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Materialdienst 9/2018
Hanna Fülling

Religiöse Identität in einem "Staat ohne Gott"

Debatten um Kreuzerlass und Neutralitätsgesetz zeigen gesellschaftliche Konfliktlinien auf

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Religionspolitische Fragestellungen sind aktuell Gegenstand zahlreicher öffentlicher Diskussionen. Dies hat sich kürzlich erneut an den Debatten über die Kreuzpflicht in bayerischen Behörden oder über das Berliner Neutralitätsgesetz bestätigt. Die Intensität, mit der Diskussionen dieser Art ausgetragen werden, zeigt, wie relevant der Umgang mit Religion für die Selbstvergewisserung unserer Gesellschaft ist. Zudem offenbaren die Problemstellungen und diskursiven Verläufe solcher Kontroversen gesellschaftliche Konfliktlinien, die es aufzudecken und zu besprechen gilt.

Religiöser Wandel

Zuletzt hat das amerikanische Pew-Forschungsinstitut im Mai 2018 eine solche Studie mit dem Titel „Christ sein in Westeuropa“ herausgegeben. Das Institut hat 24000 Telefoninterviews mit zufällig ausgewählten Erwachsenen in 15 westeuropäischen Ländern geführt und dabei unter anderem folgende Frage gestellt: „Welcher Religion fühlen Sie sich derzeit zugehörig, wenn überhaupt? Sind sie Christ, Moslem, Jude, Buddhist, Hindu, Atheist, Agnostiker oder gehören Sie einer anderen bzw. keiner religiösen Gemeinschaft an?“ 71 Prozent der Befragten in Deutschland gaben an, sich als Christen zu verstehen. In Österreich, Irland und Italien waren es sogar 80 Prozent.

Das amerikanische Forschungsinstitut hat diese Zahlen durch eine Unterscheidung in praktizierende und nicht praktizierende Christen ausdifferenziert. Für Deutschland wurde so etwa ermittelt, dass von den 71 Prozent der Menschen, die sich als Christen verstehen, 22 Prozent praktizierende und 49 Prozent nicht praktizierende Christen seien. Einen „praktizierenden Christen“ bestimmt das Forschungsinstitut als Kirchgänger, der mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besucht. Demnach wird die Qualifizierung der Christen an die Quantität der Gottesdienstbesuche geknüpft. Diese Definition ist zwar nicht unüblich, sie ist jedoch nur sehr begrenzt geeignet, um die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des christlichen Glaubens vollständig abzubilden.

Dass das christliche Selbstverständnis der 71 Prozent aber tatsächlich keinen Rückschluss auf eine vorhandene Religiosität oder Spiritualität zulässt, will die Studie des Pew-Forschungsinstituts durch eine weitere Nachfrage belegen: Bei der Frage, ob man sich als religiös, spirituell, als religiös und spirituell oder als weder religiös noch spirituell einstuft, gaben 24 Prozent der Befragten in Deutschland an, religiös und spirituell zu ein, 17 Prozent beschrieben sich als ausschließlich religiös, 6 Prozent als ausschließlich spirituell, und 53 Prozent klassifizierten sich als weder religiös noch spirituell. Bezieht man diese Erhebung auf den Prozentsatz der Menschen, die sich selbst als Christen verstehen, fällt eine Diskrepanz von über 20 Prozent auf. Demzufolge scheinen viele Befragte in Deutschland ihr Christsein nicht mit Religiosität oder Spiritualität, sondern mit anderen Markern zu verbinden.

Einen Hinweis darauf, welche Marker dies sein könnten, gibt eine Studie vom Institut für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2017. Die Umfrage zeigt, dass 63 Prozent der Befragten Deutschland durch das Christentum und christliche Werte geprägt sehen.2 Gert Pickel, Professor am Institut für Praktische Theologie an der Universität Leipzig, bewertet diese Zahlen allerdings mit Vorsicht. Er betrachtet sie weniger als eine Rückbesinnung auf die christliche Kultur, sondern vielmehr als eine Abgrenzung von der muslimischen Kultur.3 Den Grund, warum die christliche Tradition die kollektive Identität der Deutschen anscheinend so wesentlich markiert und keine säkulare Identität bevorzugt wird, sieht Pickel vor allem darin, dass in Deutschland keine säkulare Identität vorhanden sei, die mit der religiösen Identität von Muslimen in Konkurrenz treten könnte.4

