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Lexikon

Esoterik

Aktualität

Neue Spiritualität, Ganzheitlichkeit, kosmisches Bewusstsein  – das sind Schlüsselbegriffe, die im Kontext moderner Esoterik immer wieder auftauchen. Ein Blick in die Regale größerer Buchhandlungen zeigt ein verwirrendes Bild unterschiedlicher Themen und Praktiken: von Pendeln, Tarotkarten und I Ging über Heilsteine, Bachblüten und Reiki bis hin zu Kontakten mit außermenschlichen Wesenheiten (z.B. Engel, Aufgestiegene Meister). Gefragt sind vor allem esoterische Heilungspraktiken und magische Techniken für die individuelle Lebensbewältigung. Fast immer geht es in den esoterischen Offerten um ein „Ur-Wissen“ der Menschheit, das nun dem Einzelnen für die eigene Praxis erschlossen werden soll („Hexenwissen im Alltag für jedefrau und jedermann“). Vermittelt werden sollen dabei einerseits unmittelbare, stark auf individuelle Bedürfnisse abgestimmte und angeblich auf höherer Erkenntnis basierende Praktiken, die der menschlichen Sehnsucht nach innerem Wohlbefinden, Harmonie und persönlicher Heilung entgegenkommen. Andererseits geht es um eine Selbstermächtigung durch Magie im Sinne von Kraftübertragung. Kritische Beobachter sprechen inzwischen von einem „Milliardenmarkt Esoterik“. Die Umsatzzahlen sind mitunter beträchtlich, besonders im Bereich kommerzialisierter Beratungsangebote, die über Telefon, Internet, Fernsehen oder durch thematische Zeitschriften vermittelt werden. Darüber hinaus gibt sich die moderne Esoterik durch Bücher und Zeitschriften als literarisches Phänomen zu erkennen, das sich zwischen Unterhaltung und Lebenshilfe bewegt. Nach aktuellen Umfrageergebnissen sind es vor allem Frauen zwischen 30 und 40 Jahren, die sich von der Esoterik angezogen fühlen. Auffällig ist auch eine „Esoterisierung der Gesellschaft“: Esoterische Themen sind ihrem ursprünglich subkulturellen Nischendasein entwachsen und zu einem gesellschaftlich-kulturellen Faktor in der modernen Erlebnis- und Wohlfühlwelt aufgestiegen. Kein Wunder, dass die Werbung sie für sich entdeckt hat! Esoterisches lässt sich auch im Bereich der Wellness-Bewegung bestens vermarkten. So warb die Mitgliederzeitschrift einer namhaften Parfümerie-Kette in Deutschland für die Kraft der Energie-Rituale im Kontext eines neuen „Beauty-Kults“: „Indianer und andere Naturvölker kannten die Kraft der Energie-Rituale und machten sie sich zunutze: Eins sein mit sich und der Natur, für ein lustvolles Lebensgefühl. Energie-Rituale, die den Körper formen und die Seele berühren.“

Zur Begriffsgeschichte

Der Begriff Esoterik leitet sich vom griechischen Adjektiv  „esôterikós“ ab, was wörtlich übersetzt „zum inneren Kreis gehörig“ bedeutet. In antiken Philosophenschulen war damit ein Wissen gemeint, das nur für einen Kreis von Eingeweihten bestimmt war und als „Insider-Wissen“ einer Art „Geheimhaltung“ unterlag. Das Substantiv „Esoterik“ ist dagegen wesentlich jünger und meint dasselbe wie der etwa zeitgleich aufgekommene Begriff Okkultismus. Letzterer umfasst die diversen überlieferten okkulten und magischen Praktiken und Vorstellungen (z.B. Astrologie, Alchemie, Magie, Mantik, Hexentum, Rosenkreuzertum und Theosophie).
Vom Wesen und Begriff her bezeichnet Esoterik also ursprünglich ein exklusives Sonderwissen, ein Elitedenken, ein Geheimwissen von „Eingeweihten“. Die „inneren“ Kreise einer Gemeinschaft, denen das „esoterische Wissen“ vorbehalten ist, definieren sich als „Orden“, „Logen“, „Esoterische Schulen“ usw. Zu den esoterischen Überlieferungen gehören u.a. die Lehren von Gnosis, Hermetik, Kabbala, Alchemie, Rosenkreuzertum u.a.m. Seit den letzten 150 Jahren steht die Rezeption dieser Überlieferungen im Zeichen des Okkultismus: Diese Weltanschauung versucht, die traditionellen esoterischen Anschauungen und Praktiken auf der Basis des modernen Monismus und Evolutionismus u.a. als Aus-druck einer esoterischen „Ur-Weisheit“ hinter den verschiedenen Religionen zu vereinheitlichen (klassisches Beispiel: die „Theosophie“ Helena Blavatskys, der „Mutter der modernen Esoterik“). Damit erweist sich die Esoterik als universalreligiöse Bewegung, die beansprucht, über den traditionellen Religionen zu stehen bzw. diese auf einer neuen Ebene zusammenzufassen.

