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Materialdienst 4/2019
Karin Daecke

Die Spiritualität von Transpersonaler Psychologie und esoterischem Psychomarkt

Eine Verbindung, die zu Diskurs und Nachdenken auffordert

Im vorliegenden Aufsatz soll gezeigt werden, dass die Spiritualität mit ihrem Konzept einer transpersonalen Bewusstseinserweiterung eng mit der Spiritualität des esoterischen Psychomarkts verbunden ist und was beiden gemeinsam ist. Dabei wird auch auf die hierfür entscheidenden Initialprojekte verwiesen. In einem zweiten Schritt werden die für die Expansion der Transpersonalen Psychologie (TP) wesentlichen Marktsynergien und deren Folgen für die Psychotherapie und ihre Weiterbildung aufgezeigt. Wie spannungsreich das Verhältnis zwischen Psychotherapie und Spiritualität ist, zeigen die Reaktionen auf Gesetzesebene, aber auch die Aktivität auf Basis verbandsübergreifender Diskurse.

Vertreterinnen der Transpersonalen Psychologie selbst charakterisieren „die Ansätze der transpersonalen und integralen Psychologie … durch eine Hybridisierung von konventionell-psychotherapeutischen und traditionell-spirituellen Vorgehensweisen und Zielsetzungen … Die Ansätze der transpersonalen Psychologie unterstützen“ ihrer Meinung nach „sowohl die Verwirklichung des personalen als auch des transpersonalen Selbst“.1 Da jedoch die wissenschaftlichen Erörterungen für diese Ansätze fehlen, spreche ich statt von einer Hybridisierung lieber von einer Vermengung von Anleihen bei spirituellen und psychotherapeutischen Traditionen. Gemäß der Selbstcharakterisierung streben die „spirituellen Traditionen schließlich … eine radikale Ich-Transzendenz oder Transzendenz des personalen Selbst an. Dabei wird angenommen, dass dieses personale Selbst im Verlauf des spirituellen Prozesses immer mehr in einem … ‚allumfassenden Einen‘ aufgeht, mit dem es in seiner Essenz wesensgleich ist.“2 Letzteres geht in den transpersonalen Begriff „holotrop“ (z. B. Stanislav Grofs „holotrope Initiation“) mit ein und evoziert ein spirituell höherwertig definiertes „transpersonales Ganzheitsverständnis“3.

Da mit der Expansion dieses Verständnisses in den humanistischen Psychotherapiebereich den humanistischen Schulenvertreterinnen und -vertretern die Kohärenz ihres wissenschaftlichen Ganzheitsverständnisses als Basis für ihre Anerkennungs- und Weiterentwicklungsbemühungen entzogen wird und sie zudem den NS-Hintergrund der in der Transpersonalen Psychologie bevorzugten Ganzheitstradition (Grazer und Leipziger Gestaltpsychologie) kritisch abgrenzen, wird hier entsprechend engagiert um den Verbleib des Ganzheitsverständnisses in der wissenschaftlichen und ethischen Tradition der Aufklärung gerungen. Und da auch ihr Verständnis von heilsamer therapeutischer Beziehung in dieser Tradition steht, fällt der Diskurs hierzu ebenfalls heftig aus.4 Denn der transpersonale Wegführungsanspruch, gemäß dem der Therapeut mit seinem spirituellen Entwicklungsweg zum Wegführer des Patienten/Klienten wird, um dessen Bewusstsein zu transformieren, zu einem höchsten Bewusstsein weiterzuentwickeln, passt nicht in diese Tradition. Dies betrifft genauso die anderen Psychotherapierichtungen.

Zum aktuellen Verhältnis von Spiritualität und Psychotherapie

Obwohl die Psychotherapie weltanschauliche Neutralität verspricht und innerhalb der ärztlichen und psychosozialen Versorgung eine klar definierte Aufgabe hat, ist sie faktisch bislang noch immer nicht ausreichend von der Spiritualisierung ihrer therapeutischen Methoden abgegrenzt.

Auf Gesetzesebene gilt es im deutschsprachigen Raum große Unterschiede zu beachten. Während in der Schweiz die Zulassung individuell geregelt wird, bestimmt in Österreich seit 2014 eine ministerielle Richtlinie, dass religiöse sowie spirituell-esoterische Entwicklungsarbeit und Psychotherapie miteinander unvereinbar sind, was auch die dort anerkannten Humanistischen Verfahren wie z. B. die Gestalttherapie betrifft. Hier gab es besonders viele spirituelle/transpersonale Verankerungsversuche. In Deutschland grenzte das seit 1999 gültige Psychotherapeutengesetz den ausufernden esoterischen Psychomarkt zusammen mit den Humanistischen Verfahren und Methoden aus der kassenärztlichen Versorgung aus. Hier drangen die spirituell-esoterischen/transpersonalen5 Ansätze besonders stark in die noch um Anerkennung ringenden und wissenschaftlich wie institutionell gut etablierten Humanistischen Psychotherapieschulen vor, wobei sie hierfür bestens vernetzt und zusammengeschlossen sind.6
 
