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Materialdienst 5/2020
Liane Wobbe

Thich Nhat Hanh und sein Sangha

Vom vietnamesischen Reformbuddhismus zur weltweiten Intersein-Bewegung

Am letzten Sonntag im Monat wird im buddhistischen Zentrum „Suoi Thuong – Quelle des Mitgefühls“ in Berlin-Hermsdorf der Achtsamkeitstag begangen.1 Um 10 Uhr versammeln sich etwa 15 Besucher und Besucherinnen im Meditationsraum zu einer angeleiteten Meditation. Nach etwa 30 Minuten wird mit einem Gongschlag eine Pause eingeleitet mit der Empfehlung, sich nun schweigend durch die Räume zu bewegen. Die Besucher verteilen sich in der Bibliothek, im Garten oder auf dem Balkon, gießen sich Tee ein, nehmen sich ein Buch oder schließen einfach nur die Augen. Beim Schlag der Uhr bleiben alle in der Haltung, in der sie sich gerade befinden und richten ihren Fokus auf den Atem. Mein Blick schweift zwischendurch zu verschiedenen handgeschriebenen Zetteln, die die Gäste daran erinnern, Achtsamkeit in all ihren Handlungen zu üben: vor der Toilette, über dem Wasserhahn, im Speisesaal, beim Abwasch.

Kurz nach 11 Uhr beginnt eine Gehmeditation durch das Hermsdorfer Villenviertel. Schweigend setzen wir einen Fuß vor den anderen. Um uns herum herrscht sonntägliche Stille, die den Meditationsgang unterstützt. Allein der Gesang und die Harmoniumklänge, die aus einer neuapostolischen Kirche dringen, bieten ein kleines akustisches Intermezzo. Wieder im Zentrum angekommen, begeben wir uns in den Meditationssaal, um einem Dharma-Vortrag von Thich Nhat Hanh aus dem Kloster in Waldbröl per Videoübertragung zu lauschen. Der vietnamesische Mönch spricht mit einem weisen Lächeln über seine persönliche Beziehung zu Buddha. Buddha sei für ihn als junger Erwachsener „nur“ ein Lehrer gewesen. Jetzt sei er für ihn Realität, eine Wirklichkeit, die durch Achtsamkeit und das Sich-verbunden-Fühlen mit allen Wesen erfahrbar werde.

Im Speiseraum stehen zahlreiche mitgebrachte vegane Köstlichkeiten bereit. Nun wird das Mittagessen eingenommen, 20 Minuten lang schweigend, sich im achtsamen Essen übend. Danach darf Nachschlag geholt und achtsam gesprochen werden. Nach einem achtsamen Abwasch erfolgen eine letzte Entspannungsübung und ein Austausch zwischen den Besuchern.

Der Lebensweg Thich Nhat Hanhs

Das eben beschriebene Zentrum „Quelle des Mitgefühls“ orientiert sich an der religiösen Praxis des vietnamesischen Mönchs Thich Nhat Hanh, welcher vor allem im Westen als Repräsentant der buddhistischen Lehre hohes Ansehen genießt. Als Zen-Meister, Autor, Poet und Friedensaktivist gehört er zu den wenigen Buddhisten, die seit vielen Jahren bemüht sind, die buddhistischen Aspekte des Mitgefühls in ein soziales, friedensstiftendes und umweltverbesserndes Engagement umzusetzen. Er schrieb darüber mehr als 75 Bücher, die in mindestens 22 Sprachen übersetzt wurden.

Thich Nhat Hanh wurde am 11. Oktober 1926 als Nguyen Xuan Bao in der Provinz Thua Thien Hue (Zentralvietnam) geboren, in einer Zeit, als Vietnam unter französischer Kolonialherrschaft stand. Er wuchs in der Thien-Tradition (vietn. Thien, Meditation, chin. Chan, jap. Zen) auf, einer Mahayana-Tradition, die auch viele Theravada-Elemente enthält.2 Regelmäßige Rezitationen für seine Vorfahren spielten in seiner Kindheit eine große Rolle.3 Das Bild eines meditierenden Buddhas hinterließ bei ihm einen bleibenden Eindruck und wurde bestimmend für seinen Wunsch, Mönch zu werden. So trat er mit 16 Jahren in das Kloster Tu Hieu in Hue ein, welches in der vietnamesisch-buddhistischen Linie des Lam Te (chin. Linji-Chan, jap. Rinzai-Zen) steht und zur Lieu-Quan-Zen-Schule gehört. Mit 18 Jahren wurde er zum Mönch ordiniert und erhielt seinen in der heutigen Form bestehenden Namen.4 1950 gründete er in Saigon das „An Quang Buddhist Institute“ und 1956 in Bsu Danlu ein Waldkloster. Auf der Grundlage von Buddhas Lehrreden zur Achtsamkeit und der Literatur europäischer Philosophen vermittelte er nun einen Buddhismus, welcher eine soziale, pädagogische und politische Umsetzung finden sollte.

