lexikon_keyvisual.jpg
Lexikon

Neuapostolische Kirche (NAK)

Die Neuapostolische Kirche (NAK) ist mit etwa 350000 Mitgliedern die viertgrößte christliche Kirche Deutschlands (Schweiz 36000, Österreich 5000). Sie hat mehr Mitglieder als alle evangelischen Freikirchen zusammen. Weltweit bekennen sich heute über zehn Millionen Menschen zum neuapostolischen Glauben (1980: 1,8 Millionen). Der Zuwachs ist besonders in Afrika stark, wo 80 % der Mitglieder leben. Im deutschsprachigen Raum, aus dem nach wie vor das Gros des Leitungspersonals und der Finanzierung kommt, sind die Zahlen rückläufig.

Geschichte und Gegenwart

Die Wurzeln der NAK reichen in die angelsächsische Erweckungsbewegung im frühen 19. Jahrhundert zurück. Unter dem Eindruck sozialer Umbrüche fanden sich vielerorts engagierte Christen zusammen, um mit Bibel und Gebet über die Wirren ihrer Zeit nachzudenken. So bildeten sich in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts die „Katholisch-apostolischen Gemeinden“. Ähnlich den fast zeitgleich in den USA entstandenen „Mormonen“ sahen diese Gemeinden sich als das „wiederaufgerichtete Erlösungswerk unseres Herrn“ und wahre Kirche der Endzeit. In den Jahren 1832 bis 1835 wurden in diesen Gemeinden zwölf „Apostel“ berufen, da die Kirche von Aposteln geleitet werden sollte. Man erwartete die baldige Wiederkunft Christi. Nachdem 1855 drei der Apostel gestorben waren, entstand Streit darüber, ob man neue Apostel berufen oder sich dem Gang der Ereignisse fügen sollte. Die britischen Gemeinden entschieden sich für die Naherwartung und gegen Verkirchlichung und Amt: Sie beriefen keine neuen Apostel. Die Auseinandersetzungen führten 1863 in Hamburg zu einer Abspaltung, die neue Apostel einsetzte. Hieraus ging die „Neuapostolische Kirche“ hervor. Auch im 20. Jahrhundert haben sich von der NAK immer wieder Gruppen und Gemeinden getrennt, zu denen aber kaum Beziehungen bestehen, sodass man allenfalls formal von einer Konfessionsfamilie sprechen kann. Die NAK wurde zunehmend hierarchisch und zentralistisch durch einen „Stammapostel“ geführt. Jahrzehntelang lebte sie in selbstgewählter Abgrenzung nach außen. So entstand eine Kirche mit starkem innerem Gemeinschaftsgefühl als „Familie“ und einer ausgeprägten Endzeiterwartung.

Dieses Bild hat sich seit den 1990er Jahren stark verändert. Eine innere Neubesinnung, die Kritik ehemaliger Mitglieder und die durch das Internet gebotenen Möglichkeiten zu Information und Meinungsaustausch haben Öffnungsprozesse in Gang gesetzt. Man darf dies auch als Auswirkung der Parusieverzögerung in einer auf Naherwartung fußenden Kirche deuten.

2006 läutete Stammapostel Wilhelm Leber mit dem „Info-Abend von Uster“ eine Kehrtwende ein, mit der die Öffnung der NAK Fahrt in Richtung Ökumene aufnahm. Eine Reihe von Lehrveränderungen milderte den Exklusivitätsanspruch, Beziehungen zu anderen Kirchen waren nun ausdrücklich erwünscht. Diese Entwicklungen wurden mit der Veröffentlichung des neuen Katechismus der NAK 2012 festgeschrieben. Dieser dient in Ermangelung einer schriftlich niedergelegten Theologie als dogmatische Lehrgrundlage. Seine öffentliche Einführung wurde explizit mit den Anliegen „Ökumene“ und „Theologie“ verknüpft. Beide Begriffe waren in der NAK noch wenige Jahre zuvor negativ konnotiert.

Schon kurz nach dem Info-Abend von Uster traten erste NAK-Gemeinden in lokale ACK ein. Eine Auswertung der Erfahrungen mit diesem lokalen ökumenischen Engagement, das die ACK Deutschland durchführte, ergab ein ausgesprochen positives Bild.

Nach mehrjährigen theologischen Gesprächen wurde die NAK im April 2019 als Gast in die ACK Deutschland aufgenommen. In der Schweiz, den Niederlanden und einigen anderen Ländern ist die NAK seit langem Mitglied des nationalen Kirchenrates.