Über die Vermengung von Spiritualität mit Psychotherapie wird inzwischen in den Foren verschiedenster Psychotherapieverbände intensiv diskutiert.7 Denn mit der Expansion der TP, die ab den 1970er Jahren in Europa von Rütte aus mit Karlfried Graf Dürckheims Initiatischer Therapie, in den USA von Esalen aus mit neoschamanischen Ritual- und neotantrischen Kundalini-Ansätzen und in Südamerika von Arica aus mit psycho-spirituellen Tarot-, Enlightenment-, Astrologie- und Enneagramm-Ansätzen (Gurdjieff, Crowley u. a.) in die Psychotherapie Eingang fand, drangen auch ideologielastige transpersonal-esoterische Welt- und Menschenbilder bis in die anerkannten akademischen Weiterbildungen vor.8 Dieser Erfolgszug beruhte zunächst auf transatlantischen Marktstrategien, aber auch auf der Vernetzungs- und Ausbildungstätigkeit transpersonal engagierter Psychotherapeuten (vgl. IHTP, ehemals ÖATP)9  mit Lehrtherapeutenstatus in den verschiedensten Schulenfeldern. Aktuell gilt: Was in Österreich nicht mehr geht, geht z. B. noch in Deutschland oder anderswo.

Parallel dazu ist ein zunehmendes Interesse an spirituellen Themen in der Psychotherapie festzustellen, was am deutlichsten an der Verbreitung von achtsamkeitsbasierten Behandlungsmethoden sichtbar wird, deren Wirksamkeit zum Teil sogar wissenschaftlich belegt ist. Ihre weltanschauliche Neutralität wird allerdings zunehmend bezweifelt.10 Als Bausteine spiritueller Psychotherapie verwendet, helfen diese Ansätze häufig, Seriosität zu erzeugen, wo bereits Mission einsetzt. Dies entzieht sich leider ab einem bestimmten Grad an spiritueller Identifikation der Wahrnehmung, und der spirituelle Missbrauch von psychischer Fragilität und Vertrauensvorschuss bleibt für den Therapeuten unbemerkt.11

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Anmerkungen

1 Liane Hofmann/Patricia Heise: Psychotherapie und spirituelle Weganleitung, in: dies. (Hg.): Spiritualität und spirituelle Krisen, Stuttgart 2017, 61-77, 76.
2 Ebd.
3 Karin Daecke (Gestalttherapie 2/2017), www.tradierungsstudie.de/pdfs/Zur-Spirit-d-GT-ihrer-Transpersonalisierung.pdf.
4 Siehe www.tradierungsstudie.de/vortraege.shtml; www.tradierungsstudie.de/vortraege-at-ch.shtml.
5 „Transpersonal“ bedeutet über das Personale des Menschen hinausreichend, was das Spektrum des Mythologischen und Spirituellen impliziert. Die Transpersonale Psychologie geht auf Sutichs und Maslows „Transhumanismus“ zurück. Den Begriff transpersonal benutzte erstmals C. G. Jung im Kontext seiner Psychologie des kollektiven Unbewussten. Entgegen aller anderslautenden Behauptungen ist er aber nicht der Begründer der TP.
6 Der Vereinszweck des ÖATP (Österreichischer Arbeitskreis für Transpersonale Psychologie und Psychotherapie) ist seit 1993: Weiterentwicklung und Verankerung der TP im psychotherapeutischen und psychosozialen Feld. Der ÖATP heißt seit 2019 IHTP (Internationales Institut für Holotropes Atmen und Transpersonale Psychotherapie).
7 Vgl. das Positionspapier der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) von Michael Utsch u. a.: Empfehlungen zum Umgang mit Religiosität und Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie, in: Spiritual Care 6/1 (2017), 141-146. vgl. auch Karin Daecke, www.tradierungsstudie.de/pdfs/FORUM_Grundleg.-Infos-DVG_Internetseite-09.03.pdf, für die Gestalttherapie.
8 Vgl. Karin Daecke: Moderne Erziehung zur Hörigkeit. Zur Tradierung strukturell-faschistischer Phänomene in der evolutionären Psychologieentwicklung und auf dem spirituellen Psychomarkt, 3 Bände (freier Zugriff über www.tradierungsstudie.de); Liane Hofmann/Patricia Heise (Hg.): Spiritualität und spirituelle Krisen, Stuttgart 2017; Martin Brentrup/Gaby Kupitz: Rituale und Spiritualität in der Psychotherapie, Göttingen 2015.
9 Vgl. www.transpersonal.at (Abruf: 3.1.2019), siehe auch Fußnote 6.
10 Vgl. Christoph Flückiger/Volker Köllner: Von der Profession zur Konfession?, in: Psychotherapie im Dialog 4/2017, 14f.
11 Vgl. Karin Daecke: Gestalttherapie (Forum 64 [2017]), www.tradierungsstudie.de/pdfs/FORUM_Grundleg.-Infos-DVG_Internetseite-09.03.pdf, 6f.

 

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