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Materialdienst 3/2020
Svenja Hardecker und Philipp Kohler

Erweckung aus der "start-up school"?

Die Gründungswelle neucharismatischer Ausbildungsstätten

Seit zwei bis drei Jahren häufen sich in der Beratungsarbeit die Anfragen zu neu gegründeten christlichen Ausbildungsstätten aus dem neucharismatischen Spektrum. Es handelt sich bei den Gründungen um Ausbildungs-, Trainings- oder Jüngerschaftsschulen, die Namen tragen wie zum Beispiel „Schule der Erweckung“, „THS Akademie“, „School of His Power“, „Black Forest Jesus School“, „God Encounter Training School“, „Revival School“, „Theologische Akademie Stuttgart“, „TOS School of Ministry“ oder „Momentum College“. Regelmäßig sorgen die verwendeten Begriffe dabei für Verwirrung, allen voran der Begriff der „Schule“ selbst, der hier – orientiert am englischen Begriff „school“ – sehr viel lockerer angewandt wird als die deutsche Institutionenbezeichnung. Die neuen charismatischen „schools“ richten sich nicht primär an Jugendliche im schulpflichtigen Alter, sondern meist an junge Erwachsene oder seltener auch an Menschen, die schon einen Beruf erlernt haben.

In der Präsentation nach außen bemühen sich einige der Gründungen gezielt um ein Image, das an junge Start-ups im Kreativbereich erinnert.1 Inhalte und Curricula sind häufig nur sehr knapp beschrieben, viel Augenmerk liegt dagegen auf dem Transportieren eines Lebensgefühls für eine Generation, die sich nach übernatürlicher Transformation des eigenen Lebens und der ganzen Welt sehnt.

Womöglich lässt sich, ausgehend von den Anfragen aus der Beratungsarbeit, ein neuer Trend in der neopentekostalen Bewegung ausmachen, der hier unter dem Stichwort „Verschulung“ konzeptuell umrissen, reflektiert und mit Hinweisen zum Umgang und zur Einordnung versehen werden soll. Was also ist mit „Verschulung“ gemeint?

Der Begriff Verschulung beschreibt zunächst einmal die Beobachtung, dass immer mehr neucharismatische Gemeinschaften eigene Ausbildungsstätten gründen.2 Während andere freikirchliche Strömungen die Ausbildung der nächsten Generationen von Gemeindeleitenden weitgehend zentralisiert haben,3 schlägt die neucharismatische Bewegung eine dezentralere Richtung ein. Diese Entwicklung korrespondiert mit dem oft vorherrschenden Idealbild der weitgehend autarken lokalen Gemeinde. Mittlerweile haben selbst kleine Gemeinschaften eine solche Schule gegründet oder empfehlen eine Schule einer anderen neucharismatischen Gemeinschaft.4 Und so vielfältig die Schulen sind, so unterschiedlich ist auch deren Angebot: in der Organisation, in der Struktur sowie in Inhalten und Lehrplan. Große Ähnlichkeiten gibt es hingegen im angestrebten Ziel.

Ziele, Inhalt und Struktur

Ein erster Blick soll deshalb auf das Ziel der Schulen geworfen werden: Welchen Zweck sollen sie erfüllen? Gemeinsam ist ihnen das Anliegen, den „Hunger“5 einer jungen Generation nach mehr Gegenwart Gottes zu stillen. Um diese Sättigung zu erfahren, sollen die Schüler einen übernatürlichen Lebensstil erlernen, der sich in Zeichen und Wundern manifestiert. Dabei rücken die direkte Erfahrung und das Erleben in den Vordergrund und drängen deren Reflexion und Verstehen in den Hintergrund. Zu leben und zu glauben, wie es die Apostel (und Jesus) getan haben, heißt primär, genau das zu tun, was diese auch schon getan haben: Menschen zu heilen, Prophetien zu empfangen und zu Buße und Umkehr aufzurufen. Dieser Fokus wird auch im Konkurrenzkampf um Schüler als das Spezifikum der jeweiligen Schule angegeben. Hier, so das Versprechen der Schule, findet der Schüler einerseits seine wahrhaftige, noch nicht völlig realisierte Identität in Christus, und andererseits lernt er konkret, die damit verbundenen Gaben, in Form von Zeichen und Wundern, in seinem späteren Berufsleben und Alltag anzuwenden.6

Dieser Schwerpunkt schlägt sich auch in den Lehrplänen und den inhaltlichen Schwerpunkten nieder. Im Vordergrund steht die praktische Ausrichtung des Unterrichts. Nachahmung und eigener Vollzug der in den Schulen gelebten Glaubenspraxis sollen zu theologischer Erkenntnis und Bildung führen. Dazu gehört zum Beispiel:

• dass Geistesgaben im Unterricht aktiviert und praktiziert werden sollen,
• dass intensive Lobpreissessions nicht nur die Schüler in die Gegenwart Gottes führen sollen, sondern diesen zugleich auch zeigen, wie sie das bei anderen erreichen können,
• dass durch das Anhören von Predigten gelernt wird, wie Gottes Wort verkündigt werden soll,
• und dass ihnen durch die vielen Evangelisations- und Gemeindeeinsätze die Arbeit in der Gemeinde nähergebracht wird.

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Anmerkungen

1 Vgl. z. B. die Internetauftritte www.momentumcollege.de; www.schuledererweckung.de (Abruf der angegebenen Internetseiten: 6.12.2019).
2 Es gibt daneben einige unabhängige Gemeinden (z. B. FCJG Lüdenscheid), die bereits seit Jahrzehnten eigene Ausbildungsprogramme betreiben, sowie für manche der hier erwähnten „schools“ Vorläuferformate unter anderem Namen.
3 So hat der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden mit der Bibelschule Beröa in Erzhausen eine Ausbildungsstätte, der Bund Freier evangelischer Gemeinden hat seine Ausbildungsstätte in Ewersbach, der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Elstal.
4 Empfehlungen finden sich meist bei Gemeinden, die einem Movement oder Netzwerk angehören (z. B. ICF- oder Hillsong-Gemeinden) bzw. aus demselben Hintergrund stammen (z. B. Absolventen der BSSM, s. u.).
5 Eine auffällige Metapher, die derzeit zu den gängigsten Wendungen in der Szene gehört und in kaum einem Zeugnis und kaum einer Predigt fehlt.
6 So z. B. bei der Schule der Erweckung in Füssen: „Unsere Mission ist es, Deutschland und darüber hinaus mit dem Feuer der Erweckung in Brand zu stecken! Die Schule der Erweckung ist darauf fokussiert, Dich in tiefe Begegnungen mit dem Heiligen Geist zu führen, damit Du Deine Gott gegebene Berufung ausleben kannst. Unser Herz schlägt dafür, dass Du in diesem Jahr in Deine volle Identität in Christus trittst und herausgefordert und ermutigt wirst, dem nach zu gehen, was Gott in Dein Herz gelegt hat. Du wirst in Deiner Beziehung zu Gott wachsen, die Bibel lieben lernen und Dich zu einer leidenschaftlichen Person entwickeln, die weiß, wer sie ist. Es ist uns besonders wichtig, dass jeder Student in einen übernatürlichen Lebensstil von Intimität mit Gott, Zeichen und Wundern, Prophetie und Heilung hineinwächst, um in der Liebe, Wahrheit und Kraft Gottes seinem Umfeld zu dienen“ (www.schuledererweckung.de).

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