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Lexikon

Drusen

Mit den Flüchtlingen aus Syrien kommen seit einigen Jahren auch Drusen nach Deutschland. Im Sommer 2015 gerieten die syrischen Drusen zwischen die Fronten des Bürgerkriegs, was sie verstärkt zum Verlassen ihrer Heimat bewegte. Für Deutschland liegen allerdings bislang weder offizielle Zahlen noch Schätzungen vor, auch die Hinweise auf eine möglicherweise beginnende Selbstorganisation in Deutschland sind noch sehr spärlich. Daher können zum jetzigen Zeitpunkt nur einige Informationen eher allgemeiner Art zu Geschichte und Religion der Drusen zusammengefasst werden.

Geschichte

Die Religion der Drusen ist Anfang des 11. Jahrhunderts aus dem schiitischen Islam der Ismailiten hervorgegangen. Der Ausdruck „Drusen“ kommt von dem Namen eines der ersten Verkünder, ad-Darazi. Angehörige der Religion selbst bezeichnen sich als al-Muwahhidun, „Einheitsbekenner“, nämlich der Ein(s)heit Gottes und damit eines strikten Monotheismus.

Seit 969 n. Chr. herrschten die ismailitisch-schiitischen Fatimiden in Ägypten (die wenige Jahre später den Grundstein für die heutige Al-Azhar-Universität legten). Der politische Wechsel, den manche von der Herrschaft der „extremschiitischen“ Ismailiten erwartet hatten, fand nicht statt. Messianische Erwartungen der Erscheinung (Parusie) des endzeitlichen Mahdi blieben wach. Diese erfüllten sich, wie viele glaubten, in dem sechsten Fatimiden-Kalifen al-Hakim bi-Amr Allah (reg. 996 – 1021). Gegen Ende seiner Herrschaft – das älteste Zeugnis datiert von 1017 – entstand ausgehend von Kairo der Glaube, al-Hakim sei die Manifestation Gottes auf Erden bzw. die Inkarnation des universalen Logos. Noch zu Lebzeiten des Kalifen verbreitete Hamza ibn Ali al-Labbad die neue Religion. Er gilt als der Begründer des Drusentums und verfasste Sendschreiben, die in den Schriftkanon der Drusen eingingen. Unterstützt wurde er in seiner Mission (daʿwa) von den Zeitgenossen Bahaʾad-Din al-Muqtana und Anuschtekin ad-Darazi (oder ad-Darzi, daher die Bezeichnung Darziten oder Drusen, von Durūz, Pl. zu Darzī). Die Aktivitäten zielten auf Proselytismus und erstreckten sich von Ägypten über Palästina, Syrien, Libanon, Kleinasien, Bahrain, Irak, Persien und Jemen bis nach Indien.

Es kam zu Ausschreitungen und Zusammenstößen mit den Ismailiten. Im Jahr 1021 verschwand der Kalif al-Hakim plötzlich unter mysteriösen Umständen. Vermutlich wurde er ermordet, die Drusen waren allerdings überzeugt, al-Hakim sei in die Verborgenheit eingetreten, Gott habe sich damit erneut entzogen – was wiederum messianische Erwartungen seiner Wiederkehr in der Gemeinde nährte. Al-Hakims Nachfolger az-Zahir (reg. 1021 – 1035) verbot die neue Lehre und verfolgte ihre Anhänger. BahaÞ ad-Din konnte noch von Alexandria aus wirken und kodifizierte die religiösen Lehren des Drusentums in sechs Büchern (Al-Hikma asch-Scharifa, die erhabene Weisheit). Der drusische Kanon besteht aus 111 Sendschreiben, die von al-Hakim und ihm selbst, wesentlich aber von Hamza ibn Ali verfasst wurden.

Halten konnte sich das Drusentum nur in abgelegeneren Bergregionen wie dem Libanongebirge und dem später so genannten „Dschabal ad-Duruz“ (Drusengebirge). 1043 wurde die drusische Daʿwa offiziell eingestellt, seither sind die Drusen eine geschlossene Gemeinschaft. Es werden keine Konvertiten mehr aufgenommen, ebenso kann die drusische Gemeinschaft nicht verlassen werden.

Das drusische Bekenntnis (tauhid) wurde fortan geheim gehalten. Es wird nur an die kleine Gruppe der „Verständigen“ (Eingeweihte, Wissende, arab. ʿuqqāl, Sg. ʿāqil) weitergegeben, zu denen immer auch Frauen gehörten. Sie sind die Hüter des Wissens und bewahren die Geheimnisse der Religion. Es sollen heute nicht mehr als 10 bis 20% zu den ʿUqqal zählen. Die große Mehrheit bilden die Dschuhhal (Unwissende, Nichteingeweihte, arab. ğuhhāl, Sg. ğāhil), die nicht das spezifische religiöse Wissen haben, aber zur Einhaltung der grundlegenden Prinzipien verpflichtet sind.

