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Materialdienst 9/2018
Hans Peter Weiß-Trautwein

Die öffentliche Selbstinszenierung des Gospel Forums

Analyse des Internetauftritts der Stuttgarter Gemeinde

Man kann sich der Werbung für das Gospel Forum im öffentlichen Raum Stuttgarts nicht entziehen. Das Gospel Forum ist eine typische neopentekostale Gemeinde mit weit ausstrahlender Resonanz und Präsenz.1 Zugleich werden zahlreiche kritische Fragen an die Gemeinde gestellt. Das Gospel Forum war und ist Gegenstand kritischer Berichterstattung bis in die öffentlichen Medien hinein.2 Auch die landeskirchliche Weltanschauungsarbeit hat eine kritische Haltung gegenüber dem Gospel Forum entwickelt, über die allgemeine Kritik an der pentekostalen Bewegung hinaus.3 Auf dem Hintergrund dieses ambivalenten Erscheinungsbildes und Erfahrungen in der Seelsorge mit Betroffenen wird im Folgenden die Selbstdarstellung der Gemeinde im Internet genauer betrachtet.


Es ist eine Binsenwahrheit, dass die Bedeutung des Internets, des modernen Marktplatzes der Informationen, enorm zugenommen hat und weiter zunehmen wird.4 Als Marktplatz ist das World Wide Web öffentlich. Wer eine Website ins Netz stellt, bietet quasi seine Ware Information für alle sichtbar an, abgesehen natürlich von nicht zugänglichen, geschützten Bereichen, die vor allem der persönlichen Kommunikation dienen. Ein allgemein zugänglicher Internetauftritt verfolgt das Ziel, Menschen zu erreichen und Informationen über den Anbieter zu präsentieren. Er ist öffentliche Selbstinszenierung.

Kriterien zur Beurteilung einer Internetpräsenz

Im Bereich des Webdesigns unterscheidet man in der Regel drei Ziele der Anbieter5: 1. Präsentation der eigenen Organisation („Visitenkarte“). 2. Werbung für die eigene Sache oder das Produkt und dessen Vertrieb, Ausbreitung von Ideen. 3. Plattform zum Informationsaustausch. Der dritte Punkt wird immer wichtiger, auch im Sinne des Web 2.0, also der vom Nutzer mitgestalteten Inhalte.

Aufseiten der Internetnutzer steht, nach der persönlichen Kommunikation, statistisch gesehen die Suche nach Informationen an erster Stelle. Die häufigsten Nutzungsarten fallen in diese Rubrik.6

Erfolgskriterien für Internetseiten sind schwer zu fassen. Jedoch gelten auch dort die klassischen Werbetheorien wie AIDA (Attention, Interest, Desire, Action) von Elmo Lewis (1898) und die daran anknüpfenden Theorien mit dem Dreischritt Aufmerksamkeit – kognitive und emotionale Verarbeitung – Handlung.7 Wie erfolgreich der Internetauftritt dann ist, zeigt sich qualitativ an Zufriedenheit, Wiederbesuchsabsicht, Treue zur Webseite, positiver Bewertung des Anbieters und an einem Verhalten, das zu erreichen beabsichtigt wurde, und quantitativ an Verweildauer, Häufigkeit der Besuche und der intendierten Handlung.8

Für den Erfolg gibt es nach einer aufwendigen Pilotstudie der Technischen Universität Dresden (2007) eine klare „Hierarchie der Erfolgsfaktoren“9: „Wie die Ergebnisse zeigen, beeinflussen Struktur und Design den Erfolg einer Webseite maßgeblich. Sie bilden daher das Fundament eines gelungenen Internetauftritts (Basisanforderung). Als Leistungsanforderung (d. h. potenzielle Wettbewerbsvorteile) erweisen sich Informationswert und Funktionalität. Dagegen spielt der Unterhaltungswert einer Webseite derzeit noch eine untergeordnete Rolle.“10 Letzteres trifft allerdings für die jüngste Nutzergeneration weniger zu.

Religiöse Internetseiten haben selbstverständlich an diesen Kommunikationsregeln Anteil. Sie müssen sich der Konkurrenz von Amazon bis Zalando stellen und sich mit ihrem spezifisch weltanschaulichen Inhalt behaupten. Ebenso ist im Netz die Konkurrenz von religiösen Mitanbietern vorhanden, mehr und vielfältiger als im realen Leben vor Ort. Mit einem Mausklick landet man eben sofort im Buddhistischen Zentrum Stuttgart Sumati Kirti oder im Central Gurdwara der Sikhs in London. Und eine Suchmaschine wirft auf Anfragen z. B. nach Gottesdiensten oder Beratung nicht nur die eigene Seite aus. Die Hierarchie der Erfolgsfaktoren teilen religiöse mit allen anderen Auftritten. Wer wahrgenommen werden will, muss sie beachten.

