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Lexikon

Fanatismus

Religiöse, politische und weltanschauliche Gruppierungen mit extremen Ansichten haben es zu allen Zeiten geschafft, neue Anhänger für ihre Ideen zu gewinnen und auf sich aufmerksam zu machen. Dabei haben sie Auseinandersetzungen in ihrer Umwelt manchmal bewusst provoziert – Glaubenskriege und ideologische Konflikte prägen die Geschichte der Menschheit. Zogen im Mittelalter vorwiegend christliche Glaubensgemeinschaften eine Blutspur hinter sich her, haben im 20. Jahrhundert politisch fanatisierte Menschen im Nationalsozialismus, Stalinismus und Maoismus unfassbares Leid verursacht. In jüngerer Zeit versetzen islamistische Fanatiker die Welt in Angst und Schrecken. Wie ist es zu erklären, dass auch noch im 21. Jahrhundert extreme religiöse und politische Randgruppen zum Teil starken Zulauf erhalten? Die hohe Anzahl von mehreren tausend europäischen Jugendlichen, die sich durch Islamisten haben radikalisieren lassen, macht deutlich, dass ein besseres Verständnis für die psychologischen Ursachen, mehr Prävention und wirksamere Hilfen zum Umgang mit Auswirkungen des Fanatismus dringend benötigt werden.

Zum Begriff

Ursprünglich beschreibt das lateinische Wort fanum einen heiligen Bezirk im Tempel. Dem Wortsinn nach ist ein Fanatiker ein von der Gottheit ergriffener und seiner selbst nicht mehr mächtiger Mensch. In nachreformatorischer Zeit wurden Schwärmer und Enthusiasten als fanatici abgewertet. Seit dem 19. Jahrhundert wurde der Begriff zunehmend psychologisch verstanden.
 
Der Fanatismus zeigt sich in der Regel als Gruppenphänomen, in dem sich idealistische Ideen, Begeisterungsfähigkeit, absolute Hingabe mit Intoleranz und Aggression wirkungsvoll ergänzen. Die Außenwelt wird als schädlich und böse eingestuft und von der eigenen Gruppe abgegrenzt, die als erleuchtet, erlöst oder gut angesehen wird und damit für ihre Mitglieder identitätsstiftend wirkt. Feindbilder lassen die gesamte Außenwelt in schlechtem Licht erscheinen, wodurch auch jegliche Kritik an der eigenen Gruppe untergraben wird (s. u.). Fanatismus bezeichnet also eine extrem einseitige, bedingungs- und kompromisslose Haltung, die mit hoher Energie zur Verwirklichung eines kritiklos akzeptierten Zieles drängt. Intensive Begeisterung kann in vielen Lebensbereichen zu Fanatismus ausarten – in der Religion, in der Politik, im Sport bis hin zur Ernährung. Die Übergänge von einer starken Überzeugung zum Fanatismus sind fließend.

Umgangssprachlich wird religiöser Fanatismus oft als Fundamentalismus, politischer als Extremismus bezeichnet. Aus psychoanalytischer Sicht hat man begonnen, die unbewussten Triebfedern des Fanatikers zu beschreiben und zu erklären, ohne dass bisher eine psychologische Theorie des Fanatismus vorliegt. In der wissenschaftlichen Psychologie werden eher Einstellungen wie der Dogmatismus untersucht. Das aktuelle Konzept der Radikalisierung versucht den Entwicklungsprozess zum Fanatiker nachzuzeichnen.

Was den Fanatismus attraktiv macht

Der Fanatismus versetzt seine Anhänger in eine simplifizierte Welt, in der die Widersprüchlichkeiten und komplexen Probleme scheinbar einfach und endgültig gelöst werden können. Darüber hinaus stillt er die Bedürfnisse nach Sicherheit, Verankerung und Perfektion. Das Verschwinden von Gewissheiten ist zu einem Kennzeichen der Gegenwart geworden. Aufgrund der Komplexität und Unübersichtlichkeit unserer Lebenswelt hat die Unsicherheit ein Maß erreicht, das immer mehr Menschen als bedrohlich empfinden. Während Tiere sich instinktgesteuert verhalten, muss der Mensch sich in seiner Welt orientieren, um sich dort zurechtzufinden und zu beheimaten. Weil Person und Umwelt ständigen Veränderungen unterliegen, muss die eigene Positionsbestimmung von Zeit zu Zeit aktualisiert werden. Die Unsicherheiten jedes Neuanfangs müssen dabei ausgehalten werden.