Die Drusen waren immer wieder ein wichtiger Faktor in der politischen Geschichte des Nahen Ostens, vor allem im Libanon und in Syrien (einflussreiche Großgrundbesitzerfamilien, z. B. Dschumblat, Arslan, al-Atrasch). In den Ländern, deren Grenzen im 20. Jahrhundert mitten durch ihre Siedlungsgebiete gezogen wurden, nahmen die Drusen teilweise sehr unterschiedliche Entwicklungen. Teile der drusischen Eliten im Libanon nahmen arabisch-nationalistische Ideen auf. Schakib Arslan (1869 – 1946), der antikolonialistische und panislamische Politiker mit arabisch-nationalistischen Ambitionen, war Vertreter beim Völkerbund und einer der ersten modernen drusischen Intellektuellen. Seine Tochter May ist die Mutter des heutigen Drusenführers Walid Dschumblat (Jumblatt, Ğunbulāt). Dieser ging allerdings meist äußerst pragmatisch vor, war lange pro-syrisch, befürwortete aber zuletzt im Bürgerkrieg den Sturz Assads. Die syrischen Drusen sind eher Befürworter Assads, unter dessen Regime sie relativ frei leben konnten, wenngleich es Drusen in wichtigen Funktionen in der Opposition gibt. Lange konnten sie sich aus dem Krieg heraushalten, doch im Sommer 2015 rückten oppositionelle islamistische Rebellen in die Siedlungsgebiete der Drusen im Südwesten Syriens vor.

Die Drusen in Israel bekennen sich zu einer israelisch-drusischen Identität. Der Staat fördert einen drusischen Partikularismus (formale Anerkennung seit 1957, spezifische Schulbildung, Einführung eines Feiertags etc.), die männlichen Drusen (der Dschuhhal) dienen offiziell in der israelischen Armee.

Lehre

Die drusische Lehre ist „ein bizarres Konglomerat von altismailitischen, neuplatonischen und extremschiitischen Vorstellungen und Begriffen“ (Heinz Halm).

In verschiedenen chiliastischen, antinomistischen Bewegungen erwartete man die in großen Zeitzyklen erscheinende göttliche Offenbarung, die mit der Aufhebung aller Religionsgesetze einhergehen und die paradiesische Urreligion des reinen Lobpreises und der Anerkennung der Einzigkeit Gottes wiederherstellen würde. Die dem (einzig rechtmäßigen) Kalifen Ali zugeschriebenen göttlichen Qualitäten spielten dabei ebenso eine Rolle wie gnostisch-kosmologische Spekulationen. All dies war mit dem Anspruch verbunden, dem verborgenen inneren Sinn (batin) des Korans zu entsprechen. In diesem Zusammenhang ist zu sehen, dass im Mittelpunkt der drusischen Lehre die Manifestation Gottes in dem fatimidischen Imam-Kalifen al-Hakim steht. Damit beginnt eine neue „Periode der Enthüllung“ des Schöpfergottes, in der an die Stelle der koranischen Offenbarung das bloße Einheitsbekenntnis tritt und alle kultischen Handlungen überflüssig sind. Die Selbstbezeichnung „Dritter Weg“ weist auf die Lossagung von der alten Ordnung und die eigene „geistige Gesetzgebung“ hin, durch die die Loyalität gegenüber Sunna und Schia aufgekündigt und eine neue exklusive Heilsgemeinschaft begründet wird.

Ist das Drusentum auf diese Weise in die Entwicklungen der extremschiitischen Zweige des Islam eingezeichnet, so sind die Unterschiede zum sunnitischen und auch schiitischen Islam doch vielfältig: Grundlegend trennend ist die Anerkennung der Offenbarung al-Hakims als die letztgültige Wahrheit, die zudem exklusiv und geheim weitergegeben wird. Drusen glauben nicht nur an Propheten wie Abraham, Mose oder Jesus, auch Sokrates, Plato und Buddha werden verehrt. Der maßgebliche Schriftkanon ist nicht der Koran, sondern das „Buch der Weisheit“.