Die Gestaltung des Internetauftritts11

Basisanforderung Struktur: Die klare, überschaubare und selbsterklärende, technisch perfekt umgesetzte Struktur signalisiert Qualität und Seriosität. Das Gospel Forum tritt nicht als irgendwer auf, sondern hochgradig professionell und technisch auf dem Stand der Zeit. Große Nutzerfreundlichkeit signalisiert Wertschätzung für den Besucher. Klarheit signalisiert auch inhaltliche Transparenz und Offenheit. Eine geschlossene Gruppierung soll hier nicht erwartet werden.

Zugleich weist die Struktur inhaltliche Gewichtung auf. Gottesdienste sind zentral. Sie fallen sofort ins Auge, einerseits durch eine Uhr, die zum nächsten Gottesdienst-Livestream herunterzählt, vor allem aber durch große quadratische Buttons, die mit den nächsten Gottesdiensten verlinkt sind. Erst danach folgen aktuelle Termine, dann Events und schließlich News.

Wenn man nach unten scrollt, kommt prominent die Rubrik „Neu?“ mit Links zu einem Video und zur Unterseite „Über uns“. Neue Interessierte werden erwartet, sie sind willkommen und werden freundlich empfangen. Das Gospel Forum stellt sich als eine Gemeinde dar, die offen für Neue ist. Internationalität suggeriert der doppelte Hinweis (Seitenanfang, Seitenende) auf die englischsprachige Version.

Basisanforderung Design: Das Design fällt ansprechend aus. Der Hintergrund ist unaufdringlich gestaltet, ein feiner, heller, fast weißer Grauton. Großzügig der Leerraum, es gibt nicht zu viele Elemente. Indem so Überfülle vermieden wird, stellt sich die Gemeinde als frei und offen dar, sind doch „freie Flächen ebenso wichtig wie die Inhalte. Ohne sorgfältige Planung von Freiflächen wirkt ein Design beengend. Freiflächen geben einem Design ‚Luft zum Atmen‘.“ 12 Das kann kein Zufall sein. Hier bekommen auch die verwendeten Farben Sinn. Das Hellgrau des Leerraums zusammen mit den Grautönen der Menüzeilen sorgen für den Eindruck von Seriosität und Ehrlichkeit.13 

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Anmerkungen

1 Zur Einordnung und Geschichte des Gospel Forums (früher: Biblische Glaubens-Gemeinde) vgl. besonders Matthias Pöhlmann/Christine Jahn (Hg.): Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2015, 219ff; Georg Schmid/Georg Otto Schmid (Hg.): Kirchen, Sekten, Religionen. Religiöse Gemeinschaften, weltanschauliche Gruppierungen und Psycho-Organisationen im deutschen Sprachraum. Ein Handbuch, Zürich 72003, 117ff, bes. 151f; Reinhard Hempelmann: Die Biblische Glaubens-Gemeinde (BGG), in: ders: Licht und Schatten des Erweckungschristentums, Stuttgart 1998, 67-76; Peter Zimmerling: Charismatische Bewegungen, Göttingen 2009, 27f.
2 Vgl. die TV-Dokumentationen „Mission unter falscher Flagge“ 2014 (NDR); „Teufel – Rückkehr der Exorzisten“ 2004 (SWR); „Alle sagen Amen“ (o. J., SWR). Die Kritik in der Presse ist Legion, zuletzt etwa „Böse Geister sind Realitäten“: www.spiegel.de/spiegel/print/d-134995232.html.
3 Vgl. allgemein jüngst Andreas Hahn: Enthusiastisches Erleben. Neopentekostale Spiritualität in psychologischer und theologischer Perspektive, in: MD 11/2017, 403-414; ferner Pöhlmann/Jahn (Hg.): Handbuch Weltanschauungen (s. Fußnote 1), 241ff; Schmid/Schmid (Hg.): Kirchen, Sekten, Religionen (s. Fußnote 1), 122-124; speziell z. B. Hempelmann: Die „Biblische Glaubens-Gemeinde“ (s. Fußnote 1); Irene Giere: Meine Zeit in der Biblischen Glaubensgemeinde, in: MD 4/1994, 110-112.
4 Vgl. Stefan Wünschmann/Uta Schwarz/Stefan Müller (Hg.): Webseiten-Gestaltung. Erfolgsfaktoren und Kontrolle, Heidelberg 2008, 18ff, mit beeindruckenden statistischen Zahlen.
5 Nach ebd., 25ff.
6 Vgl. ebd., 20f.
7 Vgl. ebd., 62f.
8 Vgl. ebd., 64f.
9 Ebd., 68ff.
10 Ebd., 71.
11 Die Analyse beruht im Wesentlichen auf Wünschmann u. a. (Hg.): Webseiten-Gestaltung (s. Fußnote 4); Jason Beaird: Gelungenes Webdesign. Die Prinzipien der Webseitengestaltung. Ein Leitfaden für Webprogrammierer, Heidelberg 22011. Die Angaben beziehen sich auf die Darstellung im Webbrowser Firefox mit Aufrufen im Zeitraum von Dezember 2016 bis Dezember 2017.
12 Beaird: Gelungenes Webdesign (s. Fußnote 11), 11.
13 Grau wirkt im Web anders als in Printmedien, so Wünschmann u. a. (Hg.): Webseiten-Gestaltung (s. Fußnote 4), 107.

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