Lehre

Die NAK sieht sich als Wiederherstellung der Urkirche. Aus ihrer Sicht gehört das Apostelamt zur wahren Kirche. Gegenwärtige Apostel sind demnach den biblischen Aposteln gleichgeordnet und heilsnotwendig, um die „Brautgemeinde“ auf die Wiederkunft Christi vorzubereiten. Zur Brautgemeinde gehören alle durch Apostel „Versiegelten“. Dieses Verständnis des Apostelamts ist für das Selbstverständnis der NAK grundlegend und unterscheidet sie von anderen Kirchen, für die das biblische Apostelamt auf das Wirken in einer bestimmten Zeit begrenzt ist.

Eine Besonderheit ist die Vorstellung von „gegenwärtigen Offenbarungen“ an den Stammapostel. Dies sind „neue Einsichten über Gottes Wirken ..., die in der Heiligen Schrift zwar angedeutet, aber noch nicht vollständig enthüllt sind“ (Katechismus der NAK 1.3). Neu ist hier die angedeutete Bindung von Offenbarungen bzw. neuen Einsichten an die Bibel.

Für die Endzeit kennt die NAK einen genauen Fahrplan. Zunächst erfolgt die „Heimholung der Braut“, also die Entrückung der gläubigen (nicht aller) neuapostolischen Christen. Die Zurückgebliebenen erleben eine „Zeit der großen Trübsal“ auf Erden. Darauf folgt die erste Auferstehung, und Christus errichtet sein Friedensreich. Nach Ende des Friedensreiches folgen zweite Auferstehung und Endgericht, in dem Gott alle Menschen nach ihren Taten richtet. An jedem Punkt können zu den Geretteten auch gläubige Christen anderer Kirchen hinzustoßen (z. B. Märtyrer der Trübsalzeit). Die NAK unterstreicht damit Gottes Souveränität und universalen Heilswillen. Diese Heilsmöglichkeiten für nicht neuapostolische Christen ersetzen die frühere rein exklusivistische Lehre.

Seit 2006 erkennt die NAK die Taufe anderer Kirchen an, im Katechismus von 2012 spricht sie ausdrücklich von der „unsichtbaren Kirche Christi“, zu der alle trinitarisch getauften Gläubigen gehören. Damit wurde erstmals die Existenz von Kirchen ohne Apostelamt anerkannt. Nach wie vor unterscheidet die NAK zwischen Wassertaufe („erstes Näheverhältnis zu Gott“) und Geisttaufe („Versiegelung“), die nur durch Handauflegung eines Apostels erteilt werden kann. Die Versiegelung ist neben Taufe und Abendmahl das dritte Sakrament.

Die NAK bekennt sich zur Basisformel des Ökumenischen Rates der Kirchen. Sie ist deutlich bemüht, ökumenisch anschlussfähig zu werden und zugleich ihre Propria (sogenannte „Sonderlehren“) zu bewahren, ohne die sie – wie alle anderen Konfessionen ohne die ihren – ihr theologisches Existenzrecht verlöre. Unter diesen Propria sind einige in der ökumenischen Diskussion umstritten:

• das gegenwärtige Apostelamt, insbesondere der Stammapostel und die gegenwärtigen Offenbarungen des Heiligen Geistes,
• die Sakramentstheologie, die die trinitarische Taufe – übrigens auch die Taufe der NAK selbst – abwertet, indem sie auf der Heilsnotwendigkeit der Versiegelung besteht,
• das „Entschlafenenwesen“, bei dem abgeleitet aus 1. Kor 15,29 Verstorbene getauft werden und sogar mit ihnen Abendmahl gefeiert wird,
• die exklusivistische Eschatologie und Ekklesiologie, in der anderen Christen nur sekundäre Heilsmöglichkeiten zugestanden werden.

Apostelamt

Das wiedererrichtete Apostelamt ist das wichtigste konfessionelle Unterscheidungsmerkmal der NAK. Weltweit amtieren derzeit ca. 360 Apostel. Das Apostelkollegium ist hierarchisch aufgebaut: An der Spitze steht der Stammapostel mit Sitz in Zürich. Wurde er noch bis 1998 als „Repräsentant des Herrn auf Erden“ bezeichnet, so werden derartige Formulierungen heute abgelehnt. Haupt der Kirche ist Jesus Christus, der Stammapostel gilt als „Haupt der Apostel“ und „oberste geistliche Autorität“. 1951 wurde die Problematik dieses Amtes deutlich, als der 80-jährige Stammapostel Johann Gottfried Bischoff (gest. 1960) verkündete, Christus werde noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen, und diese Botschaft in den Rang einer Heilswahrheit erhob. In der Folge kam es zu Ausschluss und Abspaltung ganzer Gemeinden. Daraus entstand die vor allem im Rheinland verbreitete Vereinigung Apostolischer Gemeinschaften (VAG). Im November 2014 versöhnten sich NAK und VAG. Seit 2013 erklärt die NAK auch, dass Stammapostel Bischoffs Botschaft keine göttliche Offenbarung war. Beides markiert eine Wende mit potenziell weitreichenden und ökumenisch begrüßenswerten Implikationen für das Amtsverständnis.