Viele esoterische Merkmale sind in der Religion zu finden. Besonders markant ist der Glaube an die Seelenwanderung (tanasukh, die Drusen sagen auch taqammus, von qammasa „mit einem Hemd bekleiden“), der grundsätzlich auch bei Aleviten, Alawiten und Eziden zu finden ist. Die Seele tritt beim Tod eines Menschen sofort in ein Neugeborenes über und wandert so lange von Körper zu Körper, bis sie das Ziel der Vollkommenheit erreicht hat. Drusen werden ausschließlich als Menschen (und als Drusen!) wiedergeboren, eine Karmalehre wie z. B. im Buddhismus gibt es nicht. Die Wiedergeburt wird nicht nur theoretisch gelehrt, sondern spielt auch in Familienbeziehungen und praktischen Fragen immer wieder eine Rolle.

In der Stellung der Frauen gibt es prägnante Unterschiede zum Islam. Auch wenn es sich in der Realität in vieler Hinsicht um eine männlich dominierte (und vom Islam der Umgebung beeinflusste) Gesellschaft handelt, haben drusische Frauen theoretisch die gleichen Rechte wie die Männer. Sie haben Zugang zu den zentralen religiösen Institutionen, auch zu den Schriften, und können Führungsfunktionen übernehmen, ja der weibliche Körper kann in seiner Qualität, Leben hervorzubringen, geradezu als Metonymie für die Gottheit betrachtet werden – ein Erbe des Sufismus. Polygamie ist verboten, ebenso die Wiederheirat mit geschiedenen Frauen sowie die Zeitehe. Hingegen ist die Endogamie (Heirat nur unter Drusen) geboten. Eine Scheidung ist endgültig, die Geschiedenen dürfen keinen Kontakt mehr haben, auch Frauen können die Scheidung bewirken.

In neuerer Zeit plädieren drusische Intellektuelle, vor allem Drusen in der Diaspora und engagierte Pragmatiker, für eine Öffnung und eine Neuorientierung in modernen pluralen Gesellschaften. Der streng orthodoxe Kern ist gegen die Aufgabe der Geheimhaltung, allerdings wird der traditionelle Weg, der die Mehrheit von den religiösen Vollzügen ausschließt, mehr und mehr als Ungleichbehandlung empfunden. Die Bildung einer echten Religionsgemeinschaft sei dadurch unmöglich. Die Kritiker fordern daher eine umfassende Sozialreform auf der Basis der ethischen Grundlagen des drusischen Glaubens.

Praxis

Druse ist man durch Geburt von drusischen Eltern. Die Endogamie, die fehlende Mitgliederwerbung sowie die Geheimhaltung der Riten gegenüber Nichtdrusen schloss die drusische Gemeinschaft über die Jahrhunderte nach außen völlig ab. In Notsituationen kann der Glaube verleugnet werden (taqiyya), was als Überlebensstrategie häufig notwendig war.

Wesentlich ist die grundsätzliche Unterscheidung zwischen den ʿUqqal und den Dschuhhal (s. o.). Nur die – über einen langen Zeitraum bewährten und daraufhin initiierten – „Verständigen“ haben vollen Zugang zu den Texten und Inhalten. Frauen gelten traditionell als geeigneter für die Initiation, da sie für spiritueller und weniger anfällig für unmoralisches Handeln gehalten werden. Die Kleidung der ʿUqqal unterscheidet diese in der Regel ebenfalls von den nichteingeweihten „Säkularen“. Frauen tragen ein weißes Kopftuch, Männer eine weiße Kopfbedeckung oder Turban und meist bis zu den Knöcheln reichende schwarze Pluderhosen, außerdem oft einen auffälligen Schnurrbart.

Da das islamische Religionsgesetz (Scharia) aufgehoben ist, werden die fünf Säulen des Islam nicht praktiziert. Man betet nicht in einer Moschee, sondern hält sonntags und donnerstags obligatorische abendliche Zusammenkünfte in der khalwa (Pl. khalawāt) ab, dem Kult- bzw. Gebetsort der Drusen. Freiwillige Versammlungen finden jeden Morgen und Abend statt. Der Beginn ist jeweils der Lektüre von religiösen Kommentaren sowie der Diskussion von gemeindlichen Anliegen gewidmet und steht auch Laien offen. Der zweite Teil besteht aus Schriftrezitationen und ist den Eingeweihten vorbehalten. Das Opferfest (Id al-Adha) wird wie von den Muslimen auch von Drusen gefeiert. Kulturell – arabische Sprache, Speisen, äußeres Auftreten – bestehen ohnehin viele Gemeinsamkeiten zwischen der drusischen Gemeinschaft und der arabisch-islamischen Umgebung.

