lexikon_keyvisual.jpg
Lexikon

Utopien

Utopien entwerfen ideale Gegenwelten. Sie halten der jeweiligen Gegenwart einen Spiegel vor. Sie beinhalten ein kritisches und auf Veränderung und Umgestaltung zielendes Potenzial. Dies gilt in Sonderheit für den politisch-sozialen Bereich. Im weiteren Sinn und in der Außenperspektive bezieht sich der Begriff auch auf religiöse Traditionen und ihre Zukunftserwartungen, ebenso auf naturwissenschaftlich-technische Utopien, die auf eine Vervollkommnung von Mensch und Welt ausgerichtet sind. Die von Thomas Morus 1516 veröffentlichte Schrift „Utopia“ beschreibt den Entwurf eines Gemeinwesens, das sich an einem Nicht-Ort (ou topos) befindet und geografisch unauffindbar ist. Sein „Büchlein von der besten Staatsverfassung“ trägt zur weiteren Ausbildung einer literarischen Gattung (Erzählungen von fantastischen Gemeinwesen) bei. In dem fiktiven Gemeinwesen auf der Insel Utopia sieht der britische Staatsmann und Humanist Morus (1478 – 1535) mehr soziale Gerechtigkeit verwirklicht als in der Gesellschaft, aus der er kommt.

Die heutige Verwendung des Utopiebegriffs ist mehrdeutig. Sie ist vor allem durch den Wandel von der Raum- zur Zeitutopie bestimmt. Unter Utopien werden fiktive Zukunftsbilder verstanden, die die Kritik an einer als veränderungsbedürftig empfundenen Gegenwart mit der Erwartung einer besseren Zukunft verbinden. Utopische Zukunftserwartungen sind durchweg optimistisch geprägt. Sie werden kontrastiert durch pessimistisch orientierte antiutopische Entwürfe (Dystopien), die ebenso wie der „Geist der Utopie“ in Literatur, Film, Kunst, Science-Fiction etc. begegnen. Utopische wie auch antiutopische Entwürfe beinhalten eine (gesellschafts)kritische Perspektive.

Geschichte

Die Suche nach einer idealen Staatsform war bereits in der Antike ein zentrales Thema. Renaissance-Utopien knüpfen daran an. Im Kontext der Aufklärung geraten Utopien in den Zusammenhang mit Fortschritts-, Rationalitäts- und Glücksnarrativen. Im 20. Jahrhundert treten stärker antiutopische Perspektiven in den Vordergrund. Aldous Huxley publiziert „Brave New World“ (1932), George Orwell „Nineteen Eighty-Four“ (1949). Bei Huxley geht der abweichende Einzelne in der technisierten Welt zugrunde. Orwell beschreibt mit analytischer Präzision den totalitären Überwachungsstaat (Big brother is watching you). Neben zahlreichen antiutopischen Tendenzen des 20. Jahrhunderts gibt es bei Ernst Bloch (1885 – 1977) u. a. eine positive Rezeption utopischer Gegenwelten. In Anknüpfung an die Täuferbewegung und an den Chiliasmus (Erwartung eines Tausendjährigen Friedensreiches) sieht Bloch in der Utopie eine anthropologische Grundfigur und die Voraussetzung für gesellschaftsveränderndes Handeln. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann (geb. 1926) greift Bloch auf, wenn er sagt: „Was wir Wirklichkeit nennen, besteht in Wahrheit immer aus Wirklichkeit und Möglichkeit, aus Aktualität und Potenzialität … Aus Potenzialität wird Aktualität, aber nicht umgekehrt. Wirklichkeit wird nicht wieder zur Möglichkeit … Also steht die Möglichkeit ontologisch höher als die Wirklichkeit und die Zukunft kommt vor der Vergangenheit“ (210). Bloch fand seine Kritiker u. a. in Hans Jonas (1903 – 1993) und Karl R. Popper (1902 – 1994), die in utopischen Entwürfen eine Wurzel des Totalitarismus erblickten. Nach dem Zusammenbruch sozialistischer Gesellschaftssysteme wurde immer wieder vom Ende des Zeitalters der Utopien gesprochen. Ende des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind utopische Narrative fraglich geworden. Allerdings lassen sich auch gegenläufige Tendenzen beobachten.

Beispiele für Utopien

Marxismus/Kommunismus stellen entgegen ihrem Selbstverständnis säkulare Utopien dar, ebenso die chinesische Kulturrevolution. Die Utopie der klassenlosen Gesellschaft und des neuen Menschen wird im Kontext einer wissenschaftlichen Weltanschauung vorgetragen, die beansprucht, die Gesetzmäßigkeit geschichtlicher Entwicklungen erkannt zu haben. Der Nationalismus erklärt die eigene Nation zum politischen Höchstwert, blickt auf andere herab und legitimiert die Ausweitung des eigenen „Lebensraumes“. Marxismus und Nationalismus zeigen die Nähe zwischen Utopie und Ideologie. Beide können zum Wirklichkeitsverlust führen. Ideologien können als Sakralisierung von Politik verstanden werden. Mit zahlreichen säkularen Utopien verbinden sich säkulare Heilserwartungen. Karl Marx (1818 – 1883) bezeichnete den Kommunismus als das „aufgelöste Rätsel der Geschichte“.

