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Materialdienst 1/2019

Gelassener Rückblick: zur Mitgliederstatistik der evangelischen Kirche 2018

Die im Sommer 2018 publizierten Zahlen zur Mitgliederentwicklung der Evangelischen Kirche in Deutschland lösten, wie schon in den Vorjahren, vielfältige Reaktionen aus. Ein Rückblick auf die Diskussion lohnt sich, auch wenn sie bis auf einige Details Bahnen folgte, die den Seufzer „alle Jahre wieder“ rechtfertigen.

Zum Sachverhalt: Der Mitgliederschwund der letzten Jahre und Jahrzehnte setzte sich mit Schwankungen um oder unter 10 % pro Jahr 2017 fort. Knapp die Hälfte des Verlusts von 390000 Mitgliedern (1,8 %) hatte, wie schon in den Jahren zuvor, demografische Gründe. 350000 Mitglieder wurden bestattet, rund 185000 durch Taufe aufgenommen. 200000 Menschen traten aus der evangelischen Kirche aus, 20000 ein.

Das große Dauerthema für die evangelische Kirche ist der richtige Umgang mit dieser Entwicklung, es wird hier allerdings nicht weiter verfolgt. Ein kleineres, aber nicht bedeutungsloses Thema ist die alle Jahre wiederkehrende Herausforderung, die Zahlen selbst zu kommunizieren und zu interpretieren. Sie haben emotionale und imaginative Wirkung, schon bevor man praktische Schlüsse aus ihnen zieht. Was diese Wirkung angeht ist der kirchliche Umgang mit der Statistik, und mit den vorhersehbaren Reaktionen der Öffentlichkeit meines Erachtens oft wenig hilfreich.

Die offizielle Interpretation der EKD wurde von dem seit Jahren bekannten bemühten Optimismus geprägt.1 Die Pressestelle meldete: „Ursache des Mitgliederschwundes ist vor allem der demografische Wandel.“ Immer wieder wurde gesagt, dass die Kirche stabil sei, weil die Tauf- und Eintrittszahlen erfreulicherweise die Austrittszahlen mehr als ausglichen, aber leider nicht den demografischen Verlust. Diese Interpretation ist jedoch unrealistisch. Sinnvollerweise müssen auf einer „demografischen“ Achse die Sterbefälle von Mitgliedern mit den Taufen von Kindern aus Mitgliederfamilien verrechnet werden, und auf einer „Entscheidungsachse“ oder „Bindungsachse“ die aktiven Austritte und Eintritte, ob Letztere mit einer Taufe verbunden sind oder nicht. Das Ergebnis ist, dass auf beiden Wegen ungefähr gleich viele Mitglieder verloren gehen und dass von Stabilität keine Rede sein kann.

Den Medien entging die Schwäche der kirchlichen Interpretation nicht.2 Man hielt der EKD vor, ein „Weiter wie bisher“ zu propagieren. Meistens wurde allerdings die für deutsche Meinungsmacher undenkbare Möglichkeit übersehen, dass es für die Kirchen keine andere Option geben könnte als „weiter so“. Falls dies zutrifft, sollte man es von kirchlicher Seite sagen und sachlich begründen. Denn für diejenigen, die sich für ihre Kirche engagieren und denen die Austrittszahlen um die Ohren geschlagen werden, wäre ein solches Argument von großer Wichtigkeit. Selbst wohlwollende Ratschläge vermitteln den Adressaten allzu leicht das Gefühl, man habe bisher vieles falsch gemacht und müsse alles anders machen. Dazuhin gab es mehr als genug Häme der bekannten rechtsevangelikalen, laizistischen und atheistischen Kirchenkritiker.

Im rechtsevangelikalen Milieu und bei den rechten Populisten ist man überzeugt, dass beide großen Kirchen zugrunde gehen, weil sie sich einem säkularistischen und libertären Zeitgeist verschreiben. Der frühere Beauftragte der Deutschen Evangelischen Allianz bei Bundestag und Bundesregierung, Wolfgang Baake, rief deshalb zum „scharenweisen Kirchenaustritt“ auf.3 Die gleiche Aufforderung kommt gelegentlich aus der AfD.4 Eine konservativere Theologie und Ethik oder eine Parteinahme für den Rechtskonservativismus statt für die „Linksgrünen“ (zu denen oft alles außer der AfD gerechnet wird) würde jedoch nach allem, was wir wissen, kaum etwas an den Aus- und Eintrittszahlen ändern. Das gilt umgekehrt ebenso für die Forderung nach einer liberaleren, zeitgemäßeren Theologie und Ethik oder nach einer größeren Nähe zu modernen Denk- und Lebensweisen. Religionssoziologische Befunde sprechen dafür, dass es (im Rahmen halbwegs vermittelbarer Varianten) pauschal und längerfristig so gut wie keine Rolle spielt, was für Inhalte theologisch, ethisch und politisch kommuniziert werden, was für Formen Kasualien, Gottesdienste und „vereinskirchliche“ Angebote usw. haben. Um ein Indiz anzuführen: Die protestantischen Denominationen außerhalb der EKD verlieren in der Summe proportional ähnlich viele Mitglieder, und zwar die konservativen Gruppen (z. B. Brüderbewegung, Siebenten-Tags-Adventisten) ebenso wie die liberaleren (z. B. Evangelisch-methodistische Kirche). Von den Austritten aus den großen Kirchen profitieren sie statistisch nicht. Wer dort weggeht, wechselt weit überwiegend ins Lager der weder für noch gegen Religion engagierten Konfessionslosen.

