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Materialdienst 12/2019
Stefanie Pfister

Konversionen zum messianisch-jüdischen Glauben

Eine religionssoziologische Einschätzung

Die messianisch-jüdische Bewegung stellt immer wieder und höchst aktuell besonders ein Pulverfass im jüdisch-christlichen Dialog dar. Dies zeigt zum Beispiel die Stellungnahme des Kirchentagspräsidiums zur Teilnahme messianisch-jüdischer Gruppierungen am Stuttgarter Kirchentag 2015, in der es heißt, dass messianische Juden nicht zur aktiven Mitwirkung, zum Beispiel auf dem Markt der Möglichkeiten, zugelassen werden,1 und als Reaktion darauf der vehemente Widerspruch des württembergischen Landesbischofs Frank Otfried July, der vor der in Stuttgart tagenden Landessynode betonte: „Messianische Juden haben Platz und Stimme auf dem Kirchentag. Darauf kommt es an.“2

Messianische Jüdinnen und Juden glauben an Jesus als den Messias Israels.3 Sie haben sich seit 1995 als feste Bewegung im deutschen Raum etabliert und treffen sich mittlerweile in knapp 40 Gemeinden und Gruppen mit etwa 1000 regelmäßigen Besuchern in Deutschland, sodass Hans Hermann Henrix bereits im Jahr 2007 von einer „überraschenden Wirklichkeit des gegenwärtigen messianischen Judentums“4 spricht.

Um dem Phänomen messianische Juden und insbesondere deren Identitätsfrage besser begegnen zu können, stelle ich nach einem knappen historischen Überblick die Etablierung messianisch-jüdischer Gemeinden in Deutschland und deren Gemeinde- und Gottesdienstleben vor. Anschließend nehme ich anhand von drei Fallgeschichten eine religionssoziologische Einschätzung vor.

Historische Judenchristen und gegenwärtige messianische Juden

„Wir glauben, dass messianisches Judentum heute die Fortsetzung des biblischen, rechtmäßigen Judentums ist“, heißt es in einem messianisch-jüdischen Glaubensbekenntnis.5 Doch kann man von einer kontinuierlichen Entwicklung von Judenchristen zu heutigen messianischen Juden ausgehen?

Die ersten Judenchristen in der Jerusalemer Urgemeinde glaubten, dass Jesus der verheißene Messias Israels war. Dies geschah als innerjüdische Gruppe, und die Judenchristen lebten weiter im jüdischen religiösen Kontext.6

Mit der Aufnahme der Heidenchristen entstand eine gemischte Gemeinde, und die Distanz zum Judentum wurde verstärkt, weil zum Beispiel der Ritus der Beschneidung als Trennungszeichen von Juden und Heiden infrage gestellt wurde. Auch die drei Ausdrucksformen des neuen Glaubens (Taufe, Abendmahl und Christus als Messias) forcierten bald die Loslösung zum Judentum.7 Ab dem frühen 2. Jahrhundert betrachtete sich die heidenchristliche Kirche aufgrund der aufkommenden Substitutionstheologie selbst als das wahre Israel und verwehrte es den judenchristlichen Mitgliedern, weiter an ihrem jüdischen Erbe festzuhalten.8 Das führte dazu, dass die Judenchristen als eigenständige Gruppierung „verschwanden“. Gleichwohl hinterließen sie bis ins 5. Jahrhundert und in einigen Kirchen sogar darüber hinaus religiöse „Spuren“ wie Bräuche oder Symbole.9 In den späteren Jahrhunderten zwang die heidenchristliche Kirche Juden zur Taufe, Juden erlitten Verfolgungen und Pogrome, und somit gab es lange Zeit keine judenchristliche Bewegung mehr.