Esoterik als Markt und Szene

Mit der Popularisierung der Esoterik seit den 1980er Jahren im Rahmen der sog. „Esoterik-Welle“ ergibt sich der paradoxe Vorgang, dass ein ursprünglich elitäres Wissen öffentlich, für die breite Masse zugänglich, kommerzialisiert und markt  förmig wurde. Es bildete sich ein entsprechender Esoterik-Markt, wobei sich das Spektrum des zur Esoterik Gerechneten stetig erweitert. Als Teil der modernen „Erlebnisgesellschaft“ wurde Esoterik auf diese Weise inzwischen auch in Deutschland zu einem beachtlichen Geschäftszweig. Dabei sind allerdings zwei Ebenen zu unterscheiden:

•  die kommerzialisierte Szene freier „spiritueller“ Angebote und ein dementsprechendes „Publikum“ oder eine „Klientel“ einerseits
•  sowie die Ebene organisierter Weltanschauungsgruppen (Rosenkreuzer, Templer, Theosophen, Anthroposophen, Spiritisten u.a.) andererseits.

Während Letztere zahlenmäßig kaum vom „Esoterik-Boom“ profitieren, vollzieht sich die eigentliche religiös-weltanschauliche Dynamik auf dem „freien Religionsmarkt“ kommerzieller Anbieter. Nur bezogen auf diese Ebene kann von einer „Eso-terik-Welle“ die Rede sein. Die elitären esoterischen „Sucher“ und Weltanschauungsgemeinschaften neben der marktförmigen Esoterik distanzieren sich meist von dieser Art der Popularisierung (z.B. Vertreter der Anthroposophie).

Als Publikumsreligion begegnet die Esoterik v.a. im Zusammenhang entsprechender (Ratgeber-)Literatur und Zeitschriften sowie in Gestalt deutschlandweit stattfindender Esoterik-Messen (Verkauf von Gegenständen und Dienstleistungen) mit begleitenden Vortrags- und Workshop-Angeboten. Hier kann es auch zur „Klientenreligion“ kommen: Der Nutzer dieser Angebote bleibt nicht bloß Konsument, sondern wird zum Klienten, von dem ein höheres Maß an zeitlichem und finanziellem Engagement erwartet wird. In der Esoterik gibt es – im Unter-schied zu fest strukturierten Gruppen – keine verbindliche Mitgliedschaft. So kann man inzwischen von einer Esoterik-Szene sprechen: Es gibt offene Zugangsbedingungen, aber keine verbindlichen Lehrinhalte bzw. kein gemeinsames Credo. Von besonderer Bedeutung sind sog. Events, die das Wir-Gefühl steigern sollen.

Aspekte gegenwärtiger Esoterik

In der gegenwärtigen Esoterik wird neben den Rationalitätskriterien des wissenschaftlichen und weltanschaulichen Denkens eine besondere und höhere Erkenntnisform postuliert, die sich in der Vergangenheit „angeblich nur einem Innenkreis von entsprechend Sensiblen, Erleuchteten, spirituell Fortgeschrittenen oder Eingeweihten erschlossen hat oder heute erschließt“ (Grom). Daraus ergeben sich folgende esoterische Überzeugungen:

Antihaltung gegenüber traditionellen organisierten  Formen von Religion
In esoterischem Denken dominiert ein anti-institutioneller Affekt, die Absage an organisierte und traditionelle Formen von Religion. Er entspringt einem tiefen Misstrauen gegenüber institutionalisierten Formen insgesamt (esoterische Verschwörungsliteratur).

Auf der Suche nach dem Überwissen bzw. Ur-Wissen der Menschheit
Die moderne Esoterik geht davon aus, dass das Wissen, auf das sie sich beruft, im kollektiven Unbewussten der Menschheit „gespeichert“ ist. Es muss vom Menschen angezapft und individuell bewusst gemacht werden.

Erlebnisreligiosität
Die Esoterik thematisiert sehr stark den Innenbereich des Menschen. Sein Ich soll erweitert, vertieft und spirituell entfaltet werden. Gegenüber den Dogmen der großen Religionen betont die Esoterik die Erfahrungsdimension von Religiosität. Sie offeriert in Seminaren und Workshops Einübungen in unzähligen Formen und Angeboten.

All-Einheit als Ausgangspunkt und Ziel (Monismus)
Prägend für die moderne Esoterik ist ein monistischer Grund-zug: Dinge oder Ereignisse an sich gibt es nicht. Die Unter-schiede zwischen Gott, Mensch, Tier- und Pflanzenwelt werden als nur graduell aufgefasst. Alles sei lediglich Erscheinungsform fließender Energie.

Anthropozentristische Weltsicht
Der Mensch wird gedacht als potentiell spirituelles Wesen, dessen innerster Kern göttlich ist. Er ist Motor und Impuls  für die spirituelle Evolution. Die Esoterik hält Ausschau nach Methoden und Praktiken, die dem Menschen höhere Erkenntnis, Bewusstseinserweiterung und spirituelles Wachstum ermöglichen (spiritueller Evolutionismus).