Alle Drusen werden zur Einhaltung der klassischen drusischen Glaubens- und Verhaltensregeln erzogen. Meist werden sieben Normen gezählt:
1. Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit beim Sprechen;
2. Schutz und gegenseitige Hilfe für die Drusengemeinschaft;
3. Abkehr von jeder Form des falschen Glaubens und vom Götzendienst;
4. Absage an die Dämonen (die Teufel) und alle Mächte des Bösen;
5. Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit Gottes (erschienen in „Unserem Herrn“ al-Hakim, der nicht tot ist, sondern in der Verborgenheit lebt);
6. bereitwillige Annahme von Gottes Handeln;
7. völlige Unterwerfung unter Gottes Willen und Gebot.
Ob die Drusen als Muslime gelten können, wird je nach Region, sozialer Umgebung und politischer Agenda sehr unterschiedlich beantwortet.

Verbreitung

Zu den Zahlen gibt es höchst unterschiedliche Angaben. Die Gesamtzahl der Drusen wird in einem Spektrum von ca. 200000 über eine halbe Million bis zu über zwei Millionen angegeben, die meisten Quellen sprechen von 1 bis 1,5 Millionen.

Die mehrheitlich ländliche Bevölkerung verteilt sich hauptsächlich auf den Hauran in Südwestsyrien (500000 bis 700000, etwa 2 bis 3 % der Bevölkerung), wo die meisten Drusen im Bezirk von as-Suwaida (Dschabal ad-Duruz) leben, den südlichen Libanon (250000 bis 400000, etwa 5 bis 7 % der Bevölkerung) sowie Nordisrael (ca. 100000 im Kernland, mehr als 20000 Golan-Drusen, ca. 1,6 % der Bevölkerung). In Jordanien lebt eine kleinere Zahl Drusen, eine starke Diaspora gibt es in Amerika, außerdem drusische Zuwanderungsgemeinden in Australien und Westafrika.

Einschätzung

Die nach außen sehr zurückhaltend auftretende Religion der Drusen wird häufig für eine dem Islam besonders nahestehende Glaubensrichtung gehalten. Die Bestimmung von Nähe und Distanz, gerade auch von Drusen selbst, wird jedoch stark von der soziopolitischen Umgebung beeinflusst. Es zeigt sich, dass die mehr oder weniger gewaltsam getrennten drusischen Populationen in den vergangenen Jahrzehnten eine jeweils eigene Entwicklung durchlaufen haben. Viele Drusen, vor allem Laien, sind säkular orientiert.

Das religiös-theosophische hoch spekulative Lehrsystem wie auch die Glaubenspraxis weisen Ähnlichkeiten mit den Alawiten, den Eziden oder den Ahl-e Haqq (Yaresan) auf. In dieser Hinsicht ist der Abstand zumindest zu islamischen Glaubensformen, wie sie bei uns bekannt sind, groß.

Die Schwierigkeit, mehr und Genaueres über Drusen und das Drusentum zu erfahren, hängt auch damit zusammen, dass die Drusen – zumal in der Diasporasituation und als Flüchtlinge – sehr stark mit Identitätsfragen konfrontiert sind. Ob sie sich zuerst als Syrer, Araber, Muslime oder etwas ganz Eigenes verstehen oder welche Rolle etwa das Verhältnis zu Israel spielt, das hierzulande so ganz anders verortet ist als in der Herkunftsregion, kommt zu den an sich schon komplizierten Fragen einer Religion hinzu, deren genauere Kenntnis einem engen inneren Kreis vorbehalten und zudem der Geheimhaltung unterworfen ist.1

Anmerkung
1 Ein besonderer Dank für hilfreiche Hinweise gilt Kamal Sido (Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen).

Literaturhinweise
Nejla M. Abu Izzeddin: The Druzes. A New Study of their History, Faith and Society, Leiden 21993
Nissim Dana: Druze Identity, Religion – Tradition and Apostasy, 2010, http://app.shaanan.ac.il/shnaton/15/14.pdf
Kais M. Firro: A History of the Druzes (Handbuch der Orientalistik. Erste Abteilung, Der Nahe und der Mittlere Osten, Ergänzungsbd. 9, Leiden 1992
Heinz Halm: Die Schia, Darmstadt 1988, 219-224
Tobias Lang: Die Drusen in Libanon und Israel. Geschichte, Konflikte und Loyalitäten einer religiösen Gemeinschaft in zwei Staaten, Studien zum Modernen Orient Bd. 23, Berlin 2013
Sami Nasib Makarem: The Druze Faith, Delmar/NY 21977 (moderne drusische Selbstdarstellung)
Werner Schmucker: Sekten und Sondergruppen. Ismailiten, Alawiten, Drusen, in: Werner Ende/Udo Steinbach (Hg.): Der Islam in der Gegenwart, München 52005, 716-722

Dr. Friedmann Eißler, Mai 2018