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Materialdienst 5/2019
Mormonen

Papst trifft Prophet

Erstmals hat ein Papst den obersten Amtsträger der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage getroffen (Mormonen oder Latter-Day-Saints, LDS). Papst Franziskus kam am 9. März 2019 im Vatikan für eine gute halbe Stunde mit dem leitenden LDS-Apostel, Präsident Russell T. Nelson, und weiteren mormonischen Amtsträgern zusammen. Nelson weilte anlässlich der Eröffnung des neuen Mormonentempels in Rom.

Beide Männer beanspruchen in unterschiedlicher Weise, Amtsnachfolger des Apostels Petrus zu sein, wobei der Papst seine Vollmacht aus einer Überlieferungskette seit dem Neuen Testament, Russel T. Nelson die seine aus der Wiederherstellung der Urkirche durch Joseph Smith 1830 ableitet. Nur wenige Menschen übertreffen den Papst im Anspruch auf geistliche Vollmacht, aber Präsident Nelson dürfte darunter sein. Während der Papst bei Einhaltung bestimmter Abläufe für in Lehrfragen unfehlbar gilt (was aber in der Praxis nur einmal vorkam), sehen Mormonen in ihrem obersten Apostel einen lebenden Propheten, der immer wieder direkte Offenbarungen von Gott erhält, zuletzt vor einigen Monaten (vgl. MD 10/2018, 384-386).

Gesprochen wurde bei dem Treffen mit dem Papst nach Mitteilung der LDS – der Vatikan gab kein Kommuniqué heraus – vor allem über die zunehmende Säkularisierung, die Rolle der Familie, die Bedrohung der Religionsfreiheit und das karitative Engagement in der Welt. Gerade im Bereich der Katastrophenhilfe gibt es schon seit langem Kooperationen vor Ort, derzeit in 43 Ländern. Getreu dem alten ökumenischen Motto „Lehre trennt, Dienst eint“, erklärte Präsident Nelson: „Die Lehrunterschiede sind real und wichtig, aber nicht annähernd so wichtig wie das, was wir gemeinsam haben.“

Der Papst habe sich gefreut, berichteten die LDS-Teilnehmer hinterher, dass Söhne und Enkel des 94-jährigen Nelson als Mormonenmissionare in seinem Heimatland Argentinien im Einsatz waren. Das Verhältnis der beiden Gemeinschaften ist heute insgesamt freundlich und wohlgesonnen, sodass das Treffen nur den Höhepunkt einer Reihe hochrangiger Begegnungen der letzten Jahre darstellt. Das war nicht immer so. Zwar erlaubte der Mormonenpräsident Brigham Young schon 1866 den ersten Katholiken, die nach Salt Lake City in die junge Hauptstadt des Mormonenstaats Utah kamen, die Nutzung einer mormonischen Assembly Hall für ihre erste Messe,1 doch später war das Verhältnis nicht immer spannungsfrei. Die mormonische Zeitung Deseret News (Salt Lake City) berichtet, der Präsident David O. McKay habe sich in den 1950er Jahren nur sehr diskret mit dem katholischen Bischof von Salt Lake City treffen können.2 Beide Seiten mussten auf die Gefühle ihrer Gläubigen Rücksicht nehmen.

Zu dem verbesserten Verhältnis trägt sicher bei, dass mormonische und katholische Lehre in bestimmten sozial- und sexualethischen Fragen einen inhaltlich ähnlichen moderaten Wertkonservatismus vertreten, der sich gegen bestimmte Fehlentwicklungen stemmt, die man in der säkularen westlichen Moderne, teils auch in anderen Kirchen, am Werk sieht. Es ist daher kein Zufall, dass bei katholisch-mormonischen Treffen das Thema „Förderung von Ehe und Familie“ immer wieder auftaucht. So waren die Mormonen schon im November 2014 zur päpstlichen Konsultation über die Ehe eingeladen. Bereits damals traf Papst Franziskus mit der Nummer zwei der LDS-Hierarchie, Apostel Henry B. Eyring, zusammen.

Ein Dissens bei solchen Treffen besteht darin, dass die LDS sich selbst als Christen sehen, sie als solche aber von ihrem Gegenüber nicht anerkannt werden. 2001 hatte die vatikanische Glaubenskongregation unter Joseph Kardinal Ratzinger (später Benedikt XVI.) die Anerkennung mormonischer Taufen durch die katholische Kirche rundum abgelehnt. Damit sind Mormonen aus katholischer Sicht keine Christen.

Bemerkenswert ist, dass die mormonischen Berichte über das Treffen hinterher wiederholt von einem „interreligiösen“ Treffen sprechen. Das entspricht der katholischen Sicht. Aber aus mormonischer Perspektive wäre gemäß ihrem Selbstverständnis eigentlich der Begriff „interkonfessionell“ oder „zwischenkirchlich“ zu erwarten gewesen.3

Da der Vatikan sich nicht offiziell zu den Inhalten des Treffens geäußert hat, ist nicht bekannt, ob auch die Totentaufe an Päpsten zur Sprache kam. Hinter der mormonischen Praxis der Totentaufe steht die Vorstellung, dass den Seelen Verstorbener im Jenseits eine Stellvertretertaufe angeboten wird, die sie für sich akzeptieren und damit postmortal noch der Kirche der Heiligen der Letzten Tage beitreten können. Ausweislich der mormonischen genealogischen Archive sind alle verstorbenen Päpste von Johannes Paul II. bis zurück ins Mittelalter – und am Wege auch noch zahlreiche Reformatoren und andere Prominente – in dieser Weise „getauft“ worden, viele davon auch mehrfach, da sich die verschiedenen Tempel, in denen diese Totentaufen stattfinden, nicht immer koordinieren. Ein ganz gutes Gewissen hat man dabei nicht: Treffen Nachfragen von außen ein, werden gelegentlich die Klarnamen gelöscht; die Einträge bleiben aber z. B. über die Namen der Eltern auffindbar.

Nicht alle Katholiken nehmen diese Praxis so gelassen hin wie Thomas Weinandy, Leiter des Sekretariats für Lehre und Pastoral der Bischofskonferenz der USA, der 2007 dazu erklärte: „Wir wissen nicht, ob die betreffende Person das wünschen würde oder nicht. Katholiken und andere Christen finden, dass sie schon gültig getauft sind. Aber es ist harmlos. Was die Päpste betrifft, denke ich, die meisten Katholiken finden das etwas unangemessen, aber auch etwas belustigend. Sie sind ja schon im Himmel! Es ist also überflüssig, selbst wenn es funktionieren würde.“4

Kai Funkschmidt


Anmerkungen

1 Vgl. https://exhibits.lib.utah.edu/s/religious-diversity-in-salt-lake-city/page/the-coming-of-the-gentiles.
2 Vgl. www.deseretnews.com/article/900059557/pope-francis-meets-with-president-nelson-in-the-vatican-catholic-mormon-rome.html.
3 Vgl. z. B. www.presse-mormonen.de/artikel/prophet-trifft-papst-franziskus-im-vatikan.
4 www.reuters.com/article/us-religion-mormons-baptism/will-pope-benedict-become-a-mormon-after-he-dies-idUSL0218416820070204?pageNumber=1&virtualBrandChannel=0.

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