publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 7/2018
Bernd Harder

Schattenstaat und Puppenspieler

Über den Umgang mit Verschwörungstheorien

Anfang 2018 veröffentlichte die bayerische Kabarettistin Lisa Fitz im YouTube-Kanal des bekannten Verschwörungstheoretikers Heiko Schrang1 ihren Song „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Darin schwadroniert sie über „den Schattenstaat“ und „die Puppenspieler“ hinter den Kulissen des Weltgeschehens und nennt an erster Stelle der „Schurkenbanken“ und „Gierkonzerne“ die Rothschilds.2 Journalisten von Welt, Abendzeitung, Frankfurter Rundschau und andere warfen Fitz vor, antisemitische Klischees zu bedienen und mit Codewörtern wie „Rothschilds“, „Goldman Sachs“ oder „Soros“ eine Weltverschwörung des „Finanzjudentums“ zu attribuieren. Die Künstlerin verteidigte ihren monochromen Sprechgesang als „politisches Lied in der Tradition von Wolf Biermann und François Villon“ und beschimpfte Kritiker via Twitter als „depperte Baggage“.

Ob Lisa Fitz „tatsächlich Antisemitin ist und auf diverse Verschwörungstheorien abfährt“, ist schwierig zu beurteilen.3 Fraglos aber durchzieht konspirologisches Denken sowohl das Video als auch die Repliken der Sängerin auf diesbezügliche Vorhaltungen. In der Auseinandersetzung um „Ich sehe was, was du nicht siehst“ bündeln sich wie in einem Brennglas typische Argumentationsmuster der verschwörungsfreundlichen Szene. Ein Abgleich mit dem aktuellen Forschungsstand zum Thema Verschwörungstheorien bringt eine Reihe von gängigen Falschbehauptungen zutage und dekonstruiert zugleich die forschen Selbstbewertungen von Verschwörungstheoretikern: „Übrigens hat den Begriff ‚Verschwörungstheorie‘ die CIA erfunden in der Zeit des Kennedy-Mordes, weil ihr die Zweifler an der offiziellen Einzeltäter-Version zu zahlreich wurden“, erklärte Fitz in einem Gespräch mit dem Donaukurier.4

Zahlreiche „alternative“ Webseiten wie RT Deutsch5 oder Pravda TV6  behaupten, der Begriff „conspiracy theory“ sei vom amerikanischen Geheimdienst CIA geschaffen worden, um Kritiker des Warren-Reports (nach dem John F. Kennedy von Lee Harvey Oswald als alleinigem Täter erschossen wurde) zu diskreditieren. Als „Beweis“ dient ihnen ein CIA-Dokument mit der Nummer #1035-960 aus dem Jahr 1967. Darin werde das Wort „Verschwörungstheoretiker“ als „Kampfbegriff der psychologischen Kriegsführung“7 etabliert. Beides ist falsch.

Keine CIA-Erfindung

Im deutschsprachigen Raum findet sich das Wort „Verschwörungstheorie“ bereits 1787 im Journal für Freymaurer. Der englische Begriff „conspiracy theory“ ist für das Jahr 1869 belegt.8  In amerikanischen Zeitungen kursierte der Begriff um 1880, und zwar im Zusammenhang mit der Aufklärung von Verbrechen. Bei einem ungelösten Todesfall stellten Ermittler zum Beispiel eine „suicide theory“, eine „murder theory“ und eine „conspiracy theory“ einander gegenüber – letztere keineswegs abwertend, sondern als gleichrangige Option beziehungsweise Beschreibung des unerkannten Zusammenwirkens mehrerer Personen. Als 1967 die CIA das Dokument #1035-960 herausgab, war der Begriff „Verschwörungstheorie“ längst mit einer delegitimierenden Komponente versehen worden. Als federführend hatten sich hierbei der Philosoph Karl Popper („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, 1945) und der US-Historiker Richard Hofstadter („The Paranoid Style in American Politics“, 1965) hervorgetan. Popper etwa bezeichnete Verschwörungstheorien als „primitive Art des Aberglaubens und säkularisierte Dämonologie“.

Es ist zwar korrekt, dass das CIA-Dokument #1035-960 Argumente enthielt und Material bereitstellte, um die damals populären Verschwörungstheorien zum Kennedy-Attentat zu entkräften. Dafür klinkten sich die Geheimdienstler aber bloß in das geistige und gesellschaftliche Klima jener Zeit ein. Weder ist das Wort „conspiracy theory“ ein Neologismus der CIA noch brachte erst die prominente US-Bundesbehörde den Ausdruck in Verruf.

Delegitimierender Begriff?

