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Zeitschrift für Religion und Weltanschauung 1/2021
Martin Fritz

Christliche "Querdenker"

Eine innerevangelikale Debatte über die Haltung zur "Anti-Corona-Bewegung"

Das Bild ging durch die Medien: Eine Gasse zwischen zwei großen blauen Fahrzeugen, zwei Wasserwerfern der Polizei, im Hintergrund das Brandenburger Tor. Eine Frau steht einem Polizisten in voller Einsatzmontur samt Helm gegenüber und hält ihm mit der hocherhobenen Rechten ein Kruzifix entgegen. Die Szene hat geradezu ikonische Qualität. Sie zeigt eine Christin im Protest gegen die Staatsgewalt. Sie wurde bei der Anti-Corona-Demonstration am 18.11.2020 in Berlin fotografiert, die aus Anlass der Bundestagsabstimmung über die Reform des Infektionsschutzgesetzes stattfand.

Die Szene verdichtet in einem Bild, was auch zuvor schon einige Irritation ausgelöst hat. So traten im Corona-Jahr 2020 im Zusammenhang von Protesten gegen Anti-Corona-Maßnahmen immer wieder Personen und Gruppen öffentlich in Erscheinung, die mit ihren Bekundungen gegen die „totalitären“ Eingriffe des Staates und gegen die „Meinungsdiktatur“ der „Mainstreammedien“ signifikante Übereinstimmungen mit Äußerungen rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen zeigten – und sich dabei erkennbar auf ihr Christentum beriefen. Auch traten Pastoren oder Gemeindeleiter auf Querdenker-Bühnen auf.1 Aufgrund der neuen Sichtbarkeit von Christen im Widerstand gegen die Staatsgewalt wurde nun in einigen Medien die Frage laut, ob denn von den Frommen in den deutschen „bible belts“ eine ähnliche politische Einflussnahme zu erwarten sei wie in den USA oder ob gar, wie ein Buchtitel von 2018 suggerierte, bereits eine „Unterwanderung der Gesellschaft“ durch „rechte Christen“ stattgefunden habe.2

Daraufhin haben sich einige Repräsentanten des pietistisch-evangelikalen Protestantismus zu Wort gemeldet und Stellung zur sog. Querdenker-Bewegung bezogen. Michael Diener, 2012 bis 2016 Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz, 2009 bis August 2020 Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbands und derzeit Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, betonte in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), nur eine Minderheit von evangelikalen Christen sei für derartige Strömungen ansprechbar. Diese Gruppe sei „klein, aber doch sichtbar“. Sie sehe sich durch bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen marginalisiert (z. B. Abtreibungsgesetze, „Ehe für alle“, Zuwanderung von Muslimen) und nicht mehr durch die aktuelle Regierung vertreten. Daraus resultiere ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den Regierungsmaßnahmen zur Bewältigung der Krise. Hinzu komme bei manchen eine apokalyptische Deutung der Lage, wonach die Pandemie mitsamt den weltweiten Gegenmaßnahmen ein Zeichen für das endzeitliche Wirken des Antichrist sei. Diese Auffassung könne die vorhandene Staatsdistanz noch verschärfen.3

Im Blick auf die Einschätzung Dieners warnt Uwe Heimowski, der Beauftragte der Deutschen Evangelischen Allianz am Sitz des Deutschen Bundestages, vor Verallgemeinerungen. Menschen, die sich aus Glaubensgründen dem Generaltrend der Gesellschaft gegenüber fremd fühlten, dürften nicht pauschal „mit den Querdenkern in eins gesetzt“ werden. „Viele, die bei den genannten Stichworten [also Abtreibung, Ehe für alle, Zuwanderung etc.; M.F.] sehr kritisch sind, halten sich jetzt an die Maßnahmen der Regierung, um andere nicht zu gefährden."4

Der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Frank Heinrich, Mitglied des Hauptvorstands der Deutschen Evangelischen Allianz, äußerte in einem Videogespräch mit Heimowski Verständnis für die allgemeine Verunsicherung in der Gesellschaft. Zudem hätten die Einschränkungen von Freiheitsrechten bei manchen bibeltreuen Christen im Osten Deutschlands Erinnerungen an die DDR-Zeit geweckt. Allerdings sei er wegen seiner Unterstützung des Infektionsschutzgesetzes – ihn hätten 2000 kritische E-Mails erreicht!5 – von Christen in einer aggressiven Weise persönlich angegriffen worden, die er nicht mehr nachvollziehen könne. Er sei nicht nur als „Volksverräter“ beschimpft, sondern es sei ihm auch der Glaube abgesprochen und „das Gericht Gottes an den Hals gewünscht“ worden. Insgesamt aber gelte: Es gebe Gegner und Befürworter der Corona-Maßnahmen in allen Bereichen der Gesellschaft – und so auch unter Evangelikalen.6

Die Deutsche Evangelische Allianz ermahnte Christen in einer Erklärung zu Besonnenheit in der Krise. Es sei „achtsam“ mit dem Grundrecht der „ungestörten Religionsausübung“ umzugehen, daher sollten Christen „auf geltende Ordnungen achten und auf keinen Fall durch Leichtfertigkeit zu einer verstärkten Corona-Verbreitung beitragen“.

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Anmerkungen

1 Z. B. der freie (d. h. nicht dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden zugehörige) Pfingstpastor Christian Stockmann; vgl. dazu Martin Fritz: „Christen im Widerstand“ – Ein Pfingstpastor bei den Berliner Corona-Demonstrationen, in: MdEZW 6/2020, 450 – 453; ferner der in der Schweiz tätige evangelische Pfarrer Lothar Mack; vgl. dazu www.youtube.com/watch?v=wQwR_gF0gCk; außerdem der ehemalige „Fernsehpfarrer“ Jürgen Fliege, vgl. www.br.de/nachrichten/kultur/corona-querdenken-demo-war-kein-gottesdienst-der-grossen-kirchen,SFC0F0X (Abruf der in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten: 22.12.2020).
2 Vgl. Liane Bednarz: Die Angstprediger. Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern, München 2018. – Vgl. auch Marc Röhlig: Stuttgart und das Erzgebirge: Wie die deutschen „Bible Belts“ die Anti-Corona-Proteste befeuern, spiegel-online am 18.11.2020, tinyurl.com/y4tbj7ms; Frank Heindl: Mit erhobenem Kruzifix: Sind christliche „Querdenker“ eine neue Gefahr für unsere Demokratie?, web.de am 3.12.2020, tinyurl.com/y52v4s8a.
3  Vgl. epd-Nachrichten, Zentralausgabe Nr. 225 vom 19.11.2020, 6f; Zentralausgabe Nr. 226 vom 20.11.2020, 3f.
4  Vgl. idea-Pressedienst Nr. 255 vom 8.12.2020, 16 – 20, hier 18.
5  Vgl. zu dieser offenbar konzertierten Aktion Uwe Jahn: Massen-Mails gegen das Infektionsschutzgesetz, mdr-aktuell am 18.11.2020, tinyurl.com/yy68aweh.
6 Vgl. www.youtube.com/watch?v=BGygWkRZXYs; ferner epd-Nachrichten, Zentralausgabe Nr. 226 vom 20.11.2020, 3f.

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