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Materialdienst 1/2013

NAK veröffentlicht ihren neuen Katechismus

(Letzter Bericht: 12/2012, 469; vgl. auch 5/2012, 191f) Lange war daran gearbeitet worden. Immer wieder war in ökumenischen Gesprächen auf ihn verwiesen worden. Oft sollte er die verbindliche Antwort auf die Fragen geben, die im Moment wegen ständiger Weiterentwicklungen der Lehre nur vorläufig diskutiert werden konnten. Am 4. Dezember 2012 endlich wurde er von Stammapostel Wilhelm Leber im Rahmen eines europaweit in NAK-Gemeinden live ausgestrahlten Informationsabends der Öffentlichkeit vorgestellt – der neue Katechismus der Neuapostolischen Kirche (NAK).

Die recht überschaubare Neuapostolische Kirche in Oranienburg, wo ich zu dem Anlass zu Gast bin, ist nur zu drei Vierteln gefüllt, obwohl hier heute die Besucher aus drei NAK-Gemeinden zusammenkommen, denn die Veranstaltung wird nicht überall übertragen. Offenbar ist der Katechismus nicht für alle innerhalb der NAK so wichtig, wie es uns von außen scheint.

Gleich zu Beginn betont der Stammapostel, dass der Katechismus auf Klarstellung dessen, was neuapostolisch gilt, in zwei Richtungen ziele, einerseits nach innen für die Mitglieder, andererseits nach außen gegenüber „anderen Kirchen“. Dementsprechend wird an dem Abend immer wieder das Thema Ökumene hervorgehoben. Dabei fällt auf, dass die NAK-Vertreter wie selbstverständlich von der NAK als einer Kirche, Konfession oder Denomination unter anderen sprechen. Früher hieß es ebenso selbstverständlich, die NAK sei die Kirche Christi, andere Kirchen kamen gar nicht in den Blick. Die Leitung begründet diese Neuerung gegenüber den eigenen Gläubigen mit einer tieferen Einsicht in den biblischen Befund. Es gebe eine „verborgene Kirche Christi“, die aus allen trinitarisch getauften Gläubigen bestehe.

Die Präsentation gestaltet sich dann als Fragerunde mit einigen Amtsträgern. Die Fragen stellt eine neuapostolische Fernsehmoderatorin. Bei der Frage nach der Anerkennung von Ämtern in anderen Kirchen bekennt sie, selbst mit einem Katholiken verheiratet zu sein. Die Antwort von Stammapostelhelfer Jean-Luc Schneider allerdings macht ihr keine große ökumenische Hoffnung. Höflich verklausuliert, aber deutlich heißt es: Mangels Bezugs auf das Apostelamt der NAK sind gültige Ämter in anderen Kirchen nicht vorhanden und darum abgesehen von der Taufe auch keine gültigen Sakramente.

Dominierende Themen des Abends sind außerdem die theologische Fachsprache und das ökumenische Anliegen des Katechismus. Sowohl „Theologie“ als auch „Ökumene“ waren neuapostolisch traditionell negativ konnotiert, hier muss den Gläubigen die Kehrtwende vermittelt werden. Bemerkenswerterweise wird das Thema „Frauen im Amt“ gleich mehrfach angesprochen. Es ist das einzige Mal, dass die Moderatorin nachhakt. Sie entlockt Apostel Wilhelm Hoyer die Antwort, das sei „durchaus denkbar“. In diesem Sinne hat sich auch Leber schon geäußert. Dazu passt, dass das Thema im Katechismus unerwähnt bleibt. Dieses Schweigen bedeutet, dass die jetzige Begrenzung des Amtes auf Männer nicht lehramtlich festgelegt wird. So hält man sich für die Zukunft prinzipiell eine Tür offen.

Nach einer knappen Stunde ist der Info-Abend beendet. In der Gemeinde ist kein nennenswerter Gesprächsbedarf zu erkennen, schnell leert sich die Kirche. Mein Sitznachbar, der sich zur liberaleren jüngeren Generation zählt und eine weitergehende ökumenische Öffnung erhofft hatte, sowie der Gemeindevorsteher bezweifeln eher, dass es in der Gemeinde sehr großen Diskussionsbedarf geben werde. Wahrscheinlich sind andere Themen für das tägliche Gemeindeleben drängender, zum Beispiel der rapide Mitgliederschwund. Kürzlich ist die Zahl der europäischen NAK-Gemeinden auf unter 2000 gefallen, und sehr viele Gemeindefusionen und Kirchenverkäufe stehen noch aus. Neu ist auch ein Zug zur finanziellen Transparenz: Nach einem Finanzskandal mit Millionenverlusten in Nordrhein-Westfalen gingen 2012 mehrere Gebietskirchen dazu über, ihre Haushaltspläne zu veröffentlichen. Erstmals haben die Gläubigen die Möglichkeit, die Haushalterschaft ihrer Amtsträger zu überprüfen.