Dass eine solche Selbstvergewisserung durch den Bezug auf Religion auch unter Muslimen zu beobachten ist, belegt die Studie von Detlef Pollack (u. a.) über Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland. Die Studie zeigt, dass die Zustimmung zu wöchentlichen Moscheebesuchen von 32 Prozent in der ersten auf 23 Prozent in der zweiten und dritten Einwanderergeneration fällt. Dagegen steigt jedoch die religiöse Selbsteinschätzung von 61 Prozent in der ersten auf 72 Prozent in der zweiten Einwanderergeneration an.5 Pollack (u. a.) interpretiert diese Zahlen weniger als Beleg für eine „‚tatsächlich gelebte‘ Religiosität“, sondern vielmehr als „ein demonstratives Bekenntnis zur eigenen kulturellen Herkunft“.6 Es ist notwendig zu fragen, welche Implikationen mit solchen Zahlen verbunden sind. Die genannten Erhebungen legen zunächst einmal nahe, dass für einen Teil der Deutschen der Umgang mit kultureller Pluralität in der Strategie kultureller Selbstvergewisserung zu bestehen scheint.

Einen Konfliktverlauf zwischen den Kulturen hat Samuel Huntington ausführlich in seinem 1996 erschienenen Buch „Kampf der Kulturen“ für die Weltpolitik das 21. Jahrhunderts prognostiziert.7 Obgleich vor allem Huntingtons Kulturtheorie aufgrund der Homogenisierung und Harmonisierung von Kulturen berechtigte Kritik erfahren hat, halten sich Grundzüge seiner Theorie, etwa dass die vorpolitischen Grundlagen von Zivilisationen in Gestalt eines zunehmenden Einflusses von Religionen und Weltanschauungen an Bedeutung gewinnen, heute hartnäckig und scheinen allen Säkularisierungsdebatten zu trotzen. Allerdings erlauben die Zahlen auch eine andere Interpretation. Liest man den Bezug auf Religion primär als kulturelle Selbstvergewisserung, kann dies auch als Bedeutungsverlust des Religiösen in der Religion interpretiert werden. Die Gegenüberstellung von Christentum und Islam kann dann auch als Zurückweisung einer im öffentlichen Raum stark sichtbaren, praktizierten Religion gedeutet werden.

Das staatliche Neutralitätsgebot als integrative Ressource

Die Unruhe, welche die Pluralisierung in der Gesellschaft hervorruft, erstreckt sich auch auf Fragen nach der religionspolitischen und religionsrechtlichen Ausrichtung des Staates. Einen wichtigen Diskursbeitrag, der um Orientierung in diesem Feld bemüht ist, stellt das Buch „Staat ohne Gott. Religion in der säkularen Moderne“ des Rechtswissenschaftlers Horst Dreier dar. Dreier untersucht darin die Grundstrukturen und Grundfragen des säkularen Staates. Den Staat ohne Gott definiert er als säkularen Staat, der Religion zwar nicht zurückweist, sie aber nicht länger als „Fixpunkt und Legitimationsanker politischer Herrschaft“8  begreift. Als einen zentralen Schlüsselbegriff des säkularen Staates bestimmt Dreier die religiös-weltanschauliche Neutralität. Obwohl das Neutralitätsgebot im Grundgesetz nicht explizit vorkommt, sind sich Staats- und Verfassungsrechtler über seine zentrale Bedeutung einig. Sie wird üblicherweise als „objektiv-rechtliche Kehrseite“9  der Religionsfreiheit betrachtet. Dass sie jedoch nicht einfach eine Dopplung der Religionsfreiheit darstellt, werde an solchen Staaten deutlich erkennbar, die zwar die Religionsfreiheit garantieren, aber dennoch staatskirchenähnliche Strukturen haben – wie etwa Dänemark oder England.

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Anmerkungen

1 Der Ausdruck „Staat ohne Gott“ rekurriert auf das gleichnamige Buch von Horst Dreier: Staat ohne Gott. Religion in der säkularen Moderne, München 2018. Vgl. die Rezension in MD 7/2018, 277-279.
2 Vgl. Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach: Der lange Abschied vom Christentum, FAZ, http://plus.faz.net/faz-plus/politik/2017-12-20/der-lange-abschied-vom-christentum/94165.html (Abruf der in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten: 7.7.2018).
3 Vgl. Gert Pickel im Interview mit Susanne Fritz im DLF, www.deutschlandfunk.de/demoskopie-hauptsache-nicht-islamisch-das-ist-christlich.886.de.html?dram:article_id=406504.
4 Vgl. ebd.
5 Vgl. Detlef Pollack u. a.: Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland. Repräsentative Erhebung von TNS Emnid im Auftrag des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster, Münster 2016, 13.
6 Ebd.
7 gl. Samuel P. Huntington: Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München/Wien 61997.
8 Dreier: Staat ohne Gott (s. Fußnote 1), 13.
9 Ebd., 97.

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