Erst die Puritaner und die Pietisten im 17. und 18. Jahrhundert interessierten sich wieder für das Judentum und suchten den Dialog mit Juden. Die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts belebten wiederum die pietistische Frömmigkeit, und es entstanden die Pfingst-, die charismatische und die evangelikale Bewegung. Des Weiteren förderte die Erweckungsbewegung das Entstehen judenmissionarischer Werke, wodurch erstmals seit Jahrhunderten wieder viele Juden freiwillig den Glauben an Jesus als den Messias Israels annahmen, dabei aber in den jeweiligen Kirchen verblieben.

Manche einzelne judenchristliche Gruppierungen waren nur von kurzer Dauer, zum Beispiel 1813 die „Beni Abrahams“ (Kinder Abrahams) in London, hier trafen sich 41 konvertierte Juden, um den Sabbat gemeinsam zu feiern, oder von 1884 bis 1914 die Gemeinschaft von ca. 150 jesusgläubigen Juden in Moldawien, die sich u. a. „Israeliten des neuen Bundes“ nannten.
 
Erst im 19. und 20. Jahrhundert schlossen sich an Jesus Christus glaubende Juden, die sich nun „Hebräische Christen“ nannten, zu Verbindungen zusammen, die Bestand hatten, z. B. 1865 die „Hebrew Christian Union“ (HCU), 1915 die „Hebrew Christian Alliance of America“ (HCAA) und insbesondere 1925 die „International Hebrew Christian Alliance“ (IHCA).

Innerhalb dieser hebräisch-christlichen Bewegung trafen sich zu Beginn der 1970er Jahre wiederum einzelne Gruppen, die viele jüdische Elemente in ihre Gottesdienstformen integrierten. Insbesondere in Amerika wandten sich viele junge Juden verstärkt den traditionellen jüdischen Gebräuchen zu; so bezeichnete sich in Cincinnati eine Gruppe hebräischer Christen und nichtjüdischer Glaubender, die seit 1970 bestand, zuerst als „Jews who believe in Messiah Jesus“, dann als „Messianic Jews“. 1974 existierten bereits ähnlich strukturierte Gruppen und Gemeinden in Philadelphia, Washington, Chicago und Los Angeles. Eine der neu entstehenden Gruppen in diesen Kontexten war die evangelikal-charismatische Gruppe der „Jesus People“, die auch viele Juden erfasste, und ab 1970 die Gruppe „Jews for Jesus“ als Zweig der „Jewish Mission of America“ (JMA) in San Francisco, die durch provozierende Straßen- und Campuseinsätze mit Schauspiel und Gesang auf sich aufmerksam machte.