Wenn man selbstunsicher ist und der Drang nach Orientierung übermächtig wird, stiftet eine rigorose Gruppenstruktur Sicherheit. Ein mit fanatischem Eifer verfolgtes „hehres“ Ziel schweißt die Gruppe zusammen, verheißt ein Plus an Lebendigkeit und liefert dem Einzelnen darüber hinaus einen neuen Lebenssinn. Mit Gleichgesinnten die Welt verbessern – gibt es etwas Wertvolleres? Erst wenn die Anfangseuphorie verklungen ist und sich bei manchen der gesunde Menschenverstand zurückmeldet, kann sich ein Raum für kritische Fragen öffnen.

Psychologische Merkmale des Fanatikers

Ein Fanatiker ist durch den leidenschaftlich-blinden Eifer für eine Sache oder eine Idee gekennzeichnet, mit der er sich völlig identifiziert. Zu deren Durchsetzung wird auch vor extremem Verhalten nicht zurückgeschreckt. Die Ideen sind einfach und eindeutig, klar strukturiert und erheben absoluten Gültigkeitsanspruch. Ein dualistisches Weltbild teilt die Welt säuberlich in richtig und falsch, gut und böse ein. Den fanatischen Ideen entgegenstehende Tatsachen werden ausgeblendet, Widersprüche ignoriert. Dadurch entsteht eine innere Selbstgewissheit und ein Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen. Gefühle von Macht sowie eine gesteigerte Gefühlsintensität werten das schwache Ich auf.

Fanatisches Verhalten ist durch Kompromisslosigkeit und die Unfähigkeit gekennzeichnet, sich in andersdenkende Personen hineinzuversetzen und sich mit ihnen zu verständigen. Die Bekämpfung von Feinden in der Außenwelt wird mit rigorosen, aggressiven und vernichtenden Mitteln betrieben – und das mit innerer Zustimmung und einem „guten Gewissen“.

Seit dem 11. September 2001 haben einige sozialwissenschaftliche Studien die Auswirkungen von Selbstunsicherheit auf die Bildung extremer Einstellungen untersucht. Dabei zeigt sich übereinstimmend: In unsicheren gesellschaftlichen Verhältnissen neigen Menschen dazu, ihre Selbstsicherheit durch eine „Selbst“-Radikalisierung zu verteidigen bzw. zurückzuerobern. Abweichende Meinungen werden nicht mehr toleriert, eigene Überzeugungen für absolut gesetzt. Man wird egozentrisch und empfindet keinerlei Empathie für andere, die nicht zur Gruppe gehören. Man identifiziert sich völlig mit der eigenen Gruppe, Mitglieder aus anderen Gruppen werden bekämpft. Verhandlungen oder Kompromisse werden strikt abgelehnt, das Heil in einer starken Führungspersönlichkeit gesucht. Pluralismus und Multikulturalität werden als Bedrohungen empfunden und deshalb verachtet.

Ein Beispiel dafür, dass die Außenwelt als böse gebrandmarkt wird, ist der Fremdenhass. In den letzten Jahren hat sich die Anzahl der Angriffe auf Flüchtlingsheime um das Fünfzigfache erhöht: von 18 im Jahr 2011 auf 1005 registrierte Fälle im Jahr 2015. Gewalt wird zum Teil dadurch legitimiert, dass das Fremde schlechtgemacht und sogar dämonisiert wird.

Extremismusforscher haben in Deutschland starke regionale Unterschiede in der Haltung gegenüber Migranten herausgefunden. Je weniger Ausländer in einem Bundesland leben, desto größer sind die Ressentiments der einheimischen Bevölkerung. Dieses Beispiel belegt die fehlgeleiteten Begründungen und irrationalen Motive eines Feindbildes.

