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Materialdienst 11/2018
Hansjörg Hemminger

Die evangelikale Bewegung in Deutschland

Anmerkungen zur theologischen und politischen Entwicklung

Grundlagen des Evangelikalismus: Gottesbeziehung und Bibeltreue

Der Evangelikalismus ist eine Bewegung der Moderne mit einem Beginn frühestens zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Er entstand in der angelsächsischen Welt und nahm die Anliegen amerikanischer und europäischer Erweckungsbewegungen auf, darunter diejenigen des Pietismus, der Heiligungsbewegung und der Pfingstkirchen. Seither hat sich der Evangelikalismus internationalisiert und entwickelt heute seine größte Dynamik in Lateinamerika, Asien und Afrika. Sein Erscheinungsbild wird von diesen unterschiedlichen Lebenswelten geprägt, sei es in Südkorea, in Brasilien, in den USA oder eben in Mitteleuropa. Daher weist die evangelikale Bewegung in Deutschland trotz aller globalen Einflüsse besondere Charakteristika auf. Zwar gelten die vier Merkmale des sogenannten „Bebbington Quadrilateral“1 aus den 1980er Jahren generell überall, aber eben in einer zeit- und kulturtypischen Ausprägung:

1. die Betonung von Lebensübergabe und Wiedergeburt (Original: conversionism, the belief that lives need to be changed),

2. die Betonung aktiven Handelns für die persönliche Heiligung, für Mission und Diakonie (Original: activism, the expression of the gospel in effort),

3. die Betonung des Erlösungswerks Jesu, des Leidens für die Menschen (Original: what may be called crucicentrism, a stress on the sacrifice of Christ on the cross),

4. Bibeltreue, Bibelorientierung (Original: biblicism, a particular regard for the Bible).

Die ersten drei Merkmale konzentrieren sich heute bei den meisten Menschen, die sich in Deutschland als „evangelikal“ bezeichnen, auf das Erleben einer persönlichen, gefühls- und praxisbetonten Gottes- und Christusbeziehung. Diese Beziehung baut zwar immer noch auf einer biografisch beschreibbaren Lebenswende auf (conversionism). Diese wird jedoch vor allem individuell als Eintritt in eine neue Geborgenheit bei Gott erfahren, sodass die Orientierung am Erlösungswerk Jesu (crucicentrism) weiter gilt. Aber es wird betont, dass Kreuzigung und Auferstehung „für mich“ geschahen. Die Kirche als Leib Christi ist weniger im Blick. Allerdings wird auch diese individualisierte Christusbeziehung als Auftrag und Sendung verstanden (activism).

Wenn man so geprägte Evangelikale fragt, was echtes Christsein ausmacht, wird man in den meisten Fällen die Antwort bekommen: „eine persönliche Beziehung zu Jesus, eine persönliche Gottesbeziehung“: „Mitten im Leben gibt es für den Glaubenden ein göttliches ‚Du‘, mit dem man im Gespräch sein kann, auf dessen unverlierbare Liebe man sich verlassen kann ... Eine solche persönliche Beziehung zu Gott bedeutet auch, dass man mit Gottes Einwirken auf das eigene Leben (in theologischer Sprache mit Gottes Welthandeln) praktisch rechnet. Daher gehört die Bitte um Hilfe in Sorgen und Ängsten zu einer solchen Beziehung. Ganz selbstverständlich rechnet man auch mit Wundern, also mit unerklärlichen Erfahrungen und Hilfen, die nicht in den üblichen Gang der Dinge passen.“2


Die evangelikale Frömmigkeit dieses Typus, der bei der jungen Generation vorherrscht, ist also betont „modern“, nämlich erlebnisorientiert und individualisiert, bis zur Grenze des theologischen und ethischen Subjektivismus.

Das vierte Merkmal Bebbingtons, die Bibelorientierung (biblicism), gibt es in zwei Formen, die innerhalb der Bewegung gegeneinanderstehen. Die individualisierte Frömmigkeit neigt zu einer Bibelorientierung, die man als evangelikale Schriftspiritualität bezeichnen könnte: Im persönlichen Umgang mit dem Bibelwort, im Austausch mit Freunden und mit Mitchristen, die als Vorbilder gelten, erlebt man das Wirken des Geistes Gottes. Das Lesen der Bibel und das persönliche Gebet gehören zusammen und gehen ineinander über.

