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Materialdienst 5/2020
Kai Funkschmidt

Der Antisemitismus in der "Black Lives Matter"-Bewegung und seine Ursprünge

Anders als in Deutschland wird in englisch- und französischsprachigen Medien zunehmend Kritik an starken antisemitischen Zügen der „Black Lives Matter“-Bewegung (BLM) laut. Die BLM-Proteste, die nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei seiner Verhaftung Ende Mai in Minneapolis begannen, führten unter anderem wegen der aktiven Unterstützung der „Antifa“ vielerorts zu Gewaltausbrüchen, bei denen in den USA nicht nur viele Menschen ermordet wurden, darunter eine ganze Reihe (auch schwarzer) Polizisten und eine junge Mutter, die den Slogan „Black Lives Matter“ mit „All Lives Matter“ beantwortet hatte.1 In ihrem Verlauf artikulierte sich auch Judenhass, und jüdische Einrichtungen wurden angegriffen.

BLM wurde 2013 von drei schwarzen Aktivistinnen gegründet. Auslöser ihres Protests war der Freispruch eines Nachbarschaftswächters, der einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen erschossen hatte. Der Protest richtet sich gegen einen ihrer Ansicht nach systemischen, weit verbreiteten Rassismus und gegen rassistisch motivierte Gewalt der amerikanischen Polizei speziell gegen Schwarze. Denn nur Rassismus könne erklären, dass schwarze Amerikaner, bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil, häufiger von der Polizei getötet werden als Weiße, Latinos und Asiaten. Diese Schlussfolgerung ist allerdings aus mehreren Gründen nicht stichhaltig, wie viele Studien zeigen.2

Zuletzt war die BLM-Bewegung in Straßenprotesten 2016 nach einem weiteren Todesfall aufgeflammt. Im Sommer 2020 erfährt sie erstmals eine große gesellschaftliche, auch kirchliche Unterstützung und verbreitet sich auch international.

Angriffe und Parolen gegen Juden

Die meisten antisemitischen Vorfälle fanden in den USA statt. In Los Angeles wurden jüdische Geschäfte zerstört und geplündert und die Statue des schwedischen Judenretters Raoul Wallenberg (1912 – 1947) geschändet. Mehrere Synagogen wurden beschädigt und mit „Free Palestine! Fuck Israel!“ besprüht.3  Am 1. Juli mischten sich bei Demonstrationen in Washington Hasschöre gegen Israel, das „Kinder ermordet“, mit den BLM-Parolen, während in San Diego jüdische Einrichtungen wie das Haus der Studentenorganisation Hillel angegriffen wurden.4 Der populäre Rapper Ice Cube bekannte sich zu BLM, indem er unter großem digitalen Beifall eine antisemitische Karikatur im Stil des „Stürmers“ postete und dazu schrieb: „All we have to do is stand up [against them] and their little game is over.“ Ice Cube feierte auch Louis Farrakhan, den Gründer der „Nation of Islam“ (auch „Black Muslims“ genannt), einer von Judenhass und antiweißem Rassismus geprägten neureligiösen Gruppe. Zahlreiche Stimmen innerhalb von BLM sehen Parallelen zwischen dem „Genozid“ und den „Lynchings“ der amerikanischen Polizei an Schwarzen und Israels Behandlung der Palästinenser, die sie ebenfalls als Völkermord bezeichnen.

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Anmerkungen

1 Vgl. Alexander Wendt: Sucht ihre Namen, PublicoMag, 30.7.2020, www.publicomag.com/2020/07/sucht-ihre-namen (Abruf der Internetseiten: 10.9.2020).
2 Die vermeintlich überproportionale Todesrate von Schwarzen ist eher eine einzelfallbasierte „gefühlte Wirklichkeit“ als statistisch belegt. (George Floyd vergleichbare Fälle exzessiver Polizeigewalt gegen Weiße wie z. B. Tony Timpa erfahren weit weniger Aufmerksamkeit, was die Wahrnehmung verzerrt.) Zahlreiche seit den 1970er Jahren unabhängig durchgeführte Studien staatlicher und universitärer Einrichtungen widersprechen der Annahme, die Polizei töte unverhältnismäßig mehr Schwarze (zuletzt Universitäten Washington 2015, Maryland 2019, Minnesota 2019). Der Unterschied verschwindet bzw. verwandelt sich sogar ins Gegenteil, wenn man ihn sinnvollerweise nicht in Beziehung zum Bevölkerungsanteil, sondern zur schwarzen Gewaltkriminalitätsrate und den häufigeren Polizeikontakten setzt. Logisch: Die Polizei tötet auch mehr Männer als Frauen und mehr Junge als Alte – aber nicht aus Männer- und Jugendhass. Einige Studien kommen sogar zur gegenteiligen Einschätzung: Polizisten (insbesondere weiße) sind, möglicherweise aus Sorge vor Rassismusvorwürfen, beim Schusswaffeneinsatz gegen Schwarze zögerlicher als gegen Weiße, ein als „reverse racism“ bezeichnetes Phänomen (Lois James, Uni Washington 2015). Der selbst im Schwarzenghetto aufgewachsene Harvard-Ökonom Roland Fryer kommentierte sein Forschungsergebnis so: „Das ist das überraschendste Resultat meiner Karriere“ (An Empirical Analysis of Racial Differences in Police Use of Force, NBER Working Paper No. 22399, July 2016, www.nber.org/papers/w22399). Inzwischen erheben eine Reihe schwarzer Intellektueller öffentlich ihre Stimme gegen BLM. Vgl. Marc Neumann: Denkt genauer nach! Warum sich auch afroamerikanische Intellektuelle gegen den modischen Antirassismus stellen, 30.6.2020, www.nzz.ch/feuilleton/afroamerikanische-intellektuelle-gegen-black-lives-matter-ld.1563701. Unabhängig davon sind die Fragen nach der Härte der amerikanischen Polizei und danach, wie viel Rassismus es dort gibt. Statistiken zeigen Unterschiede, keine Motivationen.
3 Kosher stores, synagogues, vandalized and looted in LA protests, Jerusalem Post, 2.6.2020, www.jpost.com/diaspora/kosher-stores-synagogues-vandalized-and-looted-in-ongoing-la-protests-629895.
4 Vgl. Ari Hoffman: Anti-Israel demonstrations are ruining Black Lives Matter, 2.7.2020, https://forward.com/opinion/450089/anti-israel-demonstrations-are-ruining-black-lives-matter.

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