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Materialdienst 12/2018
Martin Anlauf

Zwischen Theologie und Psychologie

Das Phänomen Anselm Grün

1 Ein therapeutischer Vortrag

„Christliche Psychologie“ – mit diesem Schlagwort bewirbt ein Aushang eine Veranstaltung mit Anselm Grün, dem „international meistgelesenen christlichen Autor der Gegenwart“, wie es weiter heißt. Eine Lesung aus dem Buch „Wege der Verwandlung. Emotionen als Kraftquelle entdecken und seelische Verletzungen heilen“ mit anschließender offener Aussprache soll es geben, und zwar in der Berliner Gedenkkirche Maria Regina Martyrum am 24. September 2018 um 20 Uhr.

Am besagten Termin ist der Saal mit 325 Plätzen offiziell ausverkauft, einzelne Plätze bleiben aber frei, ebenso die (möglicherweise spontane) Zusatzbestuhlung. Zwischen 20 und 70 Jahren sind alle Altersgruppen vertreten, besonders stark allerdings die 40- bis 60-Jährigen. Etwa drei Viertel der Anwesenden sind Frauen. Eine Ordensschwester der Karmelitinnen, die das mit der Kirche verbundene Kloster bewohnen, äußert in ein paar einleitenden Worten ihre Freude darüber, Pater Anselm begrüßen zu dürfen. Sie betont, dass er extra aus dem Kloster nahe Würzburg angereist sei, noch am selben Abend dorthin zurückfahren und am nächsten Tag nach Hongkong fliegen werde. Als sie augenzwinkernd fragt, ob das Thema oder der Referent der Grund für den Besuch der Lesung sei, geht ein Schmunzeln durch die Reihen. Dass es nun doch gar keine Lesung, sondern ein Vortrag werden soll und Fragen im Anschluss nur bei der Signierstunde im angrenzenden Buchladen möglich sein werden, fällt also vielleicht nicht so sehr ins Gewicht, solange Anselm Grün tatsächlich anwesend ist.

Als dieser schließlich ans Rednerpult tritt – ein nicht sehr großer 73-Jähriger mit schwarzer Mönchskutte, ausladendem ergrautem Vollbart und freundlichem Blick – steigt er gleich ohne Umschweife mitten ins Thema ein: Es geht um die Notwendigkeit, die eigenen Emotionen zu kennen und zu verwandeln, statt sie verändern und loswerden zu wollen, und um die Weisheit der alten Mönche, die bis heute auf diesem Weg hilfreich sein könne. Wer schon etwas von Grün gelesen oder gehört hat, dem sind diese Gedanken wohl vertraut. Nach dem allgemeinen Teil nimmt Grün sich einzelne Emotionen vor, die jeder kenne, die gemeinhin als problematisch empfunden werden, aber einen Sinn haben und in konstruktive Energie umgewandelt werden können: Ärger, Jähzorn, Hass, Neid, Eifersucht, Angst, Traurigkeit, Depression und Scham. Ärger signalisiere möglicherweise, dass jemand mir zu nahe getreten sei und ich mich folglich besser abgrenzen müsse; Jähzorn trete dort am stärksten auf, wo unser größter Schatz angetastet werde, und könne daher helfen, diesen Schatz bewusst zu machen und zu schützen; Traurigkeit lade dazu ein, von Illusionen Abschied zu nehmen, und könne darüber hinaus zur Quelle von Kreativität werden. Grün redet realistisch über alltägliche Nöte und beschönigt nicht, doch er macht Hoffnung, dass alles einen Sinn bekommen und „alle Wunden in Perlen verwandelt werden können“. Vor dem abschließenden Abendgebet leitet er noch ein gemeinsames Ritual an: Mit vor der Brust gekreuzten Armen umarmt man erst das verletzte Kind und anschließend das göttliche, unverletzliche und heilende Kind in seinem Innern.

Grün redet ohne Manuskript und trotzdem fast durchgängig flüssig und gut strukturiert, man merkt ihm die Routine an. Sein gut einstündiger Vortrag ist dicht, ohne rhetorische Kniffe, die Stimmlage könnte man sogar als monoton empfinden. Dass er das Publikum fesselt, liegt entscheidend daran, dass er als Seelsorger den richtigen Ton trifft: nie moralisierend, immer tröstend, ermutigend und dabei so ganz authentisch und vertrauenswürdig. Und er spricht nicht über abstrakte Theologie, sondern schlicht über das, was Menschen unmittelbar in ihrem Alltag beschäftigt. „Alles, wovon er geredet hat, habe ich erlebt“, sagt eine Frau beim Hinausgehen.