Eine andere Bibelorientierung trifft man eher bei älteren Evangelikalen an, nämlich die Ableitung von absolut gültigen, dogmatischen und moralischen Normen aus der Schrift. Darin spiegelt sich zwar der Einfluss des angelsächsischen Bibel-Fundamentalismus. Aber die Proponenten dieses rationalistischen und dogmatisierten Schriftverständnisses sind keineswegs alle Fundamentalisten im vollen Sinn der Chicago-Erklärungen3. Sie streiten die individuelle, spirituelle Bedeutung der Bibel auch nicht ab; umgekehrt streiten die „erlebnisorientierten“ Evangelikalen die normative Autorität der Bibel ebenso wenig ab.

Beide Frömmigkeitsformen konzentrieren sich auf jeweils ihre Art auf die Gottes- und Christusbeziehung. Der Unterschied liegt darin, dass bei letzterer diese Beziehung individuell, emotional und spontan gelebt und erlebt wird, während sie bei ersterer durch Konformität mit vorformulierten Glaubensaussagen und moralischen Regeln bekräftigt wird. Für sie lautet die Antwort auf die Frage, was echtes Christsein ausmacht: „dass man nach der Bibel lebt“. Bibelorientierung bedeutet für sie die Geltung einer angeblich biblisch begründeten, objektiven und in Form von Satzwahrheiten vertretenen Dogmatik.

Für jüngere Evangelikale ist diese Art Frömmigkeit derzeit wenig attraktiv. Nicht umsonst betont deshalb vor allem der fundamentalistische Flügel der Bewegung (z. B. aus dem Darbysmus), dass man die Jesusbeziehung nicht gegen die Autorität der Bibel ausspielen dürfe. Man bemerkt dort sehr wohl, dass eine Schriftspiritualität, die um eine persönliche Christusbeziehung kreist, tendenziell zu der reformatorischen Auslegungsnorm zurückführt, nach der zählt, „was Christum treibet“. Dass es zuerst einmal „für mich“ zählt, dann für meine Gemeinde und weniger für die Kirche, ist Ausdruck des bereits skizzierten Individualismus. Demgegenüber soll es aus der Sicht des „rationalistischen“, dogmatisierten Evangelikalismus gerade keine Freiheit geben, eigene Glaubenserfahrungen in den Mittelpunkt der Gottesbeziehung zu rücken.

Modern sind beide Varianten der Bibelorientierung, aber die eine gehört eher auf die „romantische“, vernunftkritische Seite der späten Moderne, während die andere der rationalistischen, sogar der wissenschaftsgläubigen Moderne nahesteht. Denn die Bibel fungiert für diesen Flügel des Evangelikalismus als „ewiges Lehrbuch“ in dem Sinn, in dem der Wissenschaftsglaube sich einmal ewige Wahrheiten durch wissenschaftliche Erkenntnis erhoffte.

Die innere Vielfalt der Bewegung

Die innere Vielfalt des Evangelikalismus lässt sich am Schriftverständnis aufzeigen, ist aber auch ansonsten (Taufverständnis, Ekklesiologie, Ethik usw.) erheblich größer, als nach außen sichtbar wird.

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Anmerkungen

1 David W. Bebbington: Evangelicalism in Modern Britain. A History from the 1730s to the 1980s, London/New York 1989.
2 Hansjörg Hemminger: Evangelikal. Von Gotteskindern und Rechthabern, Gießen 2016, 93.
3 Der „International Council on Biblical Inerrancy“ (1978 – 1986) formulierte seine Position in drei Texten, die als Abgrenzung sowohl von der „liberalen“ Theologie als auch vom extremen Fundamentalismus verstanden wurden. Deutsch: Thomas Schirrmacher (Hg.): Bibeltreue in der Offensive. Die drei Chicago-Erklärungen zur biblischen Irrtumslosigkeit, Hermeneutik und Anwendung, Bonn 1993.

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