Identitäre Gesellschaftskonzeptionen, auf die sich extremistische Bewegungen heute beziehen, gehen von der fragwürdigen Utopie der politischen und ethnischen Homogenität aus und betonen die Bedeutung des Kollektivs vor dem Individuum. Sie sind verbunden mit einem autoritären Verständnis von Gesellschaft, ebenso mit einem „Ethnopluralismus“, dem Glauben daran, dass kulturelle Prägung, Volk und Territorium zusammengehören. Zwar lassen sich die Utopien identitärer Bewegungen auch als ein Lob der Vielfalt lesen. Es darf Vielfalt und unterschiedliche Kulturen und Lebensformen allerdings nur nebeneinander geben, nicht innerhalb eines Raumes. Die Programmatik solcher Utopien verhält sich zum jüdisch-christlichen Gottesglauben ablehnend, schon deshalb, weil dieser in allen Menschen das Ebenbild Gottes sieht und sich auf der politischen Ebene mit der Betonung der Universalität der Menschenrechte verbindet.

• Als zentrale religiöse Utopie kann in der Christentumsgeschichte der Chiliasmus angesehen werden. Die Erwartung eines innerweltlichen tausendjährigen messianischen Friedensreiches, auch bezeichnet als Millenarismus (nach millenarius, lat. tausendjährig), fasziniert und motiviert Menschen, setzt sie in Bewegung, macht manchmal Fanatiker aus ihnen. Chiliastisch geprägte Gemeinschaften protestieren gegen die offizielle Religion. Im Kontext eines auf Modernitätsverträglichkeit ausgerichteten Christentums verliert diese Erwartung an Bedeutung. Im protestantischen Erweckungschristentum bekommt sie aber eine hervorgehobene Rolle, ebenso in einzelnen christlichen Gemeinschaften, u. a. in der Adventbewegung, und christlichen Sondergruppen wie Jehovas Zeugen, außerdem bei den Mormonen. Säkularisierte Spuren des Chiliasmus finden sich in geistesgeschichtlichen Strömungen, philosophischen Konzepten und politischen Bewegungen. In gesellschaftlichen und politischen Krisensituationen finden säkularisierte Heilserwartungen Resonanz. Die Ansage einer grundlegenden Veränderung der Verhältnisse gewinnt Plausibilität. Im Kontext religiöser und weltanschaulicher Pluralisierungsprozesse breiten sich auch innerweltliche utopische Perspektiven nichtchristlicher Traditionen aus.

Perfektionistische Strömungen stellen ebenso eine Variante religiöser Utopien dar, die in unterschiedlichen Religionen vorkommen. Im Christentum bezeichnen sie eine Frömmigkeitshaltung, für die das Streben nach Vollkommenheit (lat. perfectio) und völliger Freiheit von der Sünde und vom Bösen charakteristisch ist und die davon ausgeht, dass dies ganz oder teilweise erreicht werden kann. Das Verständnis christlicher Vollkommenheit kann sich sowohl auf die Glaubensexistenz des Einzelnen beziehen als auch auf das Leben der christlichen Gemeinschaft. Perfektionistische Strömungen protestieren gegen ein angepasstes Christentums, dem sie die Radikalität und vermeintliche Vollkommenheit urchristlichen Lebens entgegensetzen.

Neue Utopien sind durch den Versuch charakterisiert, „neue Technologien zu utopisieren“ (Richard Saage). Schnittstellen sollen das menschliche Gehirn mit der künstlichen Intelligenz von Computern verbinden. Möglichkeiten sollen geschaffen werden, Gedanken in Handlungen umzusetzen. Beim Kopiervorgang sollen die Differenzen zwischen Original, Kopie und Serie aufgehoben werden. Der freie Zugang zum Internet soll hergestellt, die Logik der Repräsentation mit Zugriffsprivilegien unterbrochen werden. Das Internet ermöglicht offene Zugangsbedingungen für Bildung und Kultur, demokratische Teilhabe, soziale Vernetzung. Medizinisch-technischer Fortschritt nährt transhumanistische Utopien, die auf die Vervollkommnung des Menschen und seine Weiterentwicklung ausrichtet sind, etwa die Entwicklung einer Superintelligenz und die Verschmelzung zwischen Mensch und Maschine. Weitere zentrale Themen neuer Utopien sind das Weltall mit allen Verheißungen seiner Besiedlung. In manchen Subkulturen wird der technologische Fortschritt als Möglichkeit zur Neuerfindung und Neuerschaffung des Menschen gesehen.