Sogar die Befürchtung mancher Experten auf Diskursebene, mit dem Wort „Verschwörungstheorie“ würden entweder Spekulationen über möglicherweise reale Verschwörungen vorschnell delegitimiert, da der Begriff „Verschwörungstheorie“ eher negativ konnotiert ist und abwertend verwendet wird, oder aber im Gegenteil abstruse Gedankengebäude grundlos als wissenschaftliche Theorien geadelt, scheint an der Lebensrealität vorbeizugehen. Der Begriff ist offenbar keineswegs so stark normativ aufgeladen, wie dies herbeigeredet wird.

Der Psychologe Michael Wood von der Universität Winchester bat Versuchspersonen, verschiedene Szenarien nach ihrem Wahrheitsgehalt zu beurteilen.9 Er präsentierte diese Darstellungen entweder als „Idee“ oder als „Verschwörungstheorie“. Für die Probanden spielte die Titulierung mehrheitlich keine Rolle. Sie machten bei der Bewertung des Wahrheitsgehalts keinen Unterschied zwischen einer Idee und einer Verschwörungstheorie. Unter anderem deswegen spricht wenig dagegen, „Verschwörungstheorie“ und „Verschwörungstheoretiker“ weiter zu verwenden – auch wenn in der Forschung umstritten ist, ob es sich bei Verschwörungstheorien um „Theorien“ im akademischen Sinne handelt. Ja – meint etwa der Tübinger Kulturhistoriker Michael Butter10, denn „subjektiv leisten Verschwörungstheorien, was man von Theorien im Allgemeinen erwartet: Sie erklären einerseits bereits Geschehenes und erlauben andererseits Vorhersagen über die Zukunft“. Nein – sagt der Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber11, da Verschwörungstheorien nicht durch gegenteilige Beweise korrekturfähig, also nicht falsifizierbar, seien.

Verschwörungsmythen statt -theorien?

Aus dieser konträren Sichtweise wird zugleich deutlich, dass es derzeit keine allgemein akzeptierte Definition gibt, was eine Verschwörungstheorie eigentlich ist. Daher ist in diesem Beitrag weiterhin durchgehend von „Verschwörungstheorien“ die Rede. Nicht nur wegen der etablierten Gebräuchlichkeit des Begriffs, sondern auch, weil Umbenennungen wie zum Beispiel „Verschwörungsmythen“, „Verschwörungsnarrative“, „Verschwörungsideologien“ oder Ähnliches das reale Gebaren und die Geisteshaltung von Verschwörungstheoretikern noch viel weniger treffend abbilden. Denn natürlich lenken Verschwörungstheorien auch vom Alltag ab, beschäftigen unsere Fantasie, lassen das Leben interessanter erscheinen, glänzen mit dem potenziell Möglichen und können deshalb gleichermaßen als „gute Geschichten“ oder Mythen betrachtet werden, die Sinn stiften und die Welt strukturieren. Das ist aber nicht der Anspruch von Verschwörungstheoretikern, die sich zu „Querdenkern“, „Aufklärern“ oder „Wahrheitssuchern“ stilisieren – und damit durchaus eine semantische Beziehung zu dem Begriff „Verschwörungs-Theorie“ herstellen. Warum sie die Titulierung als „Verschwörungstheoretiker“ in aller Regel empört zurückweisen, ist nicht ganz leicht nachzuvollziehen. Möglicherweise liegt es daran, dass sie selbst ihre Weltwahrnehmung und ihr Argumentationsmuster in Verruf gebracht haben.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Vgl. www.psiram.com/de/index.php/Heiko_Schrang.
2 www.youtube.com/watch?v=XT8rb56jn8s.
3 www.hogn.de/2018/04/11/1-da-hogn-geht-um/nachrichten-niederbayern/lisa-fitz-antisemitismus-scharfrichter-haus-passau-balandat-ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst-kommentar/108246.
4 www.donaukurier.de/nachrichten/kultur/Eggenfelden-Wie-haben-Sie-das-gemeint-Frau-Fitz;art598,3671818.
5 https://deutsch.rt.com/international/48754-jahrestag-keule-cia-verschworungstheorie-usa-kennedy.
6 www.pravda-tv.com/2017/04/jahrestag-einer-keule-wie-die-cia-vor-50-jahren-den-begriff-verschwoerungstheoretiker-erfand.
7 www.westendverlag.de/kommentare/jfk-und-die-erfindung-des-kampfbegriffs-verschwoerungstheorie.
8 Vgl. www.psiram.com/de/index.php/Verschwörungstheorien_zur_Herkunft_des_Begriffs_Verschwörungstheorie.
9 Vgl. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/pops.12285.
10 Michael Butter: „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien, Berlin 2018.
11 Vgl. Armin Pfahl-Traughber: Bausteine zu einer Theorie über Verschwörungstheorien – Definitionen, Erscheinungsformen, Funktionen und Ursachen, in: Helmut Reinalter: Verschwörungstheorien. Theorie, Geschichte, Wirkung, Innsbruck 2002.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sowie die Jahresregisterhefte 1970-2017 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!