Was für Schlüsse ergeben sich daraus für die evangelische Kirche? Auf der einen Seite ist eine Stabilisierung der Mitgliederzahlen statistisch so gut wie unmöglich. Denn die demografische Entwicklung lässt sich nicht zugunsten des deutschen Protestantismus beeinflussen. Auf der anderen Seite gibt es einen theoretischen Spielraum, durch kirchliches Handeln den Mitgliederverlust zu verringern, nämlich durch Verminderung der aktiven Austritte bzw. Vermehrung der Eintritte. Die Frage, ob es diesen Spielraum auch praktisch gibt, muss vor allem durch eine Analyse der langfristig wirkenden Austrittsursachen beantwortet werden, denn sie überwiegen die Eintritte um den Faktor 10. Wirksam sind, soweit empirische Daten dazu vorliegen, zwei miteinander verbundene Megatrends: der gesellschaftliche Geltungsverlust der Kirchen als Institutionen (Entkirchlichung) auf der einen Seite, der weltanschauliche Plausibilitätsverlust einer religiösen Lebensorientierung (Entreligionisierung) auf der anderen Seite. Evelyn Finger brachte es schon 2017 auf den Punkt: „Warum rennen die anderen trotzdem davon? Natürlich, weil viele nicht mehr an Gott glauben und weil es sozial kaum mehr sanktioniert ist, dies offen zuzugeben ... Ist dieser Trend unumkehrbar? Manches spricht dafür.“

Es spricht sogar vieles dafür. Denn der Transmissionsriemen, der diesen Trend auf die Mitgliederentwicklung überträgt, ist (wie der Religionssoziologe Detlef Pollack immer wieder betont) der schleichende Verlust religiöser Sozialisation in den Familien. Die Anlässe, die zur Austrittsentscheidung führen oder dazu, dass der Austritt bei distanzierten Mitgliedern dennoch unterbleibt, sind dagegen aktuell und vielfältig. Welche Faktoren zum Beispiel dazu beitrugen, dass im Vergleich zu 2016 die Austritte um rund 5% stiegen, lässt sich nur vermuten. Vielleicht war es der sich ausbreitende Rechtspopulismus, vielleicht etwas ganz anderes. Die Kirchensteuer war es sicherlich nicht allein. Den Austritt können negative persönliche Erfahrungen auslösen, zu liberale oder zu konservative, zu religiöse oder zu säkularistische kirchenamtliche Verlautbarungen, Meldungen über Skandale usw. Der Austritt kann unterbleiben, weil man (auch auf evangelischer Seite) Papst Franziskus mag oder weil mit dem Ruhestand die Kirchensteuer entfällt.

Analysen, die sich mit solchen Anlässen befassen, können durchaus praktische Bedeutung haben, aber eben nicht für die Mitgliederentwicklung insgesamt. Dieser Sachverhalt sollte immer wieder betont werden. Es ist ja nicht so, dass es für unsere Kirchen, Gemeinden und Werke nichts zu tun gäbe, weil sie nichts tun können, um die Trends zur Entkirchlichung und Entreligionisierung aufzuhalten. Die Kirche arbeitet nicht für eine Statistik, sondern für Menschen, denen sie das Evangelium in Wort und Tat schuldig ist. Wenn eine bessere Jugendarbeit dazu führt, dass sich zwei Neukonfirmierte für eine Mitarbeit gewinnen lassen, wenn ein gut gestalteter Gottesdienst dazu führt, dass ein Pensionär wieder dazustößt, ist ein Ziel kirchlicher Arbeit erreicht. Alles darüber hinaus liegt in Gottes Hand. Es hilft denen, die sich engagieren, wenn man ihnen sagt, wie wertvoll ihr Beitrag ist und wie weit er dennoch von der Mitgliederstatistik entfernt ist. Wenn die Jugendarbeit künftig pro Jahr 10000 Konfirmanden mehr als heute davon abhalten würde, aus der Kirche auszutreten, sobald sie ihr erstes steuerpflichtiges Gehalt sehen, wäre das großartig. Die Mitgliederzahl würde sich dadurch um ein halbes Promille erhöhen, ein statistisch so gut wie unsichtbarer Effekt. Wären 2017 aus irgendeinem Grund 20000 Menschen weniger ausgetreten als tatsächlich austraten, hätte sich der Mitgliederverlust von 1,8 % auf 1,7 % verringert. Wir Evangelischen hätten uns gefreut. Aber die Rechtspopulisten und Laizisten, die säkularen Pundits und die Atheisten hätten genau das gesagt, was sie immer sagen. Warum sich damit belasten? Verlangen wir von unseren Kirchenleitungen, unseren Pressestellen und unseren theologischen Vordenkern im Jahr 2019, uns mit Argumenten dabei zu helfen, die nächste Statistik leicht und die Menschen in unserer Nähe wichtig zu nehmen.

Hansjörg Hemminger, Baiersbronn


Anmerkungen

1 Vgl. www.ekd.de/mitgliederzahlen-evangelische-katholische-kirche-2017-36461.htm; www.ekd.de/ekd-statistik-2018-36432.htm (Abruf der in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten: 17.11.2018).
2 Z. B. Evelyn Finger: Schrumpfende Kirchen, in: DIE ZEIT 31/2017, in Bezug auf die (strukturell sehr ähnliche) Mitgliederentwicklung 2016.
3 www.idea.de/frei-kirchen/detail/baake-in-scharen-aus-den-evangelischen-kirchen-austreten-106142.html.
4 Z. B. www.jesus.de/afd-landesverbandsvorsitzender-fordert-zu-kirchenaustritten-auf.  

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