Alternativen Lebensentwürfen in Geschichte und Gegenwart geht es darum, Utopien und Visionen menschlichen Zusammenlebens zumindest ansatzweise zu verwirklichen. Beispiele dafür sind: die „Utopien der Klöster“ mit den Idealen Armut (bzw. Gütergemeinschaft), Ehelosigkeit und Gehorsam; täuferische Gemeinschaften mit ihrer Fundamentalkritik am Zustand der Christenheit; die Kibbuz-Bewegung in Israel mit ihrer Vision einer egalitären Gemeinschaft, die ausbeutungsfrei ist; der Monte Verita in Ascona, Zauberberg der Gegenkulturen und internationaler Treffpunkt für Quer- und Andersdenkende auf der Suche nach anderen Formen des Zusammenlebens; das utopische antiautoritäre Projekt in Summerhill; die Vision einer (bar)geldlosen Gesellschaft, die sich in Tauschbörsen und Projekten der Nachbarschaftshilfe realisiert. Die unterschiedlichen Beispiele zeigen: Auch Utopien, die zeichenhaft gelebt werden, bleiben „in ihrer Erfüllung unerfüllt“ (Gerd Theißen).

Einschätzungen

Utopien haben ein ambivalentes Gesicht. Sie können zum Handeln motivieren, aber auch die Zukunft so festschreiben, dass grundlegende Freiheitsrechte des Menschen missachtet werden. Dies gilt gleichermaßen für politisch-säkulare Utopien wie für religiöse und wissenschaftlich-technische. Utopien werden begleitet von apokalyptischen Visionen, die auf die Doppelstruktur menschlicher Zukunftsperspektiven hindeuten. Sie zeigen den Menschen zwischen Hoffnung und Angst, zwischen Erwartung und Befürchtung. Das von Oscar Wilde stammende Diktum, Fortschritt sei die Verwirklichung von Utopien, muss bezweifelt werden. Die Erfahrung lehrt, dass dort, wo Utopien ungebrochen in politisches Handeln übergingen, ihre Wirkungen problematisch, teilweise verheerend waren. „Die handlungsleitende Idee machbarer Menschlichkeit ist zum Schrecken erfahrener Unmenschlichkeit geworden“ (Jörn Rüsen). Zahlreiche Utopien haben sich gewissermaßen selbst als illusionäres Wunschdenken entzaubert. Im politisch-gesellschaftlichen Kontext verdeutlicht sich dies an der Nähe zwischen Utopie und Ideologie, im religiösen Kontext an der Nähe zwischen religiösen Utopien und Fundamentalismus und Fanatismus, im naturwissenschaftlich-technischen Kontext an den Ambivalenzen digitaler Globalisierung, die keineswegs allein als Freiheitsgewinn und die Überwindung von Zeit- und Raumgrenzen, sondern auch als Freiheitsverlust erfahren wird. Zahlreiche Utopien unterschätzen die Gebrochenheit menschlichen Lebens.

Eine naiv positive Sicht auf Utopien ist heute nicht mehr gegeben. An die Stelle des utopischen Überschwangs sind vielfach Ernüchterung und Pragmatismus getreten. Innerhalb der christlichen Theologie wird darauf verwiesen, dass alle Versuche, das Reich Gottes auf Erden zu errichten, etwas Totalitäres und Gewaltsames an sich haben. Dienlich ist es für den Menschen, wenn er ein Wissen von seinen Grenzen behält und allen Träumen, ein Paradies auf Erden errichten zu wollen, widersteht. Utopischen Konstruktionen muss widersprochen werden, wenn „ein Vorläufiges zum Endgültigen“, etwas „Bedingtes zum Unbedingten“ (Paul Tillich) wird.

Mit zahlreichen Utopieforschern ist andererseits darauf hinzuweisen, dass das utopische Denken nicht als Ganzes und grundsätzlich verabschiedet werden sollte. Als Hoffnungswesen braucht der Mensch Visionen, um mit Zuversicht nach vorne zu blicken. Er benötigt zugleich Kriterien, um Möglichkeiten und Grenzen der Realisierung von Zukunftsentwürfen auszuloten. Die christliche Zukunftserwartung ist verbunden mit einer Ethik solidarischer Verantwortung und universaler Nächstenliebe.


Literatur

Bloch, Ernst: Werkausgabe, Bd. 5: Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt a. M. 1985
Hölscher, Lucian: Die Entdeckung der Zukunft, Göttingen 2016
Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt a. M. 1984
Meißner, Joachim/Meyer-Kahrweg, Dorothee/Sarkowicz, Hans (Hg.): Gelebte Utopien. Alternative Lebensentwürfe, Frankfurt a. M./Leipzig 2001
Moltmann, Jürgen: Theologie der Hoffnung damals und heute, in: Bogoslovska smotra 79/2 (2009), 207-223
Quenzer, Wilhelm: Welt ohne Utopie, Stuttgart 1966
Rüsen, Jörn: Utopie neu denken. Plädoyer für eine Kultur der Inspiration, in: ders./Fehr, Michael/Ramsbrock, Annelie (Hg.), Die Unruhe der Kultur. Potentiale des Utopischen, Weilerswist-Metternich 2004, Einleitung
Saage, Richard: Utopien der Neuzeit, Bochum 22000
Theißen, Gerd: Glaubenssätze. Ein kritischer Katechismus, Gütersloh 2012
Vorgrimler, Herbert: Geschichte des Paradieses und des Himmels, München 2008, v. a. 66-73

Dr. Reinhard Hempelmann, Januar 2017