Einschätzung

Die ökumenische Öffnung der NAK in den letzten Jahren ist unübersehbar und weitreichend. Früher geäußerte Befürchtungen, es handele sich dabei nur um Kosmetik zwecks ökumenischer Anerkennung, haben sich nicht bestätigt. Die zahlreichen ökumenischen Gespräche und die Aufwertung von Theologie und Bibellektüre haben Spuren hinterlassen. So sind an vielen Stellen im Katechismus sprachliche und sachliche Aufnahmen ökumenischer Impulse zu finden, z. B. schließt sich der Kirchenbegriff teilweise an CA VII an.

Es besteht keine offizielle Tisch- oder Kanzelgemeinschaft mit anderen Kirchen, gemeinsame Gottesdienste und Segenshandlungen sind derzeit weder möglich noch erwünscht. Doch die NAK erlaubt ihren Gläubigen die gastweise Teilnahme am Abendmahl anderer Kirchen und lädt auch ihrerseits Gäste zu ihrem Abendmahl ein.

Bei der ökumenischen Einschätzung sind theologische und organisatorische Aspekte zu unterscheiden. Die großen Lehrunterschiede begrenzen ökumenische Lehrannäherung, aber sie schließen ökumenische Mitgliedschaften oder Zusammenarbeit nicht aus. Die Lehrunterschiede zwischen der NAK und anderen Kirchen sind nicht größer oder substanziell anders als zwischen jetzt schon ökumenisch kooperierenden Kirchen.

Die Propria der NAK sind teilweise im weiteren Zusammenhang einzuordnen. So böte es sich z. B. an, das „Entschlafenenwesen“ als Hinterbliebenenseelsorge einer gemeinschaftsstarken Kirche („Unsere Familie“) oder im Kontext der missionstheologischen Einsichten afrikanischer Theologie (Bénézet Bujo u. a.) zum Verhältnis von Ahnenverehrung und Christentum zu sehen, zumal die NAK heute mehrheitlich afrikanisch ist.

Aus evangelischer Sicht wird das gegenwärtige Apostelamt überbetont, da die Rechtfertigung des Sünders durch den Glauben keiner heilsvermittelnden Institution bedarf.

Der exklusive Heilsanspruch der NAK ist abgeschwächt, aber nicht aufgegeben worden. Wenn erst Taufe und Versiegelung die Gotteskindschaft vermitteln, so spricht man indirekt allen anderen Christen die volle Gotteskindschaft ab, was unverbunden neben der Betonung von Gottes universalem Heilswillen steht.

Auch heute, wo man nicht mehr von „neuen Offenbarungen“ des Stammapostels, sondern von „in der Bibel angelegten Einsichten“ spricht, gibt es keine verbindliche Bibelhermeneutik oder geregelten Abläufe, um problematische „Einsichten“ künftiger Stammapostel auszuschließen. Der NAK fehlt oft der vertiefte Umgang mit biblischen Texten, und manche Auslegungen muten willkürlich an. Doch in jüngster Zeit ermuntert man Amtsträger zu theologischen Weiterbildungen (z.  B. in Zusammenarbeit mit evangelischen Einrichtungen) und motiviert zur Benutzung von Fachliteratur bei der Bibelauslegung.

Literatur

• Fincke, Andreas, Die Neuapostolische Kirche, in: Hempelmann, Reinhard u. a. (Hg.), Panorama der neuen Religiosität, Gütersloh 22005, 522-534
• Funkschmidt, Kai (Hg.), Bewahrung und Erneuerung. Ökumenische Analysen zum neuen Katechismus der Neuapostolischen Kirche, EZW-Texte 228, Berlin 2013
• Funkschmidt, Kai, Facelifting oder Reform an Haupt und Gliedern? Die Neuapostolische Kirche erneuert sich und sucht die Ökumene, in: DtPfBl 114 (2014), 161-166
• Katechismus der Neuapostolischen Kirche, Frankfurt a. M. 2012
• Müller-Bahr, Sebastian, Sakramentale Handlungen an Toten in der NAK, in: MEZW 77 (2014), 416-427
• Obst, Helmut, Apostel und Propheten der Neuzeit. Gründer christlicher Religionsgemeinschaften des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 2000, 55-142

Internet

• naki.org (offizielle NAK-Seite)
• glaubenskultur.de (ökumenisch offene Berichte aus der NAK)
• apostolische-geschichte.de (Netzwerk Apostolische Geschichte, innerapostolisch-ökumenische Geschichtsforschung)
• ack-bw.de (in der Rubrik „Publikationen“: Orientierungshilfe, ACK BadenWürttemberg, 2008)

Dr. Kai Funkschmidt, April 2019