Der Kinderpsychiater Henri Parens, Überlebender des Holocausts, sieht feindselige Destruktivität als die Ursache für bösartige, „maligne“ Vorurteile, die von einer Gemeinschaft als kollektiver Abwehrmechanismus verwendet werden. Er schildert als Beispiel, dass ihm ein deutscher Freund erzählte, er habe als Kind durch seine Erziehung Juden zu hassen gelernt, obwohl er nie einen Juden kennengelernt hatte.

Um die Außenwelt als feindselig darzustellen, eignet sich am besten die Dämonisierung des Fremden. Bis zu diesem Endstadium wurde ein Weg von Eskalationsstufen durchschritten, der von bloßen Verdächtigungen über Schuldzuweisungen bis hin zu Verschwörungstheorien reicht. Im Stadium der Dämonisierung sind keinerlei Kompromisse mehr möglich. Der Konflikt ist zu einem existenziellen Überlebenskampf angewachsen, der Hass und Gewalt legitimiert.

Die Überreaktionen im Fanatismus dienen psychologisch gesehen der Angstbewältigung und der Selbstbestätigung, ohne wirklich nachhaltig Vertrauen und Selbstsicherheit zu stiften. Das Gegenteil passiert: Der Leiter einer fanatischen Gruppe setzt bewusst oder unbewusst Bindungsmechanismen der Gruppe ein und verwendet gezielt Ängste und Abhängigkeiten, um das Gruppenmitglied gegenüber der Außenwelt zu isolieren.

Was vor Fanatismus schützt

Aus psychologischer Sicht gründet der Fanatismus vor allem in einem mangelnden Selbstwertgefühl. Ein positives Selbstwertgefühl bildet sich heraus, wenn man seine Stärken und Schwächen akzeptiert, zufrieden mit seinem Können und der sozialen Wertschätzung ist und sich dadurch in seiner Haut wohlfühlt. Von Zeit zu Zeit erschüttern Lebenskrisen dieses Gleichgewicht, das durch das Kohärenzgefühl wieder stabilisiert werden kann. Zum Kohärenzgefühl gehören die Möglichkeit, inneren und äußeren Ereignissen Sinn und Bedeutung zu verleihen (Gefühl der Bedeutsamkeit), das Vertrauen, aus eigener Kraft seine Lebensaufgaben meistern zu können (Gefühl der Handhabbarkeit), sowie die Fähigkeit, das Dasein allgemein als strukturiert und relativ vorhersehbar wahrzunehmen (Gefühl der Verstehbarkeit). Ein starkes Kohärenzgefühl befähigt Menschen gerade in unsicheren und belastenden Situationen, ihre Handlungen an die momentanen Umstände anzupassen und dabei ihre Ressourcen optimal auszuschöpfen. Zu den wichtigsten Ressourcen zählt dabei die Unsicherheitstoleranz, die es ermöglicht, in wenig planbaren und vorhersehbaren Situationen Spannungen auszuhalten und dabei lösungsorientiert sowie optimistisch vorzugehen.
Der christliche Glaube kann zu einem wichtigen Schutzfaktor werden, denn er meint die persönliche Gottesbeziehung eines Menschen, dessen Selbstwert darin gründet, ein geliebtes Ebenbild des Schöpfers zu sein.

Hilfen zum Ausstieg

Die Schwierigkeit in der Auseinandersetzung mit fanatischen Überzeugungen besteht in der internen Stimmigkeit, mit der Fanatiker ihre Überzeugungen und Handlungen begründen. Sie sind von der absoluten, nicht verhandelbaren Wahrheit, Überlegenheit, Reinheit und Widerspruchsfreiheit ihres Weltbildes überzeugt. Jegliche selbstkritische Realitätsprüfung hat der Fanatiker ausgeschaltet, er denkt und handelt nur innerhalb der Wirklichkeitsdeutung seiner Gruppe.