Bereits zwischen den 1930er und 1940er Jahren bildeten sich kommunistisch-nationalistische Bewegungen in Vietnam, mit dem Ziel, gegen die französisch-katholische Kolonialregierung zu kämpfen. Mit Beginn des Vietnamkrieges 1955 und der nun einsetzenden Unterdrückung der Buddhisten durch die französische Kolonialregierung entwickelte sich daraus eine Friedensbewegung, die von zahlreichen buddhistischen Nonnen und Mönchen unterstützt wurde. Damit erhielt der Buddhismus in Vietnam als „engagierter“ Buddhismus (vietn. Nhan gian Phat Giao) eine starke politische und soziale Komponente.5

Zu Beginn der 1960er Jahre ging Thich Nhat Hanh für einige Zeit in die USA, lehrte und forschte an der Universität Princeton und der Columbia-University. Als der Krieg in Vietnam immer heftiger wütete, kehrte er Anfang 1964 wieder in seine Heimat zurück und beteiligte sich aktiv an der buddhistischen Friedensbewegung, die von der „Vereinigten Buddhistischen Kirche von Vietnam“6 vorangetrieben wurde. Im Unterschied zu anderen Friedensaktivisten lehrte er seine Schüler jedoch, weder Partei für Süd- noch für Nordvietnam, weder für die Franzosen noch für die Amerikaner zu ergreifen. Des Weiteren ermunterte er sie, nicht den Kommunisten zu folgen, sondern sich in jeglichem sozialen Engagement neutral zu verhalten, um dem Frieden im Land zu dienen.

Gegen die Widerstände konservativer Mönche setzte sich Thich Nhat Hanh für einen Reformbuddhismus ein, der traditionsübergreifenden Charakter besaß. Mit dieser Intention gründete er 1964 das „Institut für Höhere Buddhistische Studien“ in Saigon, aus welchem sich bald die „Van Hanh Universität“ entwickelte. Hier wurden Achtsamkeit und Mitgefühl gelehrt sowie Atemübungen und Zen-Meditation, soziales Engagement, Sprachen, westliche Philosophie und Psychologie. 1965 baute er die „Schule der Jugend für Soziale Dienste“ (SYSS) auf, mit dem Ziel, sich um Kriegsopfer zu kümmern, egal zu welcher Seite sie gehörten. Thich Nhat Hanh schreibt im Blick auf diese Zeit:

„Damals spürten wir Übende in den Klöstern extrem stark, wie sehr die Menschen in unserer Umgebung litten. Als die Bomber einflogen und ihre Fracht über uns abwarfen, hörten wir unsere Landsleute in ihrem Schmerz und ihrer Qual schreien. Wir mussten uns um verwundete Kinder, Flüchtlinge und zerstörte Häuser kümmern. Wir konnten nicht einfach über all das hinwegsehen und still in unserer Meditationshalle sitzen bleiben. Wir mussten hinausgehen und helfen …“7

Seine Anhänger lernten im Krieg, durch Meditation und Achtsamkeitsübungen innere Stärke zu entwickeln. Sie versorgten verwundete und sterbende Menschen, brachten Nahrungsmittel und andere Hilfsgüter in entlegene Kriegsgebiete und halfen beim Wiederaufbau zerstörter Ortschaften. Thich Nhat Hanh schrieb viele Bücher zum engagierten Buddhismus. Das bedeutendste verfasste er 1965 mit dem Titel „Vietnam, a Lotus in a Sea of Fire“.

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Anmerkungen

1 Besuch am 18.8.2019.
2 Die vietnamesische Thiēn-Tradition beginnt im 3. Jahrhundert mit Zen-Meister Tang Hōi, der für eine Synthese von Theravada und Mahayana warb. In den folgenden Jahrhunderten entstanden in Vietnam weitere Zen-Schulen durch chinesische Mönche. Während die Truc-Lam-Schule sich in Nordvietnam ausdehnte, verbreitete sich ab dem 18. Jahrhundert in Zentral- und Südvietnam die Lam-Te-Schule, aus welcher der reformierte Zweig Lieu Quan hervorging. Siehe https://zenbogenschiessen.de/geschichte-des-zen (Abruf der in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten: September 2019).
3 Vgl. Chadelat / Baudouin 2017, 27f.
4 Der Name „Thich“, der die spirituelle Verwandtschaft mit Buddha ausdrückt, und der Dharma-Titel „Nhat Hanh“ (vietn., eine Handlung) sind ihm von seinem Lehrer verliehen worden. Seitdem steht er in der 42. Generation der Lam-Te-Tradition und der achten Generation der Lieu-Quan-Dharma-Linie.
5 Der Katholik Ngo Dinh Diem, welcher 1955 durch Wahlfälschungen an die Macht gelangt war, betrieb mit seinem Bruder bis 1963 eine antibuddhistische Politik und war bestrebt, den Katholizismus in Vietnam zu etablieren. Vgl. Bauschke 2018, 51.
6 Die Vereinigte Buddhistische Kirche von Vietnam wurde 1964 gegründet, um die zersplitterten buddhistischen Gruppen zu vereinen und gemeinsam gegen den Krieg und v. a. gegen die Kolonialregierung zu kämpfen.
7 Hanh 2008, 145.

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