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Materialdienst 4/2018
Karl-Heinz Paqué

Karl Marx: Was bleibt vom "Kapital"?

Zehn Thesen und ein Fazit

Die im Folgenden dokumentierten Thesen und das Fazit entstammen einem Vortrag des Wirtschaftswissenschaftlers Karl-Heinz Paqué am 24. Januar 2018 im Theologischen Konvikt Berlin. Wolf Krötke, der Autor des vorstehenden Beitrags, hat die Thesen zur Ergänzung seines Textes angefügt.



A. Marx und seine Folgen im Rückblick

1. Wissenschaft: Marx lag falsch. „Das Kapital“ ist ein grandioses Werk der volkswirtschaftlichen Theoriegeschichte. Seine zentralen Thesen und Prognosen können aber heute als widerlegt gelten. Insbesondere seine Lehre des objektiven (Arbeits-)Werts der Waren sowie das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate, der zum Niedergang des Kapitalismus führt, wurden nicht bestätigt.

2. Philosophie: Marx versuchte Unmögliches. Karl Popper warf Marx (wie schon Hegel) zu Recht vor, ein „Historizist“ zu sein, d. h. zu versuchen, eherne Gesetze der Geschichte nachzuweisen – aufgrund von theoretischen Überlegungen und historischen Spekulationen. Eben dies ist nach Poppers kritisch rationalistischer Auffassung unmöglich. Vieles spricht dafür, dass Popper recht hat.

3. Zeitgeschehen: Marx war Gelehrter der Industrialisierung. Marx war kluger Zeitzeuge der gewaltigen Kapitalbildung („Akkumulation“) im Zuge der industriellen Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Seine Lehren sind deshalb – stärker als die anderer großer Ökonomen – geprägt durch seine Beobachtungen, die er mit höchst weitreichender theoretischer Fantasie verarbeitete. Darin liegen aber auch ihre Grenzen.

4. Politik: Die Praxis des Marxismus ist gescheitert. Auf Marx geht die Idee der sozialistischen Revolution zurück. Kern war dabei die „Vergesellschaftung“ der Produktionsmittel sowie die Abschaffung der Marktwirtschaft zugunsten einer Zentralverwaltungswirtschaft. Diese scheiterte in der Praxis an Ineffizienz und Innovationsschwäche. Politisch brachte sie ein hohes Maß an Freiheitsbeschränkung.

5. Erbe: Postsozialistische Länder haben es weiter schwer. Seit den 1990er Jahren gibt es nur noch vereinzelt sozialistische Staaten mit zentraler Wirtschaftsverwaltung – zu nennen sind Kuba, Nordkorea und Venezuela. Jene Länder, die von der Staats- zur Marktwirtschaft übergingen, haben mit langfristigen „Flurschäden“ als Erbe zu kämpfen. Dazu zählt auch der Osten Deutschlands als Nachfahre der DDR.

B. Marx und die heutigen Herausforderungen

6. Wissen und Technologie sorgen für globales Wachstum. Triebkraft des Wachstums moderner Volkswirtschaften ist nicht mehr die Akkumulation von Kapital im Sinne von Marx. Für den Fortschritt sorgen stattdessen Forschung und Entwicklung, die marktwirtschaftlich gelenkt und vielerorts staatlich gefördert werden. Dies gilt für reife „Industrieländer“, aber auch für „emerging market economies“. Diese holen auf.

7. Die Globalisierung fördert Wachstum, aber auch Instabilität. Alle Märkte, aber vor allem die Finanzmärkte sind zunehmend weltweit integriert – dank auch der gewaltigen Fortschritte der Digitalisierung. Dies schafft für alle Länder große Chancen, aber auch neue Risiken der spekulativen Blasen. Diese gab es zwar auch im 19. Jahrhundert zu Zeiten von Marx; sie waren aber industriegetrieben und eher national begrenzt.

8. Gefährliche Marktmacht entsteht durch weltweite Netzwerke. Die Digitalisierung sorgt für neue Geschäftsmodelle. Es entstehen globale Großkonzerne der Informationstechnologie, deren Kapital aus Wissen (und nicht Anlagen) besteht. Dies schafft eine neue Dimension von Marktmacht. Der Finanzbedarf ist dabei geringer als zu Zeiten von Marx. Dies führt – zusammen mit demografischen Trends – zu weltweit niedrigen Zinsen.

9. Es gibt Tendenzen zur Spaltung der Gesellschaft. Digitalisierung und Globalisierung bergen die Gefahr in sich, die Gesellschaft zu spalten. Darunter leidet heute – anders als zu Zeiten von Marx – die Mittelschicht, deren intellektuelle Routinearbeit durch Informationstechnologie oder Standortverlagerung bedroht ist. Komplexe Führungsaufgaben, aber auch persönliche Dienstleistungen sind weniger betroffen.

10. Globale ökologische Grenzen verlangen Zusammenarbeit. Die Größe der Weltbevölkerung und der steigende Pegel ihres Entwicklungsniveaus führen die Weltwirtschaft an die ökologischen Grenzen. Dies ist eine relativ neue Entwicklung, noch unvorstellbar zu Zeiten von Marx. Es bedarf deshalb multilateraler Abkommen u. a. zur Stabilisierung des Ausstoßes von Treibhausgasen und zur Rettung der Weltmeere.

C. Fazit: Lebenschancen statt Revolution

Karl Marx war ein großer Intellektueller mit großen Gedanken. Aus seinen Irrtümern und deren gesellschaftlichen Folgen haben wir – hoffentlich – eines gelernt: Im Zeitalter der Globalisierung müssen die Herausforderungen durch Reformen, nicht Revolutionen bewältigt werden. Das Ziel (frei nach Ralf Dahrendorf): für mehr Menschen mehr Lebenschancen.

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