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Anmerkungen

1 Vgl. www.kirchentag.de/aktuell/nachrichten/nachrichten/archiv_stuttgart/
messianische_juden_gespraech/messianische_juden_statement.html (Abruf: Oktober 2019, auch des nächsten Links).
2 Vgl. www.idea.de/nachrichten/detail/thema-des-tages/artikel/messianische-juden-koennen-sich-am-stuttgarter-kirchentag-beteiligen-1202.html.
3 Vgl. Stefanie Pfister: Messianische Juden in Deutschland. Eine historische und religionssoziologische Untersuchung, Dissertation (Universität Dortmund), Berlin / Münster 2008, 2. aktual. Aufl. 2016; dies.: Messianische Juden. Zur gegenwärtigen messianisch-jüdischen Bewegung in Deutschland, in: MD 72/7 (2009), 257-266; dies.: The Present Messianic Jewish Movement in Germany, in: Mishkan 58 (2009), 6-20; dies.: Messianische Juden – historisch und religionssoziologisch, in: Theologisches Gespräch 39/1 (2015), 17-30; dies.: Messianisch-jüdische Bewegung in Deutschland, in: Kirchliche Zeitgeschichte 29/2 (2016), 370-384. Dieser Artikel stellt eine Erweiterung und Modifizierung des MD-Artikels aus dem Jahr 2009 und des Artikels in der Zeitschrift „Kirchliche Zeitgeschichte“ dar.
4 Hans Hermann Henrix: Schweigen im Angesicht Israels? Zum Ort des Jüdischen in der ökumenischen Theologie, in: Salzburger Ringvorlesung, Salzburg 2007.
5 EDI (Evangeliumsdienst für Israel, Hg.): Eine messianische Gemeinde stellt sich vor, Faltblatt „Schma Israel“, Leinfelden-Echterdingen 2000.
6 Diese ersten Judenchristen beteten im Tempel, feierten die jüdischen Feste, gaben Almosen für die Armen etc., kurz: Sie hielten sich an das jüdische Religionsgesetz und waren „Eiferer für das Gesetz“ (Act 21,20, vgl. Act 2,46f; 3,1; 5,12 u. ö.). Darin unterschieden sie sich nicht von den Juden, die in Jesus nicht den Messias sahen, jedoch von ihrer jüdischen Umgebung durch die Taufe auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden (Act 2,38f; 10,43.48), die gemeinsame Mahlfeier, das „Brechen des Brotes“ (Act 2,42), die eigenen Hausgottesdienste (Act 2,46) und die Gütergemeinschaft (Act 2,44-45; 4,32-37). Sie missionierten anfangs ausschließlich Juden (Mt 10,5f), und nur vereinzelt tauften sie Nichtjuden (Act 10). Da die Urgemeinde Ähnlichkeiten mit der essenischen Jerusalemer Gruppe aufwies (z. B. Taufe nach der Umkehr, Neuer Bund als Hintergrund des Pfingstfestes, Gütergemeinschaft), betrachtete die religiöse Führung die Judenchristen zunächst als eine innerjüdische Sekte und sprach ihnen ihre jüdische Identität nicht ab.
7 Politische Faktoren verstärkten die innerjüdischen Trennungsprozesse. Während des ersten jüdischen Krieges 66 n. Chr. wurden einige Mitglieder der judenchristlichen Gemeinde in Jerusalem ins Ostjordanland vertrieben. Zwischen 70 und 132 konnte sich zwar wieder eine judenchristliche Gemeinde in Jerusalem etablieren, die im zweiten jüdischen Krieg aber erneut die Flucht ergreifen musste. Da sich die Judenchristen, die an die Messianität Jesu glaubten, von den – meist unter messianischem Vorzeichen stehenden – Freiheitskämpfen der Juden gegen die Römer fernhielten, wurden sie von der jüdischen Gemeinschaft als Verräter gemieden.
8 Die mehrheitlich heidenchristliche Kirche bekämpfte die Juden, weil sie nach kirchlicher Anschauung aufgrund ihrer Sünde auf ewig von Gott verworfen seien. Der Begriff des „Gottesmordes“ hatte großen Einfluss auf die Theologie der Großkirche. Zunehmend bildete sich die „Substitutionstheologie“ als offizielle Kirchenlehre heraus, in der sich die heidenchristliche Kirche als das wahre Israel und als alleinige Trägerin alttestamentlicher Verheißungen betrachtete (vgl. Barnabasbrief um 135 n. Chr.).
9 Damit verlor das Judenchristentum zunehmend an Bedeutung. Bis zum 3./4. Jahrhundert gab es noch Judenchristen in Palästina, im Ostjordanland, in Alexandrien und Rom. Und das Judenchristentum konnte in einigen Bewegungen und Kirchen seine Spuren hinterlassen, so erhielt sich in Kleinasien, Syrien und Palästina die jährliche Gedenkfeier zur Auferstehung Jesu am 14. Nissan bis ins 2. und 3. Jahrhundert hinein. Die Kirchen Äthiopiens und Georgiens weisen judenchristliche Einflüsse auf, und die Evangelien der Hebräer, Nazarener und der Ebioniten hatten auf die Entstehung des Islam einen nicht unerheblichen Einfluss. In Syrien behielten die Judenchristen sogar bis ins 5. Jahrhundert ihre Bedeutung bei und haben Auswirkungen im zumindest wurzelverwandten Mandäismus hinterlassen.

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