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Materialdienst 4/2018
Wolf Krötke

Karl-Marx-Jahr 2018: Was bleibt vom Marxismus?

Rückblick und Ausblick aus der Sicht evangelischer Theologie

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1 Der Anspruch des Marxismus: die Welt verändern

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ So steht die 11. Feuerbachthese von Karl Marx auch heute noch wie in realsozialistischen Zeiten seit 1953 in goldenen Lettern auf Marmorgrund im Foyer der Berliner Humboldt-Universität. Als nach 1989 mit der „Veränderung der Welt“ Schluss war, welche die Staatspartei SED im Osten Deutschlands vierzig Jahre lang betrieben hatte, kam verständlicherweise die Forderung auf, diesen Spruch als Eingangstor zu einer Stätte der Wissenschaft, die ohne Interpretieren der Zeugnisse menschlichen Forschens und Geisteslebens nicht sein kann, zu entfernen. Diese Forderung hat sich nicht durchgesetzt. Da half auch nicht der Hinweis, dass der Spruch in der Form, die ihm Friedrich Engels gab, gar nicht von Marx stammte und von ihm auch nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war. Denn Engels hatte den Gegensatz zwischen Interpretieren und Verändern durch die Hinzufügung eines „aber“ noch verschärft. Bei Marx selbst hieß es: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern“.

Das trifft durchaus – wie wir gleich noch sehen werden – einen Nerv des Denkens von Karl Marx. Aber es trifft kaum die Inanspruchnahme dieses Satzes, den die SED nach 1953 auch 1964 in der Karl-Marx-Erinnerungsstätte in Berlin-Stralau in Sandstein schlitzen ließ. Denn dass Marx die gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinn hatte, welche in der DDR etabliert wurden, lässt sich im Grunde aus keinem Text des Werkes von Marx schlüssig begründen.

Die Humboldt-Universität von heute hat dieses Problem trickreich durch eine künstlerische Installation umschifft, indem sie die Treppen zum Marx-Engels-Spruch mit der Warnung „Vorsicht Stufe“ versehen hat. Die Absicht dabei ist, dass dieser vergoldete Spruch „als Denkmal geschützte Provokation“ und „gleichzeitig als Zeichen historischer Toleranz und innerer Befriedung eines ehemals gespaltenen Landes“ wahrgenommen werden soll.2 Das ist eine edle Absicht. Sie erfüllt insofern auch ihren Zweck, als man stutzt, wenn man die Treppen zu diesem Satz emporsteigt und so vielleicht angehalten wird, darüber nachzudenken, was er bedeutet und was unter Berufung auf ihn an Gesellschaftsveränderung in der DDR ins Werk gesetzt wurde.

Ob der Satz allerdings zu „historischer Toleranz“ und „innerer Befriedung“ von Menschen im wiedervereinigten Deutschland aufruft, lassen wir hier dahingestellt sein. Denn er ist so, wie ihn die SED verstand, aggressiv. Er blockiert das niemals abgeschlossene freie Fragen und Forschen nach dem Woher und Wohin der Gesellschaft und unseres eigenen Lebens. Marx selbst verstand zwar seine Analyse der ökonomischen Verhältnisse der kapitalistischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts als das „aufgelöste Rätsel der Geschichte“3. Doch eine praktische Verwirklichung dieser Auflösung war für ihn Zukunftsmusik. Es „kömmt“ erst „darauf an“, es zu verwirklichen! Die Inanspruchnahme der 11. Feuerbachthese durch die marxistisch-leninistische Weltanschauung aber besagte: Das „aufgelöste Rätsel der Geschichte“ wird schon gegenwärtig verwirklicht. Es kommt jetzt nur noch darauf an, es mit der Macht des sozialistischen Staates in der Gesellschaft durchzusetzen.

Im Jahr 2018, in dem sich der Geburtstag von Karl Marx zum 200. Mal jährt, unterliegt diese Inanspruchnahme von Marx allseits der Kritik. Er soll von dem Ruch befreit werden, der Inspirator von unterdrückenden Gesellschaftssystemen zu sein, die es im sogenannten „Ostblock“ die Menge gab und die heute in Nordkorea oder Kuba in unterschiedlicher Weise noch auf dem Plane sind. Dieses Bemühen ist berechtigt, weil Marx selbst die proletarische Revolution als den Anbruch eines „Reiches der Freiheit“ erhoffte.

Verhältnismäßig gering scheint gegenüber den vielen und durchaus sehr unterschiedlichen Würdigungen von Karl Marx in diesem Gedenkjahr aber die Lust von Theologie und Kirche zu sein, sich nach dem Endes des Lutherjahrs nun mit ihrem Verhältnis zu Marx und zum Marxismus ausführlicher zu beschäftigen. Das erstaunt ein bisschen. Dieses Verhältnis war nämlich in der Zeit, als der Marxismus-Leninismus fast die halbe Welt beherrschte, so intensiv, dass man sich fragen muss, ob das denn nicht wenigstens Spuren hinterlassen hat, die auch heute im Leben unserer Kirche zu bemerken sind.

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Anmerkungen

1  Sonntagsvorlesung in der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Nordend am 28. Januar 2017. Zur ausführlichen Darstellung der Marx- und Marxismus-Rezeption in Theologie und Kirche in der Zeit der deutschen Teilung verweise ich auf meine Beiträge in dem Band: Die Kirche im Umbruch der Gesellschaft. Theologische Orientierungen im Übergang vom „real existierenden Sozialismus“ zur demokratischen, pluralistischen Gesellschaft, Tübingen 1994, sowie auf: Karl Barth und der Kommunismus. Erfahrungen mit einer Theologie der Freiheit in der DDR, Zürich 2013.
2 www.hu-berlin.de/de/foerdern/was/erfolge/kunst_foyer.
3 Ökonomisch-philosophische Manuskripte, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 40, hg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1956, 536.

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