Mit dem Katechismus kommt ein Prozess zu seinem vorläufigen Ende, der noch unter Stammapostel Richard Fehr begonnen hatte. Das Werk ist die zentrale Lehrgrundlage der NAK und achtmal länger als das Vorgängerwerk „Fragen und Antworten“ (FA), das jahrzehntelang neuapostolische Lehrgrundlage war, aber zuletzt 1992 aufgelegt wurde (kleine Änderungsmitteilung 2005). In den 20 Jahren seither hat sich die NAK in Richtung einer ökumenischen Öffnung entwickelt. Während am Katechismus gearbeitet wurde, hat man gelegentlich Teile vorab veröffentlicht, zum Beispiel das neue Glaubensbekenntnis 2010 und die Ekklesiologie 2011. Diese sparsamen Vorveröffentlichungen führten zu teilweise heftigen Debatten in der einst extrem exklusiven, hierarchischen und nach außen abgeschlossenen Gemeinschaft. Der progressive Flügel fordert massiv Neuerungen ein. Allein die Tatsache, dass sich nach der Vorabveröffentlichung der Ekklesiologie über 700 Amtsträger einem schriftlichen Protest gegen deren exklusiven Anspruch anschlossen, ist ein Hinweis auf einen kulturellen Erdrutsch in der NAK, denn solche Basisdebatten und Proteste waren früher undenkbar. Hier hat das neue Medium Internet eine wesentliche Rolle gespielt (z. B. www.glaubenskultur.de, www.religionsreport.de).

Seit mehreren Jahren befindet sich die NAK im Gespräch mit Landeskirchen, der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). Diese Gespräche litten immer daran, dass nicht klar war, was neuapostolisch gilt. Die sichtbaren Signale waren teilweise widersprüchlich und zeugten von heftigen internen Debatten. Abgrenzende Äußerungen der Kirchenleitung standen neben ökumenisch offenen Lehrveränderungen und dem Eintritt von NAK-Gemeinden als Gastmitglieder in lokale ACKs. Wie viel Exklusivismus sollte bleiben, wie viel Öffnung war zu erwarten? Wenn das Gespräch an diesen Punkt kam, wurde regelmäßig auf den kommenden Katechismus verwiesen, dessen Erscheinen schon für 2008, 2009 und 2011 angekündigt und immer wieder verschoben worden war.

Um das Werk zu würdigen, ist nicht nur zu beachten, was gesagt wird, sondern auch, welche gängigen neuapostolischen Formulierungen und Inhalte nicht mehr darin auftauchen. Bei dieser Betrachtungsweise zeigen sich durchaus substanzielle Veränderungen. Zuerst fällt das Bemühen auf, ökumenisch offen zu formulieren, ohne inhaltlich die eigene Identität aufzugeben. Durchweg nimmt der Katechismus die ökumenischen Öffnungen der NAK in den letzten Jahren nicht zurück, sondern bekräftigt sie, ohne weit darüber hinauszugehen.

Der interne Entstehungsprozess des Katechismus war von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmt. Die vorliegende Fassung spricht aber dafür, dass kritische Anmerkungen, Fragen und Diskussionen mit ökumenischen Partnern und innerhalb der Kirche aufgegriffen wurden. Dies wird in Inhalten und Formulierungen deutlich, die sich um das ökumenische Prinzip bemühen, im Gespräch zunächst das Gemeinsame zu suchen. Wiederholt bezieht sich der Text auf die gemeinsame Tradition der ökumenischen Christenheit. So beginnt das Kapitel „Glaubensbekenntnis“ mit Apostolicum und Nicäa-Constantinopolitanum (2.2), die bisher keine Rolle gespielt hatten. Der früher extreme Absolutheitsanspruch wird relativiert. Die NAK kann von sich auf der institutionellen Ebene als Kirche unter Kirchen sprechen. Sie leitet aus der Zweinaturenlehre Christi eine Art kirchliche Zweinaturenlehre ab. Demnach gebe es eine „verborgene Kirche“ Christi außerhalb ihrer eigenen Mauern, zu der alle getauften gläubigen Christen gehören. Die Kirchengeschichte wird nicht mehr ausschließlich als „apostellose Zeit“ gesehen, sondern es „wirkte auch in der Zeit nach dem Tod der ersten Apostel der Heilige Geist, wenngleich nicht in der ursprünglichen Fülle“ (6.4.2.2). Der neuapostolische „Mehrwert“ wird nur noch komparativisch als gradueller Unterschied ausgedrückt. In der NAK ist die wahre Kirche „am deutlichsten“ verwirklicht (6.5) usw. Da klingt in der katholischen Dogmatik vieles ähnlich. Bei alledem ist die NAK bemüht, ihr Proprium, die lebenden Apostel, zu bewahren. Sie trägt dieses selbstbewusst in die Christenheit ein und beansprucht, die Apostel hätten einen Auftrag Gottes für die gesamte Christenheit. Interessanterweise enthalten die Begründungen der Glaubensartikel ausführliche Bezüge auf die Heilige Schrift. Das ist in einer Kirche, die lange Zeit das Wort der lebenden Apostel über die Bibel stellte, nicht selbstverständlich. Noch 1992 hatte es geheißen: „Das Lesen in der Bibel kann die Wirksamkeit der Apostel ... nicht ersetzen“ (FA 4). Oft erscheinen diese Herleitungen wenig überzeugend, aber immerhin besteht mit der Bibel als tertium comparationis nun die Möglichkeit, über die jeweilige Auslegung ins Gespräch zu kommen und nicht erst über das Endergebnis, die dogmatische Lehraussage.

