durch regelmäßige Besuche der vielen Heiligengräber (Ziyaret) und anderer Kraftorte. Sie tragen weder Schleier noch Kopftuch, junge Alawitinnen genießen größere Freiheit in Bezug auf Kleidung und soziale Kontakte als viele Frauen der sunnitischen Mehrheit.

Alawiten lehnen die fünf Säulen des Islam nicht ab, interpretieren sie aber anders und allegorisch. So wird zum Beispiel die Pilgerfahrt nach Mekka spirituell gedeutet. Im Glaubensbekenntnis werden die Namen der göttlichen Dreiheit rezitiert. Die Speisegebote fallen strenger aus als bei Sunniten und Schiiten. Rohes Fleisch ist ebenso wie das Fleisch von weiblichen Säugetieren verboten, Schweinefleisch ist – wie für alle Muslime – absolut tabu. Außer von den Scheichen werden die religiösen Gebote heute allerdings nur von wenigen Alawiten streng eingehalten.

Die Alawiten haben keine Moscheen, sondern treffen sich in privaten Andachtsräumen und Ziyaret-Zentren. Das Gebet kann auch unter freiem Himmel stattfinden, dann darf der Ort der Zeremonie allerdings nicht offen zugänglich und von außen einsehbar sein. Rituelle Gemeinschaftsgebete finden an bestimmten Fest- und Feiertagen zu bestimmten Tageszeiten statt. Vor dem Gebet wird ein tierisches Opfer (männliches Rind, Ziege, Schaf oder Hahn) dargebracht. Bei der bis zu zwei Stunden dauernden Gebetszeremonie, die nicht nach Mekka ausgerichtet ist, sitzen die Scheiche vorne leicht erhöht der Gemeinde gegenüber. Ein aus Wasser und eingelegten Rosinen hergestelltes rituelles Getränk, Nakfe (es wird aber auch auf Wein zurückgegriffen – also kein Alkoholverbot), gehört ebenso dazu wie ein rituelles Mahl im Anschluss (traditionell wird eine Art Suppe verteilt, Hrise, die Weizen, Fleisch und das Fett von Fettschwanzschafen enthält) und das Räuchern mit Weihrauch.

Der alawitische Kalender verzeichnet zwölf Festtage. Die meisten haben eine öffentlich bekannte und eine geheime esoterische – die eigentliche – Bedeutung. Der wichtigste Feiertag ist Id al-Ghadir, das Fest von Ghadir Khumm. Mit allen anderen Schiiten wird der Tag des „Erkennens“ und der Offenbarung von Alis göttlicher Natur begangen, was am Teich von Khumm nördlich von Mekka stattgefunden haben soll.

Alawiten finden sich heute hauptsächlich in Syrien, der Türkei und im Libanon. In der Türkei leben sie vor allem in den Provinzen Mersin, Adana und Hatay (max. eine Million). Das Hauptsiedlungsgebiet erstreckt sich von dort südwärts über das syrische Küstengebirge (Dschabal Ansariyya) bis in den Nordlibanon. 2,5 Millionen Alawiten leben in Syrien, weltweit sind es wahrscheinlich nicht mehr als 4 Millionen. Für Deutschland wird von Experten die Zahl von 70000 genannt. Aufgrund der immer noch streng verstandenen Taqiyya bleiben die Alawiten hierzulande von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt.


Literatur

Bar-Asher, Me’ir M., The Nusayri-Alawi Religion. An Enquiry into Its Theology and Liturgy, Leiden u. a. 2002
Friedman, Yaron, The Nusayri-Alawis. An Introduction to the Religion, History and Identity of the Leading Minority in Syria, Islamic History and Civilization Bd. 77, Leiden/Boston 2010 (mit ausführlicher Dokumentation – auch bisher unbekannter – alawitischer Primärtexte in englischer Übersetzung)
Halm, Heinz, Die islamische Gnosis. Die extreme Schia und die ‘Alawiten, Bibliothek des Morgenlandes, Zürich/München 1982 (bes. 284-355)
Prager, Laila, Die „Gemeinschaft des Hauses“. Religion, Heiratsstrategien und transnationale Identität türkischer Alawi-/Nusairi-Migranten in Deutschland, Berlin 2010
Procházka, Stephan, The Alawis (Oxford Research Encyclopedia, Religion), September 2015 (http://doi.org/10.1093/acrefore/9780199340378.013.85)
Friedmann Eißler


Anmerkung

1 Zu den Aleviten: Friedmann Eißler (Hg.), Aleviten in Deutschland, EZW-Texte 211, Berlin 2010; ders., Stichwort „Alevitentum“, in: MD 3/2013, 109-113.