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Materialdienst 1/2019
Liane Wobbe

Tibetische Buddhisten in Deutschland

Die Rolle der buddhistischen Religion für Exiltibeter im Westen

Am 16. März 2018 feierten die Tibeter weltweit Losar, das tibetische Neujahrsfest. Für sie begann nun das Jahr 2145, das im Zeichen des Hundes und im Element Erde steht, also das „Erdhundjahr“. So auch im tibetisch-buddhistischen Tempel Tendar Chöling in Berlin-Charlottenburg: Viele Gäste sind gekommen, die meisten deutsche Mitglieder und Freunde des Tempelvereins, aber auch Buddhisten, die aus Tibet stammen. Die Frauen haben ihre traditionellen Chupas an, lange seidene Wickelkleider mit bunt gestreiften Wollschürzen, die Männer tragen Kurtas, knielange Oberhemden aus Seide. Nach Aussagen einiger Deutscher besuchen tibetische Familien den Tempel meist nur zum Neujahrsfest und zum Geburtstag des Dalai Lama.

Das Zentrum folgt der Tradition der tibetisch-buddhistischen Schule Gelugpa. An den Wänden des Tempelraums hängen bunte Rollbilder (Thangkas). Auf einem altarähnlichen Podest thronen Buddha-Statuen, darunter Shakyamuni, der Buddha der Gegenwart, dessen engste Gefährten Shariputra und Maudgalyayana sowie Tsongkhapa, der Begründer der Gelugpa-Schule. Davor stehen 21 Wasserschalen sowie Blumen, Kerzen und Obst.

Die Andacht besteht hauptsächlich aus Rezitationen sogenannter Lamrim-Texte1 und einem Langlebensgebet für den 14. Dalai Lama, geführt durch einen tibetischen Mönch, der hier als Lehrer angestellt ist. Nach der Festrede eines tibetischen Besuchers wünschen sich die Gäste gegenseitig „Losar Tashi Delek“ (Alles Gute zum Neuen Jahr). Dann begeben sich alle zum Buffet.

Tibetische Tempel in europäischer Hand

In Deutschland gibt es zahlreiche Vereine verschiedener tibetisch-buddhistischer Schulen, allein in Berlin befinden sich mindestens 20 Zentren. Allerdings: Wenn von tibetischem Buddhismus in Deutschland die Rede ist, handelt es sich meist um eine von Europäern praktizierte Religionsart, die vorrangig Meditationsformen, Textrezitationen und philosophische Belehrungen beinhaltet. Andere Elemente tibetischer Religion zeigen sich so gut wie nicht, da es kaum Tibeter in Deutschland gibt, die ihren Alltagsbuddhismus öffentlich zelebrieren. Anders als bei thailändischen, chinesischen oder vietnamesischen Tempeln, die von Menschen aus den jeweiligen Ländern geleitet und besucht werden, erfolgt die Leitung und die Teilnahme an Veranstaltungen bei tibetischen Tempeln fast ausschließlich durch deutsche Konvertiten.

Die Verbreitung des Buddhismus in Tibet

Die Verbreitung des Buddhismus in Tibet vollzog sich in mehreren Etappen. Früheste Einflüsse sind im 7. Jahrhundert zu verzeichnen, als König Songtsen Gampo (gest. 649), inspiriert durch seine buddhistischen Gattinnen aus China und Nepal, den Buddhismus als Hofreligion einführte. Im 8. Jahrhundert, während der Regierungszeit des Königs Thrisong Detsen (756 – 796), trugen buddhistische Mönche aus Zentral-asien Buddhismusformen des indischen Theravada wie auch des chinesischen Mahayana in das Land. Mit dem indischen Meister Padmasambhava (8./9. Jahrhundert) gelangte der tantrische Buddhismus nach Tibet und gewann im Zuge der bald einsetzenden Übersetzungen buddhistischer Texte aus dem Sanskrit ins Tibetische zunehmend an Einfluss.

Eine weitere Etappe der Einführung buddhistischer Lehren in Tibet erfolgte 1000 n. Chr. durch den Mönch und Übersetzer Rinchen Zangpo (958 – 1055), der den tibetischen Buddhismus durch Lehren des Mahayana und Regeln der Ordenszucht aus Kaschmir beeinflusste. Atisha (980 – 1054), ein Mönch aus Bengalen, brachte ab 1042 erneut tantrische Lehren ins Land. Die Verbreitung des Buddhismus in Tibet führte bald zur Gründung verschiedener Schulrichtungen mit eigenen Klöstern, Lehrmeinungen und Ritualformen.

1. Die älteste der vier Hauptschulen ist die der Nyingma (nying-ma, alt), die Schule der Alten. Die Anhänger führen ihre Tradition auf die erste Ausbreitung des Buddhismus in Tibet unter dem Gelehrten Padmasambhava zurück. Charakteristisch für diese Schule ist, dass sie ihren eigenen Nyingma-Kanon, den Gyübum, besitzt, dessen Inhalt aus der ersten Verbreitungsepoche in Tibet (9./10. Jahrhundert) stammt. In ihrer rituellen Ausrichtung stehen die Nyingma der Bön-Religion2 sehr nahe.

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Anmerkungen

1 Lamrim (tibet. lam, Pfad, rim, Stufen) bezeichnet eine Zusammenstellung von Anleitungen, die den stufenweisen Weg zur Erleuchtung darstellen.
2 Als Bön wird die vorbuddhistische Religion Tibets bezeichnet, die v. a. auf animistischen und schamanistischen Ritualen beruhte. Viele dieser Praktiken sind in die buddhistische Ritualpraxis eingeflossen.

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