Auffällig ist das in einem Abschnitt zum Stammapostel. Dieser wurde früher als „Repräsentant des Herrn auf Erden“ (FA 177) geglaubt und hatte „neue Offenbarungen des Heiligen Geistes zu fördern“ (FA 178). Im Katechismus heißt es jetzt: „Der „Heilige Geist [vermittelt] dem Apostolat neue Einsichten über Gottes Wirken ..., die in der Heiligen Schrift zwar angedeutet, aber nicht vollständig enthüllt sind“ (1.3). Hier geht es um ein zentrales ökumenisches Streitthema mit der NAK, die gegenwärtigen Offenbarungen an den Stammapostel. Ob „neue Einsichten“ nur sprachlich oder auch sachlich etwas anderes sind als „gegenwärtige Offenbarungen“, wie es in der Überschrift des Abschnitts noch immer heißt? Neu und potenziell bedeutsam ist jedenfalls, dass diese Einsichten „in der Heiligen Schrift zwar angedeutet, aber nicht vollständig enthüllt sind“. Man kann das so lesen, dass künftige „Einsichten“ des Stammapostels an der Bibel zu messen sind. Besteht damit die Chance, katastrophale Fehlentwicklungen wie die „Botschaft“ des Stammapostels Johann Gottfried Bischoff 1950 künftig zu verhindern? Die NAK wird die Lehre von den gegenwärtigen Offenbarungen im Kern wohl nicht aufgeben, aber darf man hoffen, dass der hier angedeutete Bibelbezug so weiterentwickelt wird, dass das Apostelwort klar der Bibel untergeordnet und daran zu messen ist? Wünschenswert wäre hierbei aber auch, dass die NAK ihr Schweigen bricht und sich endlich zu einer Einordnung der damaligen Ereignisse durchringt. Es wäre aber unfair, nicht auch zu erwähnen, dass Bischoffs „Botschaft“ rückblickend eine singuläre Entgleisung war. In der Praxis ist heute der Offenbarungsempfang des Stammapostels wenig spektakulär – soweit erkennbar, sind es tatsächlich eher Lehrklärungen, „Einsichten“, die im Apostelkollegium diskursiv entstehen.

Diese ersten Eindrücke zeigen: Der NAK-Katechismus schreibt den momentanen Entwicklungsstand der ökumenischen Öffnungen fest. Der Ton ist irenisch, aber ökumenische Stolpersteine bleiben. Die exklusive Ekklesiologie ist gemildert, nicht aufgehoben, das „Entschlafenenwesen“ (Sakramente für Verstorbene) und die detaillierte Zweiklassen-Eschatologie bleiben. Ökumenisch besonders gravierend: Zwar gibt es in der Praxis eine gegenseitige Taufanerkennung. Doch gilt dies bei der NAK nur zum Teil, denn die „Wassertaufe“ muss durch das Sakrament der „Versiegelung“, das nur ein Apostel spenden kann, ergänzt werden.

Ob die Lehrveränderungen – die NAK-Führung spricht lieber von „Schärfungen“ – für die angestrebte Aufnahme als Gastmitglied in die ACK substanziell genug sind, wird nun weiter zu diskutieren sein. Vom 20. bis 22. Februar 2013 werden ACK und EZW hierzu eine Fachtagung für Weltanschauungs- und Ökumenereferenten der ACK-Kirchen veranstalten. Für diese Gespräche bietet der Katechismus eine feste Grundlage, und das ist unabhängig vom Inhalt ein Fortschritt.

Kai Funkschmidt

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