Fanatikern ist mit Argumenten nicht beizukommen. Mit psychologischem Gespür kann aber eine Tür dafür geöffnet werden, sich seinen Ängsten und Zweifeln zu stellen und sie zu integrieren. Es gehört ein hohes Kommunikationsgeschick dazu, einen Fanatiker in ein ehrliches Gespräch zu verwickeln. Eine andere Sicht der Dinge wirkt auf ihn potenziell bedrohlich, und Kritik von außen führt zu innerer Anspannung und wird in der Regel abgewehrt. Hier kann die Bitte um einen Bericht über die eigene Glaubensbiografie Distanz zum geschlossenen Überzeugungssystem schaffen und die Möglichkeit zu einem Perspektivenwechsel eröffnen. Eine freundschaftliche Beziehung und „subversives Denken“ (Schleichert) sind die Voraussetzungen, um dem Gegenüber zu ermöglichen, gemeinsam hinter die Fassade eines fanatischen Sicherungssystems zu schauen. Weil dort Angst, Selbstzweifel, Scham und Unsicherheit herrschen, wird dieser Anblick möglichst vermieden.

Häufig ist professionelle psychologische Unterstützung nötig, um Aussteiger aus einer extremen ideologischen Gruppe zu begleiten und betroffene Angehörige zu beraten. Dazu wurde vom Bundesfamilienministerium das Modellprojekt „Diagnostisch-therapeutisches Netzwerk Extremismus“ (DNE) ins Leben gerufen. Es reagiert auf den Bedarf an psychologischer Intervention, der aufgrund der Verstrickung von Individuen, Familien oder Gruppen in Radikalisierungsprozesse entsteht. Hauptziel des Netzwerks ist es, unter Einbeziehung diagnostisch-therapeutischer und beratend-begleitender Hilfsmittel Angebote zur Deradikalisierung Betroffener zu bieten. In der Fachdebatte um die Ursachen der Radikalisierung und um Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene und deren Angehörige zeigt sich bisher, dass Ausstiegsentscheidungen meistens mit der Auseinandersetzung mit existenziellen Themen einhergehen und mit kritischen Lebensereignissen zusammentreffen, woraus in der Regel psychische Konflikte entstehen. In sozialwissenschaftlichen Studien zur Untersuchung der Rekrutierung neuer Mitglieder und der Radikalisierung werden verschiedene Etappen unterschieden. Es ist erstaunlich, wie dieses Modell Indoktrinationstechniken beschreibt, die aus der Sektenberatung seit Langem bekannt sind. Für den schwierigen Prozess der Deradikalisierung von islamistischen Jugendlichen können Modellprojekte die Erfahrungen aus der Sektenberatung nutzen, die hier wertvolle Vorarbeiten geleistet haben.


Literatur

Peter Conzen, Fanatismus. Psychoanalyse eines unheimlichen Phänomens, Stuttgart 2005
Hansjörg Hemminger, Religiöser Fanatismus. Ursachen und Hilfen, EZW Texte 178, Berlin 2004
Hansjörg Hemminger/Andrew Schäfer, Fanatismus (Unterrichtsmaterialien Sek. 1), Aachen 2015
Günter Hole, Fanatismus. Der Drang zum Extrem und seine psychischen Wurzeln, Gießen 2004
Werner Huth, Glaube, Ideologie und Wahn. Das Ich zwischen Realität und Illusion, München 1988
Ernst-Dieter Lantermann, Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus, München 2016
Marianne Leuzinger-Bohleber/Paul-Gerhard Klumbies (Hg.), Religion und Fanatismus. Psychoanalytische und theologische Zugänge, Göttingen 2010
Haim Omer/Nahi Alon/Arist von Schlippe, Feindbilder. Psychologie der Dämonisierung, Göttingen 2006
Henri Parens, Bindung, Aggression und die Prävention bösartiger Vorurteile, in: Karl Heinz Brisch/Theodor Hellbrügge (Hg.), Bindung, Angst und Aggression, Stuttgart 2010, 12-46.
Hubert Schleichert, Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. Anleitung zum subversiven Denken, München 52005
Michael Utsch, Staatlich geförderte Modellprojekte zum Ausstieg aus extremistischen Gruppen, in: MD 3/2016, 107f


Prof. Dr. Michael Utsch, Februar 2017