2 Zur Person

Anselm Grün, geb. 1945, lebt seit 1964 als Mönch in der Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg, die dem missionarischen Zweig des Benediktinerordens angehört. Nach seinem Theologiestudium, der Priesterweihe, der Promotion und einem kurzen Studium der Betriebswirtschaftslehre wurde er 1977 Cellerar seiner Abtei. In diesem Amt, das er bis 2013 innehatte, war er für alle wirtschaftlichen Belange des Klosters mit seinen 20 Betrieben und rund 300 Mitarbeitern verantwortlich. Bekannt wurde er aber durch sein Wirken neben dieser Tätigkeit, besonders durch seine über 300 Bücher, die inzwischen weltweit eine Gesamtauflage von ca. 20 Millionen erreicht haben und in 35 Sprachen übersetzt wurden. Außerdem ist er bis heute als international gefragter Vortragsredner, in der seelsorgerlichen Begleitung und in Führungskursen für Firmen aktiv.1

Seine Mission sieht er in Deutschland darin, „die christliche Botschaft so zu verkünden, dass die Menschen sich davon angesprochen fühlen und dass sie erkennen: Die christliche Botschaft ist eine menschenfreundliche, heilsame Botschaft, die hilft, hier in dieser Welt angemessen zu leben.“ Die Manager, denen er Vorträge hält, möchte er „erreichen mit [seiner] Botschaft eines christlichen Menschenbildes und eines christlichen Umgangs miteinander“2. In der nicht zu unterschätzenden internationalen Wirksamkeit kommt zu seiner Mission noch ein versöhnendes Element hinzu.3

Die nun folgenden Ausführungen stützen sich auf eine ganze Reihe unterschiedlicher Publikationen aus unterschiedlichen Zeiten seines nunmehr 40-jährigen literarischen Schaffens. Im Ergebnis soll dennoch eine zusammenhängende und synchrone Darstellung geboten werden. Da mag die Frage aufkommen, ob ein synchroner Blick nicht Wandlungen und Entwicklungen verdunkelt, zumal Grün selbst sein Leben als eine beständige Suche nach dem Geheimnis Gottes auffasst. Doch alle entscheidenden Weichen scheinen schon vor Beginn seiner Schreibtätigkeit gestellt worden zu sein; Grün bleibt seitdem, soweit ich sehe und seiner Biografie entnehme, im Grundsatz in den gleichen Bahnen und Strukturen.4 Die Erhellung dieser Strukturen, der theologischen und weltanschaulichen Hintergründe und Prinzipien von Anselm Grün, ist das Anliegen der folgenden Seiten.

3 Theologe und Psychologe

Aus evangelischer Perspektive ist es wichtig, Anselm Grün zunächst ganz als katholischen Theologen wahrzunehmen. Er studierte mit Hingabe in St. Ottilien und Rom, promovierte über Karl Rahner und verfügt bis heute über eine breite Bildung in katholischer Dogmatik und Philosophie. Nach eigener Aussage ist er wegen seiner Lehre niemals mit der Kirche in Konflikt gekommen;5 anders als sein bekannter Mitbruder und Zen-Meister Willigis Jäger6 pflegt er einen sehr behutsamen Umgang mit der Tradition. Doch auch er ist weit davon entfernt, die überlieferten Glaubenssätze einfach zu übernehmen: Ein Dogma sei „kein Schlusspunkt, sondern als Herausforderung zu verstehen, das Unbegreifliche in immer neuen Worten begreiflich zu machen“7. Fundamentalismus, im Sinne des kompromisslosen Beharrens auf einer unhinterfragbaren Position, sei dagegen meist ein pathologisches Phänomen.8 Man müsse die traditionellen Inhalte neu durchdenken, um sie für das kritische Denken der modernen Menschen neu formulieren und öffnen zu können.

Bei dieser Revision des Glaubensgutes lässt Grün sich von einer tiefen Rationalität leiten. Die ganze Wirklichkeit der Schöpfung und des Menschen gibt er in typisch katholischer Art für den Verstand und die empirische Forschung frei. In diesem Sinne bedient er sich der säkularen Philosophie und Psychologie, um das Wesen des Menschen zu beschreiben. Bibel und Dogma erfahren eine entmythologisierende und psychologisch einleuchtende Deutung: Von C. G. Jung und Eugen Drewermann hat Grün sich zu einer tiefenpsychologischen Schriftauslegung inspirieren lassen, weil sie helfe, die biblischen Berichte als Bilder für die (eigentlich relevanten) zugrunde liegenden Erfahrungen zu verstehen und die „archetypische[n] Bilder“ darin zu erkennen, „die in der Seele des Menschen bereit liegen“9.

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Anmerkungen

1 Vgl. den Lebenslauf in Thomas Philipp u. a. (Hg.): Theologie und Sprache bei Anselm Grün, Freiburg i. Br. 2014, 232, sowie die entsprechenden Abschnitte in der Biografie von Freddy Derwahl: Anselm Grün. Sein Leben, Münsterschwarzach 2009, und in Grüns Autobiografie: Stationen meines Lebens (vollständige Angaben zu den zitierten Büchern von Anselm Grün im Literaturverzeichnis am Ende des Beitrags).
2 Grün/Jäger: Das Geheimnis, 108.
3 Vgl. ebd., 106-108.
4 Derwahl merkt zu Grüns erster Veröffentlichung aus dem Jahr 1978 an: „Vieles von dem, was hier erst in Andeutungen angeboten wurde, tauchte in der Folge in immer neuen Variationen auf.“ Derwahl: Grün (s. Fußnote 1), 131.
5 Vgl. Grün: Stationen meines Lebens, 157.
6 Vgl. dazu Grün/Jäger: Das Geheimnis.
7 Grün, Stationen meines Lebens, 157.
8 Vgl. ebd., 153f.
9 Ebd., 133. Vgl. dazu Grün: Tiefenpsychologische Schriftauslegung.

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