Kritische Einschätzung

Die (neu- oder post-)religiöse „Dauer-Welle“ der Esoterik hängt mit religiösen und gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten zusammen, ohne die sie nicht zu verstehen und zu deuten ist. Das Entstehen eines „Religions-Marktes“ freier Anbieter, ein „freies religiöses Unternehmertum“ ist weit über die Esoterik-Szene hinaus ein Kennzeichen gegenwärtiger „Religiosität“. Prognosen hängen also damit zusammen, wie weit künftig dieser „Religions-Markt“ expandiert, auf dem esoterische Angebote eine zentrale Rolle spielen.

Die inzwischen inflationären esoterischen Überzeugungen und ihre Akzeptanz in der Gesellschaft verdeutlichen, dass hier tiefe menschliche Sehnsüchte nach Heil und Heilung berührt werden. Die Esoterik in ihrer aktuellen Erscheinungsform ist zudem Ausdruck des Zeitgeistes: die Suche nach Erlebnissen, außergewöhnlichen Erfahrungen sowie nach unverbindlichen und auf persönliche Bedürfnisse zugeschnittenen Formen von Religiosität.

Im direkten Gespräch wird von esoterischer Seite die christliche Position als „dogmatisch“, „verkopft“ oder insgesamt als überholt betrachtet. Intuitive Erlebnisse bzw. Fähigkeiten werden im Zuge eines „Erfahrungsfundamentalismus“ sehr schnell als Beweis für die eigene esoterische Wahrheit ins Feld geführt, womit man sich kritischen Anfragen zu entziehen versucht. Dennoch sollten im kritischen Dialog auch die Defizite esoterischer Religiosität und die Differenzen im Gottes- und Menschenbild aus christlicher Perspektive zur Sprache kommen. Protest ist insbesondere angezeigt:

• wenn religiöse oder magische Erfahrungen für den Einzelnen zum verbindlichen Glaubensinhalt erklärt und damit Abhängigkeiten von einem Medium geschaffen werden
• gegenüber überzogenen Heilungsversprechen oder gegen-über Deutungen, die das jetzige menschliche Schicksal auf angeblich „karmische Verfehlungen“ früherer Erdenleben zurückführen wollen
•  gegenüber einer sehr oft propagierten und auch eingeforderten Methodengläubigkeit, die von einer automatischen weil magischen Wirksamkeit einzelner Techniken ausgeht.

Gefordert wäre hier auch eine Untersuchung der jeweiligen esoterischen Angebote: Was können sie leisten und was nicht? Welche Risiken sind damit verbunden? Verfügt der Anbieter über eine entsprechende Qualifikation, oderberuft er sich lediglich auf eine höhere intuitive Erkenntnis? Esoterische Angebote stehen in der Gefahr, die Gebrochenheit menschlicher Existenz zu verharmlosen oder generell zu ignorieren. Manche der Offerten, die versprechen, den Menschen mit Vollmacht auszustatten, können diesen tatsächlich nur überfordern, wenn sie vorgeben, alle Kräfte der Heilung und Erlösung lägen im Menschen selbst. Man gewinnt den Eindruck, dass in Teilen heutiger Esoterik auch eine ideologisierte Form von Leistungsoptimierung des Menschen angestrebt wird.
In der Esoterik ist zwar viel vom Göttlichen die Rede; es stellt sich jedoch die Frage, ob hier – wie in traditionellen Religionen – „ein Gott eintritt“ oder ob in der Esoterik-Bewegung nicht vielmehr der Mensch das Höchste Wesen bleiben will und soll.

Zur weiteren Information

Literatur
• Bernhard Grom, Hoffnungsträger Esoterik?, Regensburg 2002
• Reinhard Hempelmann (Hg.), Christliche Identität, alternative Heilungsansätze und moderne Esoterik, EZW-Texte 191, Berlin 2007
• Reinhard Hempelmann/Matthias Pöhlmann, Esoterik als Trend. Phänomene – Analysen – Einschätzungen, EZW-Texte 198, Berlin 2008
• Hans Krech/Matthias Kleiminger (Hg.), Handbuch Religiöse Gemeinschaf-ten und Weltanschauungen, 6. neu bearb. u. erw. Aufl., Gütersloh 2006, 559–754
• Matthias Pöhlmann (Hg.), Gut beraten bei AstroTV? Esoterik-Fernsehen in der Kritik, EZW-Texte 205, Berlin 2009
• Hans-Jürgen Ruppert, Suche nach Erkenntnis und Erleuchtung – moderne esote-rische Religiosität, in: Panorama der neuen Religiosität, hg. v. R. Hempelmann u.a. im Auftrag der EZW, Gütersloh ²2005, 201–303
• Jens Schnabel, Steine – Pendel – Sphärenklang. Was ist Esoterik?, Neu- kirchen-Vluyn 2008
• Hartmut Zinser, Esoterik. Eine Einführung, München

Internet
www.esoterikmesse.de
www.spirituelle.info
www.engelmagazin.de
www.relinfo.ch/index/esoterik.html (kritisch)

Weitere kritische Informationen unter www.ezw-berlin.de

Dr. Matthias Pöhlmann, Mai 2011

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