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Materialdienst 11/2018
Neuapostolische Kirche

NAK untersagt Vorträge zur Aufarbeitung ihrer Geschichte

(Letzter Bericht: 1/2018, 28f) Der neuapostolische Bezirksapostel Michael Ehrich hat im Laufe des Jahres 2018 mehrere öffentliche Gemeindevorträge zu historischen Themen untersagt. Sein NAK-Bezirk Süddeutschland (Bayern und Baden-Württemberg) ist der bei Weitem größte der deutschen NAK. Örtliche Vertreter des apostolisch-ökumenischen Netzwerks Apostolische Geschichte (vgl. MD 11/2013, 424-427) hatten die Vortragsreihe geplant. Angekündigt waren Beiträge von Peter Münch, Günter Törner und Dominik Schmolz. Peter Münch, der u. a. evangelische Theologie studiert hat, sollte über den Propheten Heinrich Geyer sprechen, eine schillernde Gestalt aus der Gründungsphase der NAK. Günter Törner war für September 2018 mit einem Vortrag zur Geschichte der NAK in der DDR eingeladen worden, worüber der Mathematikprofessor 2017 ein umfangreiches Buch publiziert hatte, das bei allen heiklen Befunden unter anderem zur IM-Tätigkeit von Amtsträgern von einem gnädigen Umgang mit Personen und von Loyalität zur NAK gekennzeichnet ist. Der Historiker Dominik Schmolz, bekannt durch seine „Kleine Geschichte der Neuapostolischen Kirche“ (2013), sollte über die „Botschaft“ des Stammapostels Johann Gottfried Bischoff sprechen, der 1950 als Achtzigjähriger die Wiederkunft des Herrn zu seinen Lebzeiten verkündet hatte. Bischoffs „Botschaft“ ist seit langem als sensibles Thema etabliert, und offenbar ist dieses Kapitel trotz einer klärenden Stellungnahme des ehemaligen Stammapostels Wilhelm Leber im Jahr 2013 (vgl. MD 7/2013, 270f) in manchen neuapostolischen Kreisen noch immer zu provokativ, um öffentlich in der Gemeinde darüber zu sprechen. Das Thema NAK in der DDR hingegen war bislang ein weitgehend unbeschriebenes Blatt.

Diese und ähnliche Vorträge hatten zuvor mehrfach in anderen NAK-Bezirken stattgefunden und wurden auch in Süddeutschland von hochrangigen Amtsträgern gefördert. Als jedoch der Bezirksapostel als letztzuständige kirchliche Obrigkeit von der Vortragsreihe Wind bekam – offenbar war die entsprechende Information versehentlich nicht nach oben weitergereicht worden, woran allerdings die Organisatoren keine Schuld trugen –, untersagte er ohne Rücksprache ihre Durchführung in kirchlichen Räumen. In Falle der Veranstaltung zu Heinrich Geyer kam es zu einer kurzfristigen Verschiebung, die beiden nachfolgenden Vorträge wurden abgesagt.

Das Netzwerk Apostolische Geschichte zeigte sich in einer Stellungnahme enttäuscht: „Wir halten es für ein falsches Signal, wenn durch die Intervention leitender Gremien die Sacharbeit vor Ort gehindert wird, zumal dann, wenn Entscheidungen einseitig getroffen werden und es an einer fundierten Begründung mangelt“ (http://apostolische-geschichte.de/zu-abgesagten-vortragsveranstaltungen-des-netzwerks). Man legt dort aber diplomatisch Wert darauf, keine Brücken abzubrechen und die Tür für künftige Kooperation offenzuhalten.

Die deutlich kritischere Berichterstattung über den Vorfall auf der unabhängigen kirchenkritischen neuapostolischen Webseite Glaubenskultur (glaubenskultur.de) führte zu vehementen Diskussionen und erbitterten Reaktionen unter den Lesern. Tatsächlich erinnert das Ganze an die verunglückte kirchenoffizielle Stellungnahme zur Aufarbeitung der Spaltungen aus den 1950er Jahren (vgl. MD 3/2008, 106f) und das spätere Verbot einer fertig vorliegenden unabhängigen Publikation zum selben Thema (vgl. MD 7/2015, 260f).

Die beschönigende interne Geschichtsbetrachtung und der rüde Umgang selbst mit unabhängigen externen Experten schien in den letzten Jahren unter anderem durch die Arbeit des Netzwerks Apostolische Geschichte zunehmend der Vergangenheit anzugehören. Denn die Organisation gilt eigentlich als gut vernetzt und auch in offiziellen NAK-Kreisen und bei der Leitung als seriöse und förderungswürdige Laieninitiative einer Kirche, die voraussichtlich 2019 als Gast in die ACK aufgenommen werden soll. Die NAK-Führung unterstützt die Arbeit des Netzwerks seit Jahren auf verschiedene Weise und räumt ihm auch Raum bei kirchlichen Großveranstaltungen wie dem Internationalen Jugendtag ein.

Umso deutlicher zeigt die kurzfristige Absage in Süddeutschland, dass in Teilen der NAK noch immer ein obrigkeitlicher Geist herrscht, der zentral kontrollieren und zu viel Eigeninitiative des Kirchenvolkes zurückdrängen will.

Bezirksapostel haben eine weitreichende Autonomie bei der Leitung ihres jeweiligen Bezirks, dadurch ergeben sich erhebliche regionale Unterschiede in der Gestalt der NAK. So wird der Referent Günter Törner etwa in anderen Bezirken von Aposteln als wichtige Stimme geschätzt und seine Arbeit begrüßt.

In dem ganzen Vorgang werden also auch interne Spannungen im Apostelkollegium sichtbar. Bezirksapostel Ehrich hat seine drastische Maßnahme in diesem Fall nicht inhaltlich begründet, sondern sich vor allem auf sein Hausrecht bei der Vergabe kirchlicher Räume berufen. Auf Rückfrage wird deutlich, dass er grundsätzliche Probleme mit unabhängigen Initiativen bei der kirchengeschichtlichen Forschung hat und prinzipiell einer kircheneigenen Geschichtsschreibung den Vorzug gibt. Diese sieht er aber durch die „zeitlichen Möglichkeiten der beauftragten Historiker“ begrenzt. (E-Mail Ehrichs an den Verf., 5.10.2018). Offen bleibt, welche Forscher derzeit womit beauftragt worden sein sollen. (Die Publikation der letzten bekannten Auftragsarbeit wurde 2015 verboten, s. o.). Unabhängigkeit und Laieninitiative scheinen für ihn eher externe Störfaktoren zu sein und haben keinen rechten Platz, denn „[f]ür kirchliche Zwecke kommen die von der Kirchenleitung herausgegebenen Publikationen zum Einsatz“ (ebd.).

Speziell beim Thema „NAK in der DDR“ hat Ehrich Schwierigkeiten mit der Unabhängigkeit des Referenten. Er habe dessen Vortrag auch deswegen untersagt, „weil wir bislang keine adäquate Selbstrecherche der Neuapostolischen Kirche in der DDR danebenstellen können“ (ebd.). Von einer laufenden Selbstrecherche seitens der NAK zu diesem Thema ist allerdings nichts bekannt – abgesehen von der Frage, was von solchen Forderungen nach hauseigener Geschichtsschreibung grundsätzlich zu halten ist. Es scheint hier doch eher darum zu gehen, das Thema überhaupt zu vermeiden. Ehrich lässt dementsprechend auch nicht erkennen, dass er die abgesagten Vorträge in absehbarer Zeit zuzulassen gedenkt.

Kai Funkschmidt

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